Schrift im Alltag · · 7 Minuten Lesezeit

Fraktur heute: Wo man die alte Schrift noch sieht

Als Schrift für Bücher und Zeitungen ist die FrakturFraktur: Gebrochene Druckschrift, die im deutschen Sprachraum rund 400 Jahre lang die übliche Schrift für Bücher und Zeitungen war. seit Jahrzehnten verschwunden. Im Alltag ist sie aber nicht weg. Man findet sie in Zeitungsköpfen, im Apotheken-A, auf Bieretiketten, auf Metal-Alben und sogar in mathematischen Formeln.

Wo sieht man Fraktur heute noch?

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Fraktur die häufigste Druckschrift im deutschsprachigen Raum. Nach dem Normalschrifterlass von 1941 und nach 1945 setzte sich die Antiqua durch. Heute erscheint Fraktur vor allem dort, wo ein Name oder Zeichen alt oder traditionsreich wirken soll.

BereichBeispielBeleg
ZeitungsköpfeFrankfurter Allgemeine Zeitung, Schwäbische Zeitung, New York TimesDWDS, Schwäbische, Cool Hunting
Markenzeichenrotes Apotheken-APharmazeutische Zeitung
Getränke und MusikBieretiketten, Metal-AlbenBlick (2026)
Grabsteineältere GrabsteineBlick (2026)
MathematikFraktur-Alphabet für FormelzeichenUnicode
Politische SzeneVerwendung in rechtsextremen KreisenLandeszentrale Brandenburg

Fraktur, Gotisch, gebrochene Schrift: was gemeint ist

Im Alltag heißt fast jede gebrochene Schrift „Fraktur“. Fachlich ist die Fraktur nur eine Gruppe der gebrochenen Schriften. Daneben stehen etwa die Textura, die Rotunda und die Schwabacher. Im Englischen ist der Sammelbegriff „blackletter“, oft auch „Gothic“ oder eben „Fraktur“. Der Unicode-Bericht zur Mathematik weist ausdrücklich darauf hin, dass Fraktur und Gothic streng genommen eigene Formen sind.

Viele der Beispiele in diesem Beitrag sind daher keine Fraktur im engen Sinn. Der Titel der New York Times etwa wird als „Gothic“ oder „Blackletter“ beschrieben, das Apotheken-A als „gotisches A“. Die Fraktur selbst kann man im Schriftstudio mit anderen gebrochenen Schriften vergleichen.

Zeitungen mit Fraktur im Titel

Der ZeitungskopfZeitungskopf: Bereich oben auf der Titelseite einer Zeitung mit Titel, Datum, Jahrgang und Herausgeber. ist der bekannteste Ort für Fraktur. Die Schwäbische Zeitung schrieb 2019 über ihren eigenen Kopf: „Viele Zeitungen in der Welt tragen ihren Namen – auch Kopf genannt – in Fraktur gesetzt.“ Ihre Überschriften setzt sie in der Walburn, einer Variante der Walbaum, den Fließtext in der Poynter.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die FAZ ist das bekannteste deutsche Beispiel. Das Wörterbuch DWDS führt unter „Zeitungskopf“ einen Satz aus der FAZ vom 21. Dezember 2002 an:

nur der Zeitungskopf in Frakturschrift ist unantastbar.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2002, zitiert nach DWDS

Die Fraktur gehörte von Anfang an dazu. Der Historiker Peter Hoeres beschreibt 2019 in der FAZ die Gründung 1949: Die Zeitung führte die überregionale Ausgabe der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“ fort. Der volle Titel „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hatte zu viele Buchstaben für das kleine Mainzer Format. Erich Welter schlug deshalb die Unterzeile „Zeitung für Deutschland“ vor. Sie sah nach Hoeres in der Antiqua besser aus als in der Fraktur, die der Typograf Albert Fuss für die Überschriften verwendete.

Lange stand Fraktur bei der FAZ auch über den Kommentaren. Mit der Umgestaltung vom 5. Oktober 2007 verschwand sie dort. Werner D’Inka von der FAZ sagte dazu dem „Spiegel“: „Die Fraktur kann man wirklich nicht mehr sehen.“ Der Kopf blieb. 2019 warb die Zeitung mit dem Satz „Freiheit beginnt mit F“; das F zeigte das Fraktur-F aus dem Titel.

Nach 1945: Antiqua in neuen Zeitungen

Für Schleswig-Holstein beschreibt die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, wie die von den Alliierten lizenzierten Zeitungen nach 1945 in Antiqua erschienen. Ein Hamburger Lizenzvertrag hielt fest: „Gothic type will not be used.“ Als ab Herbst 1949 wieder Regionalzeitungen erscheinen durften, erschien keine davon in Fraktur. Eine Ausnahme war der Wesselburener Marschbote, der Lokalnachrichten bis 1951 in Fraktur setzte. Viele Tageszeitungen zeigen laut demselben Beitrag bis heute ihre „konservative Grundhaltung“ dadurch, dass ihr Name unverändert in Fraktur gedruckt wird.

New York Times

Auch außerhalb des deutschen Sprachraums gibt es gebrochene Zeitungstitel. Henry Jarvis Raymond verwendete eine gebrochene Schrift für den Kopf der „New-York Daily Times“, wie die Zeitung anfangs hieß. Später fielen der Bindestrich und der Punkt hinter „Times“ weg. 1967 ließ der Art Director Louis Silverstein den Schriftzug überarbeiten; die Reinzeichnung stammt von Ed Benguiat.

Das Apotheken-A: ein gotischer Buchstabe

Das rote Apotheken-A ist ein gotischer, also gebrochener Großbuchstabe. Die Pharmazeutische Zeitung beschreibt seine Geschichte so:

  1. 1936: Wettbewerb mit weniger als 500 Einsendungen. Der Grafiker Paul Weise gewann mit einem roten gotischen A und einem kleinen weißen Kreuz.
  2. Reichsapothekerführer Albert Schmierer ließ den Entwurf ändern. Statt des Kreuzes kam eine Lebensrune in das A.
  3. Dezember 1951: Die Pharmazeutische Zeitung stellte das Zeichen mit Giftschale und Schlange vor. Eintragung ins Markenregister am 22. August 1952.
  4. 1971–1973: 1971 als Marke angemeldet, im Frühjahr 1972 öffentlich vorgestellt, am 10. Mai 1973 eingetragen. Inhaber der Marke ist heute der Deutsche Apothekerverband.

Bieretiketten, Metal-Alben und Grabsteine

Für diese Bereiche gibt es vor allem Beobachtungen aus der Presse, kaum Zählungen. Die Schweizer Zeitung „Blick“ schrieb im Mai 2026:

Heute begegnen wir ihr fast nur noch auf urchigen Bieretiketten, Metal-Alben oder alten Grabsteinen.
Blick, 11.05.2026

Anlass des Artikels war ein Rätsel im Netz: das Wort „minimum“, geschrieben in einer Art Frakturschrift, an dem viele Leser scheiterten. Wer das Lesen gebrochener Schriften üben möchte, findet Übungen unter Alte Schriften lernen.

Fraktur in der Mathematik

Ein weniger bekannter Ort ist die Mathematik. Dort dienen Fraktur-Buchstaben als eigenes Alphabet für Formelzeichen, neben fetten, kursiven, schreibschriftlichen und doppelt gestrichenen Buchstaben. Der Unicode-Standard enthält dafür eigene Zeichen: eine Reihe „Fraktur“ und eine Reihe „bold Fraktur“ für lateinische Buchstaben. 24 dieser Sonderbuchstaben, darunter einige Fraktur-Zeichen, lagen schon vorher im Block „Letterlike Symbols“ (U+2100 bis U+214F).

Der technische Bericht zur Mathematik in Unicode stellt dabei klar, dass „black letter“ oft Fraktur oder Gothic genannt wird, obwohl das streng genommen verschiedene Schriftarten sind. Für Formeln wichtig: In der Fraktur müssen sich besonders I und J deutlich unterscheiden.

Fraktur und rechtsextreme Szene

Fraktur wird heute auch von Rechtsextremen verwendet. Die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung schreibt dazu 2021:

Eine weitere, heute mitunter in rechtsextremistischen Kreisen gebräuchliche Schriftform, ist die Frakturschrift.
Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Juni 2021

Dieselbe Quelle hält fest, dass die Frakturschrift in der Szene als besonders „deutsche“ Schrift verstanden wird, obwohl gerade sie 1941 im „Dritten Reich“ als „Judenlettern“ verboten wurde. Sie ordnet die Schrift außerdem zeitlich ein: Sie war vom 16. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum üblich. Die Hintergründe des Verbots erklärt der Beitrag zum Normalschrifterlass, die ältere Debatte der Beitrag zum Antiqua-Fraktur-Streit.

Fraktur heute selbst setzen

Digitale Fraktur-Schriften sind frei verfügbar. Wer sie richtig setzen will, braucht neben den Buchstaben auch die alten Regeln, etwa für das lange s und die Ligaturen. Im Schriftstudio lassen sich Texte in mehreren historischen Schriften setzen, eine Übersicht der Formen bietet die Seite zur Fraktur.

Häufige Fragen

Wo wird Fraktur heute noch verwendet?
Vor allem in Zeitungsköpfen wie dem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in Logos und Markenzeichen wie dem Apotheken-A, auf Bieretiketten, in der Gestaltung von Metal-Alben und als eigene Buchstabenreihe in der Mathematik.
Ist der Titel der FAZ in Fraktur?
Ja. Der Zeitungskopf der FAZ ist in Fraktur gesetzt. Für Kommentarüberschriften verwendete die Zeitung bis zur Umgestaltung im Oktober 2007 ebenfalls Fraktur.
Ist das Apotheken-A eine Fraktur?
Das Apotheken-A ist ein rotes gotisches A, also ein Buchstabe in gebrochener Form. Es geht auf einen Wettbewerb von 1936 zurück; Giftschale und Schlange kamen 1951 hinzu.
Ist Fraktur eine Nazi-Schrift?
Fraktur war vom 16. bis ins 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum allgemein üblich. Die NS-Führung verbot sie 1941 sogar für den amtlichen Gebrauch. Die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung stellt fest, dass sie heute mitunter in rechtsextremen Kreisen verwendet wird.
Welche Schrift hat die New York Times im Titel?
Der Titel der New York Times ist in einer gebrochenen Schrift (englisch blackletter) gehalten. Gründer Henry Jarvis Raymond verwendete sie schon für die „New-York Daily Times“; 1967 wurde der Schriftzug von Ed Benguiat neu gezeichnet.

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