Sprachgeschichte · · 7 Minuten Lesezeit
Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch: Zeit, Texte, Beispiele
Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch sind die beiden ältesten Stufen der deutschen Sprache. Althochdeutsch wurde etwa vom 8. Jahrhundert bis um 1050 geschrieben, Mittelhochdeutsch von 1050 bis 1350.
Die Perioden der deutschen Sprachgeschichte
Die Sprachgeschichte des Deutschen wird in Stufen eingeteilt. Die Grenzen sind keine festen Daten, sondern Näherungen. Je nach Darstellung weichen sie um Jahrzehnte ab. Die großen Akademie-Wörterbücher legen folgende Zeiträume zugrunde:
| Sprachstufe | Zeitraum | Wörterbuch |
|---|---|---|
| Althochdeutsch | 8. Jahrhundert bis um 1050 | Althochdeutsches Wörterbuch (Leipzig) |
| Mittelhochdeutsch | 1050 bis 1350 | Mittelhochdeutsches Wörterbuch (Göttingen, Mainz) |
| Frühneuhochdeutsch | Mitte 14. bis Mitte 17. Jahrhundert | Frühneuhochdeutsches Wörterbuch |
| Neuhochdeutsch | seit Mitte 17. Jahrhundert | u. a. Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm (ab Mitte 15. Jh.) |
„Hochdeutsch“ meint hier die Mundarten im Süden und in der Mitte des Sprachgebiets. Sie unterscheiden sich vom Niederdeutschen im Norden durch die zweite Lautverschiebung, die vor Beginn der althochdeutschen Überlieferung abgeschlossen war. Die Zeiträume überschneiden sich: Das Grimmsche Wörterbuch beginnt seine Belege schon im Frühneuhochdeutschen.
Was ist Althochdeutsch?
Eine einheitliche althochdeutsche Sprache gab es nicht. Überliefert sind verschiedene Mundarten, nach dem Althochdeutschen Wörterbuch „vom alemannisch-bairischen Süden über die verschiedenen Teile des Fränkischen“. Geschrieben wurde in Klöstern, meist in lateinischer Umgebung. Viele frühe Belege sind GlossenGlossen: Einzelne deutsche Wörter, die Mönche zur Erklärung über oder neben lateinische Wörter schrieben..
Typische Merkmale im Vergleich zum heutigen Deutsch:
- Volle Vokale in Endsilben, etwa „himile“ (Himmel), „erdu“ (Erde), „rihhi“ (Reich).
- Die Laute der zweiten Lautverschiebung: „ezzan“ für essen, „mahhōn“ für machen.
- Schreibweisen, die noch nicht festgelegt waren, etwa „uu“ für w.
Das Hildebrandslied etwa ist in karolingischer Minuskel geschrieben.
Der Abrogans und das älteste deutsche Vaterunser
Als ältestes Buch in deutscher Sprache gilt die Handschrift Cod. Sang. 911 der Stiftsbibliothek St. Gallen. Sie entstand um 790. Ihr Hauptteil ist ein Glossar: Lateinische Wörter werden mit althochdeutschen Wörtern erklärt. Nach dem ersten Eintrag, „Abrogans – dheomodi“ (bescheiden, demütig), heißt das Glossar Abrogans.
Auf den Seiten 320 bis 322 derselben Handschrift stehen ein althochdeutsches Vaterunser und ein Glaubensbekenntnis. Der Anfang des Vaterunsers lautet:
Fater unseer, thu pist in himile, uuihi namun dinan, qhueme rihhi din, uuerde uuillo diin, so in himile sosa in erdu.
Übersetzt: „Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, es komme dein Reich, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Die Handschrift ist bei e-codices digitalisiert.
Die Merseburger Zaubersprüche
Die Merseburger Zaubersprüche sind zwei Beschwörungen mit vorchristlichem Inhalt. Sie wurden in eine Handschrift des Merseburger Domkapitels mit kirchlichen Texten eingetragen (Cod. 136). Sie sind in stabreimendenStabreim: Reim durch gleiche Anlaute betonter Silben, etwa „ben zi bena, bluot zi bluoda“. Langzeilen in ostfränkischer Mundart verfasst. Der erste Spruch handelt vom Lösen von Fesseln („insprinc haptbandun“), der zweite von der Heilung eines verletzten Pferdes. Der Schluss des zweiten Spruchs lautet:
thu biguolen Uuodan, so he uuola conda: sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki, ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sose gelimida sin!
In der Übersetzung von Viera Glosíková und Veronika Jičínská: „Da besprach ihn Wotan, der es wohl verstand: Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliederverrenkung: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein!“ „Bein“ bedeutet hier Knochen. Wer mit Phol, Sinthgunt und Balder gemeint ist, ist bis heute nicht sicher geklärt.
Das Hildebrandslied
Das Hildebrandslied ist nach der Bibliotheca Augustana das einzige in einer deutschen Sprache überlieferte Heldenlied. Es entstand um 770/780 und wurde um 830 im Kloster Fulda auf die erste und die letzte Seite einer lateinischen theologischen Handschrift geschrieben. Diese liegt heute in Kassel. Die Bibliotheca Augustana beschreibt die Sprache als bairisch-angelsächsische Mischsprache. Der Text bricht vor dem Ende ab.
Der Stoff stammt aus dem Sagenkreis um Theoderich, Odoaker und Attila. Vater und Sohn, Hildebrand und Hadubrand, treffen als Anführer feindlicher Heere aufeinander. Es beginnt mit den Worten:
Ik gihorta dat seggen, ðat sih urhettun ænon muotin, Hiltibrant enti Haðubrant untar heriun tuem.
Wörtlich etwa: „Ich hörte das sagen, dass sich Herausforderer allein begegneten, Hildebrand und Hadubrand, zwischen zwei Heeren.“ Die Formen „ik“ und „dat“ zeigen k und t ohne Lautverschiebung.
Im erhaltenen Text fragt Hildebrand den jungen Krieger nach seinem Vater. Hadubrand antwortet, alte Leute hätten ihm erzählt, sein Vater heiße Hildebrand und sei einst mit Theoderich vor Odoaker nach Osten geflohen. Nach der Bibliotheca Augustana tötet Hildebrand im nicht erhaltenen Schlussteil seinen Sohn im Zweikampf.
Was ist Mittelhochdeutsch?
Mittelhochdeutsch ist die Sprache der Zeit von etwa 1050 bis 1350. Das Mittelhochdeutsche Wörterbuch der Akademien Göttingen und Mainz nennt als Quellen „Lieder der Minnesänger, die Predigten der Mönche oder die Urkunden der Amtmänner und Kanzlisten“. Viele Wörter haben andere Endungen als im Althochdeutschen: Das etymologische Wörterbuch im DWDS führt etwa ahd. „erda“ und mhd. „erde“ an.
Um 1200 entstanden das Nibelungenlied und die Lieder Walthers von der Vogelweide. Viele Texte sind nur in späteren Abschriften überliefert. Ein Bild Walthers etwa enthält die Große Heidelberger Liederhandschrift vom Beginn des 14. Jahrhunderts. Die Schrift der Titelkarte oben ist eine Textura.
Ein paar Wörter mit anderer Bedeutung
| Mittelhochdeutsch | Bedeutung damals | Heute |
|---|---|---|
| mære | Kunde, Nachricht, Erzählung | Mär, Märchen |
| ar(e)beit | Mühsal, Plage, Anstrengung | Arbeit |
| hôchgezît | hohes Fest, Feiertag | Hochzeit |
Das Nibelungenlied
Das Nibelungenlied entstand nach der Bibliotheca Augustana zwischen 1150 und 1200 im Donauraum. Eine Endfassung wurde wohl um 1190/1200 erstellt, vielleicht im Umkreis des Passauer Bischofs Wolfger. Der Dichter ist unbekannt. Erhalten sind 32 Handschriften, davon zehn vollständig. Die drei wichtigsten heißen A, B und C.
Die bekannte erste Strophe steht in den Handschriften A und C, nicht aber in B. In der Ausgabe von Karl Bartsch lautet sie:
Vns ist in alten maeren wunders vil geseit
von heleden lobebaeren, von grozer arebeit,
von vroevden hohgeciten, von weinen und von klagen,
von chvener recken striten muget ir nu wunder hoeren sagen.
Karl Simrock übersetzte die Strophe 1868 so:
Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit
Von preiswerthen Helden, von großer Kühnheit,
Von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,
Von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen.
Die Strophe zeigt die Form der NibelungenstropheNibelungenstrophe: Strophe aus vier paarweise reimenden Langzeilen, jede durch eine Pause in An- und Abvers geteilt.: vier Langzeilen, die sich paarweise reimen.
Zwei Fassungen: „nôt“ und „liet“
Die Handschriften unterscheiden sich nicht nur in Einzelheiten. Nach der Bibliotheca Augustana gilt der Text der Handschriften A (um 1280) und B (um 1250) als die ältere Fassung, die sogenannte „nôt“-Fassung. Die Handschrift C ist zwar älter (um 1230), ihre Textfassung aber etwa 20 Jahre jünger. Sie heißt „liet“-Fassung und steht der höfischen Epik näher. Wolfram von Eschenbach zitiert das Epos um 1204 in seinem „Parzival“, wohl in der Fassung C. Ob alle Fassungen auf einen einzigen Urheber zurückgehen, ist ungeklärt.
Walther von der Vogelweide
Walther von der Vogelweide gilt als bedeutendster Lyriker des deutschen Mittelalters. Er wurde um 1170 geboren und starb um 1230. Über sein Leben ist wenig bekannt. Die einzige Urkunde, die ihn nennt, stammt vom 12. November 1203: Bischof Wolfger von Passau schenkte ihm fünf Soldi für einen Pelzmantel. Walther wirkte an mehreren Höfen, darunter in Wien und am Hof Hermanns von Thüringen.
Sein bekanntestes Liebeslied beginnt so:
Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ mugent ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Übersetzt: „Unter der Linde auf der Heide, wo unser beider Lager war, da könnt ihr schön gebrochen Blumen und Gras finden.“ Ebenso bekannt ist der Spruch „Ich saz ûf eime steine“ (Ich saß auf einem Stein). Darin fragt Walther, wie man Ehre, Besitz und Gottes Gnade zugleich erwerben könne.
Der Übergang zum Frühneuhochdeutschen
Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts spricht man von Frühneuhochdeutsch. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch beschreibt den Wortschatz bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. In diese Zeit fallen der Buchdruck und die Bibelübersetzung Martin Luthers. Wer Texte aus dieser Zeit im Original lesen möchte, findet Übungen auf der Seite Texte in alten Schriften lesen.
Häufige Fragen
- Wann sprach man Althochdeutsch?
- Althochdeutsch ist die älteste schriftlich überlieferte Stufe des Deutschen. Die Überlieferung beginnt im 8. Jahrhundert; als Ende wird meist die Mitte des 11. Jahrhunderts angesetzt, um 1050.
- Wann sprach man Mittelhochdeutsch?
- Das Mittelhochdeutsche Wörterbuch erfasst den Zeitraum von 1050 bis 1350. Danach folgt das Frühneuhochdeutsche, das bis etwa zur Mitte des 17. Jahrhunderts reicht.
- Was ist das älteste deutsche Buch?
- Als ältestes Buch in deutscher Sprache gilt die Abrogans-Handschrift der Stiftsbibliothek St. Gallen (Cod. Sang. 911) von etwa 790. Sie enthält ein lateinisch-althochdeutsches Glossar sowie das älteste deutsche Vaterunser und Glaubensbekenntnis.
- Wie beginnt das Nibelungenlied?
- In den Handschriften A und C beginnt es mit der Strophe „Uns ist in alten mæren wunders vil geseit“, auf Deutsch etwa: In alten Erzählungen wird uns viel Wunderbares berichtet. In der Handschrift B fehlt diese Strophe.
- Kann man Mittelhochdeutsch heute noch verstehen?
- Teilweise. Viele Wörter sind erkennbar, etwa in Walthers „Under der linden an der heide“. Andere haben ihre Bedeutung geändert; mære etwa bedeutete Nachricht oder Erzählung.