Dialekte und Varietäten · · 7 Minuten Lesezeit

Deutsch in Österreich und der Schweiz: die Unterschiede

Deutsch hat nicht eine, sondern mehrere Standardformen. In Österreich sagt man Jänner und Paradeiser, in der Schweiz Velo und parkieren und schreibt kein ß. Diese Formen sind keine Fehler und kein Dialekt, sondern korrektes Standarddeutsch des jeweiligen Landes.

Was bedeutet „plurizentrisch“?

Eine plurizentrische Spracheplurizentrische Sprache: Eine Sprache mit mehreren Zentren, die jeweils eine eigene, gleichberechtigte Standardform haben. hat mehrere Zentren mit eigener Standardform. Beim Deutschen unterscheidet die Forschung nach dem Variantenwörterbuch des Deutschen „Vollzentren“ (Deutschland, Österreich, Schweiz), „Halbzentren“ (Liechtenstein, Luxemburg, Südtirol, Ostbelgien) und seit der zweiten Auflage auch „Viertelzentren“: Rumänien, Namibia und die Mennonitensiedlungen in Mexiko.

Wichtig ist die Unterscheidung von Standard und Dialekt. Wörter wie Paradeiser oder Velo stehen in Zeitungen, Gesetzen und Schulbüchern. Sie gehören zur Standardsprache, auch wenn sie nur in einem Teil des Sprachgebiets gelten. Die Dialekte sind ein eigenes Thema; dazu mehr im Beitrag über deutsche Dialekte.

Das Variantenwörterbuch des Deutschen

Das Variantenwörterbuch verzeichnet Wörter und Wendungen der Standardsprache, die nur in einem Teil des Sprachgebiets gelten oder dort anders gebraucht werden. Die erste Auflage erschien 2004 nach sechs Jahren Arbeit mit rund 12.000 Stichwörtern. Die zweite Auflage erschien Ende 2016, herausgegeben von Ulrich Ammon, Hans Bickel und Alexandra N. Lenz. Erarbeitet wurde sie in einem trinationalen Projekt mit Arbeitsstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Neu sind darin Varianten aus den Viertelzentren. Nach einer Besprechung in der Zeitschrift Lexikos sind es 79 Wörter aus Rumänien, 37 aus Namibia und 46 aus den mexikanischen Mennonitensiedlungen. Mehr dazu im Beitrag über Deutsch in der Welt.

Österreichisches Deutsch: Jänner, Paradeiser, Sackerl

Das maßgebliche Nachschlagewerk ist das Österreichische Wörterbuch. Es erschien 1951 im Auftrag des Unterrichtsministeriums mit rund 20.000 Stichwörtern, vor allem für die Schule. Es ersetzte die Regelbücher von 1879 und 1902 als amtliche Grundlage der Rechtschreibung an Schulen und in Ämtern. Heute umfasst es fast 90.000 Stichwörter.

Bekannte Austriazismen sind Jänner für Januar, das der Duden als österreichisch und seltener süddeutsch kennzeichnet und auf mittelhochdeutsch jenner zurückführt, sowie Sackerl für Tüte, im Duden als bayrisch und österreichisch markiert.

Das Protokoll Nr. 10

Beim Beitritt zur Europäischen Union ließ Österreich einen Teil seines Wortschatzes vertraglich absichern. Das Protokoll Nr. 10 zum Beitrittsvertrag ist seit dem 1. Januar 1995 in Kraft (BGBl. Nr. 45/1995). Es bestimmt:

„Die in der österreichischen Rechtsordnung enthaltenen und im Anhang zu diesem Protokoll aufgelisteten spezifisch österreichischen Ausdrücke der deutschen Sprache haben den gleichen Status und dürfen mit der gleichen Rechtswirkung verwendet werden wie die in Deutschland verwendeten entsprechenden Ausdrücke …“
Protokoll Nr. 10, Ziffer 1, nach RIS

Der Anhang nennt 23 Ausdrücke, fast alle aus dem Bereich Lebensmittel. Nach dem ORF hatte das Landwirtschaftsministerium 1993 eine Liste mit rund 110 Wörtern vorgelegt, darunter Blunzen, Semmel und Stelze. Übrig blieben:

ÖsterreichDeutschland
BeiriedRoastbeef
EierschwammerlPfifferlinge
ErdäpfelKartoffeln
FaschiertesHackfleisch
FisolenGrüne Bohnen
GrammelnGrieben
HüferlHüfte
KarfiolBlumenkohl
KohlsprossenRosenkohl
KrenMeerrettich
LungenbratenFilet
MarillenAprikosen
MelanzaniAubergine
NussKugel
ObersSahne
ParadeiserTomaten
PowidlPflaumenmus
RibiselJohannisbeeren
RostbratenHochrippe
SchlögelKeule
TopfenQuark
VogerlsalatFeldsalat
WeichselnSauerkirschen

Der zweite Artikel des Protokolls bestimmt, dass in der deutschen Fassung neuer Rechtsakte die österreichischen Ausdrücke den in Deutschland verwendeten „in geeigneter Form hinzugefügt“ werden. Warum gerade Lebensmittel? Nach dem ORF-Bericht über die Arbeit von Heidemarie Markhardt galten Wörter für Speisen als besonders nah am Alltag der Menschen. Begriffe aus Recht und Verwaltung kamen nicht in die Liste.

Österreich, Schweiz, Deutschland: Wörter im Alltag

Die Grenzen zwischen den Varianten folgen nicht immer den Staatsgrenzen. Manche Wörter gelten auch in Süddeutschland, andere nur in einem Teil eines Landes. Der Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) der Universitäten Salzburg und Lüttich zeigt das an vielen Beispielen:

SacheDeutschland (überwiegend)ÖsterreichSchweiz
Kleines WeißbrotBrötchen; in Bayern SemmelSemmelBrötli, Mütschli, Weggli
Möbel für KleidungSchrankKastenKasten im Norden und Osten
Kohl mit roten BlätternRotkohl; in Bayern BlaukrautBlaukraut im Westen, Rotkraut im Osten und SüdenRotkraut, roter Chabis
Monat JanuarJanuarJännerJanuar
FahrradFahrradFahrradVelo

Die Beispiele zeigen: Semmel ist auch in Bayern üblich, Blaukraut in Bayern und Westösterreich, Kasten auch in Liechtenstein und Südtirol. Der Duden kennzeichnet Jänner deshalb als österreichisch und „seltener süddeutsch“ und Sackerl als bayrisch und österreichisch. Einige Wörter, die als typisch österreichisch gelten, sind also auch in Süddeutschland verbreitet. Das Variantenwörterbuch erfasst deshalb auch Wörter, deren Verbreitung auf einzelne Regionen beschränkt ist.

Schweizer Hochdeutsch: Velo, parkieren, Trottoir

Auch die Schweiz hat eigene Wörter in der Standardsprache. Der Duden kennzeichnet unter anderem diese als schweizerisch:

  • Velo für Fahrrad, eine Kurzform von Veloziped.
  • parkieren für parken.
  • Trottoir für Bürgersteig, aus dem Französischen; außerhalb der Schweiz veraltend oder landschaftlich.

Warum die Schweiz kein ß schreibt

Das auffälligste Merkmal ist das fehlende ß. Nach dem Leitfaden der Schweizerischen Bundeskanzlei verschwand es Ende der 1930er-Jahre aus dem Schulstoff. Ein Artikel im Pressespiegel der Universität Zürich nennt das Jahr 1938: Damals beschloss die Erziehungsdirektion des Kantons Zürich, das Zeichen nicht mehr zu lehren. Als letzte Schweizer Tageszeitung verzichtete die „Neue Zürcher Zeitung“ ab dem 4. November 1974 darauf. Seither schreibt man ss: Strasse, gross, Fuss.

Über die Gründe gibt es unterschiedliche Ansichten. Die Zürcher Germanistin Christa Dürscheid nennt als Vermutung die Schreibmaschine: Auf der Schweizer Standardtastatur sei das ß zugunsten französischer und italienischer Zeichen eingespart worden. Der Linguist Peter Gallmann hält das für vorgeschoben und verweist auf die Aussprache des Schweizerdeutschen. Mehr zur Geschichte des Buchstabens im Beitrag über das Eszett.

Schweizerdeutsch und Standard: die Diglossie

In der Deutschschweiz stehen gesprochene Dialekte neben geschriebenem Hochdeutsch. Diese Aufteilung heißt DiglossieDiglossie: Das Nebeneinander zweier Formen einer Sprache, die für unterschiedliche Zwecke verwendet werden.. Die meisten Dialekte der Deutschschweiz gehören nach dem Historischen Lexikon der Schweiz zum Hochalemannischen, erkennbar etwa an Chind für Kind. Basel bildet eine Ausnahme und gehört zum Niederalemannischen.

Das Hochdeutsche setzte sich als Schriftsprache nach dem Lexikon erst mit der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert ganz durch. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Dialekt dagegen zur normalen Alltagssprache in fast allen Bereichen, auch in Politik, Kirche, Schule und Medien.

Liechtenstein, Südtirol, Ostbelgien, Luxemburg

GebietStellung des DeutschenBeleg
LiechtensteinStaats- und AmtsspracheArt. 6 der Verfassung von 1921
Südtirol (Italien)dem Italienischen gleichgestellt; deutsche Sprachgruppe 2011: 69,41 ProzentArt. 99 und 100 des Autonomiestatuts
OstbelgienAmtssprache in einem eigenen Gebiet mit neun Gemeinden, rund 78.500 EinwohnerAufteilung Belgiens in drei Sprachgemeinschaften
LuxemburgVerwaltungs- und Gerichtssprache neben Luxemburgisch und FranzösischSprachengesetz von 1984

Liechtenstein: Artikel 6 der Verfassung lautet: „Die deutsche Sprache ist die Staats- und Amtssprache.“

Südtirol: Die Rechte der deutschen Sprache beruhen auf dem Autonomiestatut von 1972. Danach ist Deutsch in der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol dem Italienischen gleichgestellt. Nach der Volkszählung 2011 gehörten 69,41 Prozent der Bevölkerung zur deutschen, 26,06 Prozent zur italienischen und 4,53 Prozent zur ladinischen Sprachgruppe.

Ostbelgien: Das Gebiet um Eupen und St. Vith kam nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag zu Belgien. Heute ist Belgien offiziell dreisprachig; Deutsch ist Amtssprache in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Sie umfasst neun Gemeinden mit rund 78.500 Einwohnern, etwa 0,7 Prozent der belgischen Bevölkerung.

Luxemburg: Das Sprachengesetz vom 24. Februar 1984 legt Luxemburgisch als Landessprache fest. Gesetze werden auf Französisch abgefasst. Luxemburgisch, Französisch und Deutsch sind Verwaltungs- und Gerichtssprachen.

Viele Wörter, die heute als österreichisch oder schweizerisch gelten, stehen auch in älteren Drucken in Fraktur. Wer solche Texte lesen möchte, findet Hilfe unter Texte lesen.

Häufige Fragen

Ist österreichisches Deutsch eine eigene Sprache?
Nein. Österreichisches Deutsch ist eine Standardvarietät des Deutschen. Die Sprachwissenschaft beschreibt Deutsch als plurizentrische Sprache mit mehreren gleichberechtigten Standardvarietäten, vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Warum gibt es in der Schweiz kein ß?
Das ß wurde in der Schweiz im 20. Jahrhundert schrittweise aufgegeben. Im Kanton Zürich wurde es ab 1938 an den Schulen nicht mehr gelehrt; die NZZ verzichtete als letzte Schweizer Tageszeitung ab dem 4. November 1974 darauf.
Was ist das Protokoll Nr. 10?
Ein Protokoll zum EU-Beitrittsvertrag Österreichs, in Kraft seit 1. Januar 1995. Es stellt 23 österreichische Ausdrücke, fast alle aus dem Bereich Lebensmittel, den in Deutschland üblichen Ausdrücken rechtlich gleich, etwa Paradeiser neben Tomaten.
Was ist der Unterschied zwischen Schweizerdeutsch und Schweizerhochdeutsch?
Schweizerdeutsch ist der Sammelbegriff für die alemannischen Dialekte der Deutschschweiz, die im Alltag gesprochen werden. Schweizerhochdeutsch ist die geschriebene Standardsprache der Schweiz mit eigenen Wörtern wie Velo oder parkieren.
Wo ist Deutsch Amtssprache?
In Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein, außerdem in Luxemburg als Verwaltungs- und Gerichtssprache, in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und in Südtirol gleichgestellt mit dem Italienischen.

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