Schriftgeschichte · · 5 Minuten Lesezeit

Der Antiqua-Fraktur-Streit: eine Zeitleiste

Über Jahrhunderte wurden im deutschen Sprachraum zwei Druckschriften verwendet: die gebrochene Fraktur und die runde Antiqua. Die Frage, welche von beiden die richtige sei, wird als Antiqua-Fraktur-Streit bezeichnet. Die folgenden Daten sind aus den Quellen unten belegt.

Zeitleiste

  1. 1465

    Konrad Sweynheym und Arnold Pannartz drucken in Subiaco bei Rom in einer frühen Antiqua-Type; 1467 ziehen sie nach Rom (nach Wikipedia).

  2. 1513

    Im Gebetbuch Kaiser Maximilians I. wird erstmals eine Type nach Vorbild der Kanzleischrift verwendet.

  3. 1517

    Der „Theuerdank“ erscheint in Nürnberg bei Hans Schönsperger, Maximilians Drucker. Aus seiner Type ging später die FrakturFraktur: Gebrochene Druckschrift, die im deutschen Sprachraum rund 400 Jahre lang die übliche Schrift für Bücher und Zeitungen war. hervor.

  4. um 1515–1525

    Hieronymus Andreae schneidet zusammen mit dem Schreibmeister Johann Neudörffer eine Fraktur für Dürers Ehrenpforte. Die Fraktur bleibt bis ins 19. Jahrhundert die vorherrschende Druckschrift im deutschen Sprachraum.

  5. 12. März 1798

    Katharina Elisabeth Goethe schreibt ihrem Sohn über die „lateinischen Lettern“: „wären Deine Schriften mit den fatalen Aristokraten gedruckt, so allgemein wären sie bey all ihrer Vortrefflichkeit nicht geworden — Schneider — Nähterinnen — Mägde alles ließt es“.

  6. 1854

    Jacob Grimm wendet sich in der Vorrede zum ersten Band des „Deutschen Wörterbuchs“ gegen die Fraktur und die Großschreibung der Substantive: „Leider nennt man diese verdorbene und geschmacklose schrift (die fraktur) sogar eine deutsche …“. Das Wörterbuch erscheint in Antiqua.

  7. 1885/1886

    Gründung des „Vereins für Altschrift“, der sich für die Antiqua einsetzt. Zu den Gründern gehören Konrad Duden und Friedrich Soennecken.

  8. 1910–1914

    Ludwig Sütterlin legt dem preußischen Kultusministerium 1910 Entwürfe für Schulschriften vor; 1914 entstehen zwei Normalalphabete, eine deutsche und eine lateinische Ausgangsschrift.

  9. 4. Mai 1911

    Der Reichstag berät eine Petition des „Allgemeinen Vereins für Altschrift“. Die Petitionskommission beantragt Überweisung zur Berücksichtigung, der Abgeordnete Bindewald den Übergang zur Tagesordnung. Bei der Zählung stimmen 85 mit Ja und 82 mit Nein. Das Protokoll vermerkt: „Das Haus ist also beschlußunfähig“. Die Sitzung wird abgebrochen.

  10. 17. Oktober 1911

    Erneute Abstimmung durch Aufstehen, ohne Zählung. Der Antrag Bindewald wird angenommen, die Petition damit abgelehnt.

  11. 1918

    Nach Plata entsteht der „Bund für deutsche Schrift“ als Dachverband der Vereine, die sich für die Fraktur einsetzen.

  12. 1934

    Der preußische Kultusminister verbietet am 16. Juli die Antiqua in Schulfibeln. Ab dem 7. September ist deutsche Druckschrift für amtliche Drucksachen verbindlich (nach Plata).

  13. 3. Januar 1941

    Ein Rundschreiben Martin Bormanns erklärt die Antiqua zur „Normal-Schrift“. Druckerzeugnisse sollen nach und nach umgestellt werden.

  14. 1. September 1941

    Ein Runderlass des Reichserziehungsministeriums bestimmt: „Künftig soll an den Schulen nur eine Schrift, die Normalschrift, gelehrt werden.“

Weiterlesen

Mehr zu den Ereignissen von 1941 steht im Beitrag Der Normalschrifterlass von 1941, mehr zu Sütterlin im Beitrag Sütterlin und Kurrent.

Häufige Fragen

Was war der Antiqua-Fraktur-Streit?
Eine Auseinandersetzung darüber, ob deutsche Texte in Fraktur oder in Antiqua gedruckt und geschrieben werden sollen. Sie zog sich vom 18. Jahrhundert bis 1941.
Hat der Reichstag 1911 mit 85 zu 82 Stimmen gegen die Antiqua gestimmt?
Nein. Bei der Zählung am 4. Mai 1911 stimmten 85 mit Ja und 82 mit Nein; das Haus war damit beschlussunfähig. Abgelehnt wurde die Petition erst am 17. Oktober 1911, ohne Stimmenzählung.
Welche Schrift bevorzugte Goethe?
Das ist nicht eindeutig belegt. Belegt ist ein Brief seiner Mutter vom 12. März 1798, in dem sie sich auf ein Gespräch mit ihm über die lateinischen Lettern bezieht und für die deutsche Schrift eintritt.
Wie endete der Streit?
Mit dem Rundschreiben vom 3. Januar 1941, das die Antiqua zur Normalschrift erklärte, und den Schulerlassen vom 1. September 1941.

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