Schriftgeschichte · · 6 Minuten Lesezeit

Der Normalschrifterlass von 1941

Am 3. Januar 1941 ordnete ein Rundschreiben der NSDAP an, die gebrochenen Schriften durch die Antiqua zu ersetzen. Es wird als Normalschrifterlass bezeichnet.

Das Rundschreiben vom 3. Januar 1941

Das Rundschreiben ist unterzeichnet von Martin Bormann, Stabsleiter des Stellvertreters des Führers, und ergeht „im Auftrage des Führers“. Anlass war eine Besprechung Hitlers am selben Tag auf dem Obersalzberg mit Max Amann und dem Druckereibesitzer Adolf Müller, der den „Völkischen Beobachter“ druckte. Nach Friedrich Beck war es nicht zur Veröffentlichung bestimmt und richtete sich an Reichsleiter, Gauleiter und Verbändeführer. Der Wortlaut nach Planet Wissen:

„Zu allgemeiner Beachtung teile ich im Auftrage des Führers mit: Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern. Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden. Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben; Ernennungsurkunden für Beamte, Strassenschilder u.dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden. Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen. gez. M. Bormann“

Für die Behauptung über den Ursprung der Schrift gibt es keine Belege. Die Schwabacher ist ab etwa 1470/1480 als Druckschrift belegt; den Buchdruck mit beweglichen Lettern entwickelte Johannes Gutenberg um 1450 in Mainz.

Weitergabe an die Behörden

Am 13. Januar 1941 gab Hans Heinrich Lammers, Chef der Reichskanzlei, den Beschluss an die obersten Reichsbehörden weiter. Darin heißt es, „daß Urkunden des Staates, Anschläge und Veröffentlichungen von Behörden, Strassenschilder, Bahnhofsnamen u. dgl. künftig nur in Normalschrift geschrieben und gedruckt werden.“

Die Schulerlasse vom 1. September 1941

Am 1. September 1941 erließ das Reichserziehungsministerium zwei Runderlasse. Der Erlass „Schreibunterricht“ bestimmt: „Künftig soll an den Schulen nur eine Schrift, die Normalschrift, gelehrt werden.“ Ausgangsschrift im ersten Schuljahr sind die Richtformen der Normalschrift. Damit endete der Unterricht in der deutschen Schreibschrift, auch in der Sütterlinschrift.

Der zweite Erlass regelt den Leseunterricht: „Damit die Frakturschriften in den bisherigen Büchern und Schriften noch weiterhin gelesen werden können, wird das Lesen dieser Schriften im zweiten und dritten Schuljahr gelehrt. […] Auf das Lesen von Schreibschriften in ‚deutscher Schrift‘ muß verzichtet werden.“ Im Schuljahr 1941/42 durfte das Lesenlernen bis zum Neudruck der Fibeln wie bisher bleiben.

Die Umstellung der Presse

Nach Beck erschienen die führenden Presseorgane der NSDAP ab 1941 in Antiqua, darunter der „Völkische Beobachter“, „Der Angriff“ und die „Berliner Börsenzeitung“; später folgte eine Antiqua-Ausgabe von „Mein Kampf“. Die Umstellung verlief nicht überall gleichzeitig. In Schleswig-Holstein stellte das Gauorgan „Schleswig-Holsteinische Tageszeitung“ am 10. November 1941 um, die „Flensburger Nachrichten“ am 1. November 1943. Die meisten anderen Regionalzeitungen dort erschienen bis Kriegsende in FrakturFraktur: Gebrochene Druckschrift, die im deutschen Sprachraum rund 400 Jahre lang die übliche Schrift für Bücher und Zeitungen war..

Die Jahre vor 1941

In den ersten Jahren nach 1933 wurde die Fraktur amtlich gefördert. Nach Plata verbot der preußische Kultusminister am 16. Juli 1934 die Antiqua in Schulfibeln, ab dem 7. September 1934 war deutsche Druckschrift für amtliche Drucksachen verbindlich. Am 27. März 1940 beschloss eine Ministerkonferenz im Propagandaministerium nach Beck, Propaganda für das Ausland nur noch in Antiqua zu drucken.

Nach 1945

Die deutsche Schreibschrift wurde nach dem Krieg nicht wieder als Schulschrift eingeführt. Lizenzzeitungen der Besatzungszeit erschienen in Antiqua; im Lizenzvertrag einer Hamburger Zeitung heißt es nach Plata: „Gothic type will not be used.“ In Schleswig-Holstein erschien ab Herbst 1949 keine Regionalzeitung mehr in Fraktur.

Häufige Fragen

Was ist der Normalschrifterlass?
Ein Rundschreiben vom 3. Januar 1941, unterzeichnet von Martin Bormann. Es erklärte die Antiqua zur „Normal-Schrift“ und ordnete an, Druckerzeugnisse nach und nach auf sie umzustellen.
War der Erlass öffentlich?
Nein. Nach Friedrich Beck war das Rundschreiben nicht zur Veröffentlichung bestimmt und an Parteidienststellen gerichtet. Am 13. Januar 1941 gab Hans Heinrich Lammers den Beschluss an die obersten Reichsbehörden weiter.
Was änderte sich an den Schulen?
Ein Runderlass vom 1. September 1941 legte fest, dass an Schulen nur noch die Normalschrift gelehrt wird. Fraktur sollte im zweiten und dritten Schuljahr noch lesen gelernt werden, das Lesen der deutschen Schreibschrift entfiel.
Wurde die Fraktur nach 1945 wieder eingeführt?
Nein. Die deutsche Schreibschrift wurde nach dem Krieg nicht wieder als Schulschrift eingeführt. Lizenzzeitungen erschienen in Antiqua.

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