Dialekte und Varietäten · · 7 Minuten Lesezeit

Rotwelsch: Gaunersprache und jiddische Wörter im Deutschen

Rotwelsch ist die alte Geheimsprache der Bettler, Gauner und Fahrenden im deutschen Sprachraum. Viele ihrer Wörter stammen aus dem Jiddischen und Hebräischen. Einige davon sind heute Umgangssprache: Ganove, Pleite, Knast oder Schlamassel.

Was ist Rotwelsch?

Nach dem Historischen Lexikon der Schweiz ist Rotwelsch „die ab ca. 1250 im dt. Sprachraum benutzte Geheimsprache herumziehender berufsmässiger Bettler“ und anderer Betrüger. Sprachwissenschaftlich ist es keine vollständige Sprache, sondern ein SoziolektSoziolekt: Die Sprachform einer bestimmten sozialen Gruppe.: Es hat keine eigene Grammatik und kein eigenes Lautsystem, sondern einen eigenen Wortschatz.

Dieser Wortschatz besteht aus deutschen Wörtern mit verschobener Bedeutung und aus Entlehnungen, vor allem aus dem Jiddischen und aus dem Romani, der Sprache der Sinti und Roma. Rotwelsch war eine SonderspracheSondersprache: Eine Sprachform, die nur eine bestimmte Gruppe verwendet, oft mit eigenem Wortschatz.: Außenstehende sollten sie nicht verstehen.

Woher kommt der Name Rotwelsch?

Das Wort ist alt. Nach dem Etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer (DWDS) ist mittelhochdeutsch rotwalsch im 13. Jahrhundert belegt; das Historische Lexikon der Schweiz nennt ein Passional aus der Mitte des 13. Jahrhunderts mit der Bedeutung „falsch, arglistig“.

  • rot(t): nach Pfeifer ein rotwelsches Wort für „schlauer Bettler“. Später habe auch rot im Sinn von „falsch, betrügerisch“ eingewirkt.
  • welsch: ursprünglich die Bezeichnung für Romanisches, im übertragenen Sinn seit dem 16. Jahrhundert „fremd, unverständlich“.

Als Substantiv bezeichnete Rotwelsch dann die „unverständliche Sprache der Gauner und Landstreicher“, später auch betrügerische Rede.

Der Liber Vagatorum (1510) und Luthers Ausgabe (1528)

Wer Rotwelsch aufschrieb, wollte meist vor Betrug warnen. Schon die „Basler Betrügnisse der Gyler“ von 1433/40 beschreiben die Tricks falscher Bettler. Eine Schrift Gerold Edlibachs von 1488 enthält ein rotwelsches Wörterverzeichnis.

Das bekannteste Werk ist der Liber vagatorum („Buch der Landstreicher“), gedruckt um 1510 mit dem deutschen Untertitel „Der Betler orden“. Das Historische Lexikon der Schweiz schreibt das anonyme Werk dem Pforzheimer Spitalmeister Matthias Hütlin zu. Die Basler Betrügnisse dienten ihm als Grundlage. Das Buch hat drei Teile:

  1. Beschreibungen verschiedener Arten betrügerischer Bettler,
  2. ergänzende Hinweise und Warnungen,
  3. den „vocabularius“, ein Wörterverzeichnis des Rotwelschen mit 219 Wörtern.

Der Liber vagatorum wurde bis 1755 immer wieder nachgedruckt, auch in einer niederdeutschen Fassung. 1528 erschien in Wittenberg eine Ausgabe unter dem Titel „Von der falschen Betler buberey, Mit einer Vorrede Martini Luther“. Luther stellte dem Text eine eigene Vorrede voran. Mehr zu Luthers Rolle für die deutsche Sprache im Beitrag über die Lutherbibel.

Wer Drucke aus dieser Zeit im Original lesen möchte, findet Hilfe unter Texte lesen und in der Übersicht zur Schwabacher.

Jiddische und hebräische Wörter im Deutschen

Über das Rotwelsch und die Gaunersprache gelangten zahlreiche Wörter jiddischer und letztlich hebräischer Herkunft in die deutsche Umgangssprache. Die folgende Tabelle folgt dem Etymologischen Wörterbuch von Pfeifer, wie es im DWDS steht.

WortBedeutungHerkunft nach PfeiferBelegt seit
GanoveGauner, Diebjidd. gáneff, hebr. gannāv „Dieb“17. Jh. im Rotwelsch
PleiteBankrottrotw. Pleite „Flucht (vor Zahlungsunfähigkeit)“, jidd. plejte, hebr. pelēṭā „Flucht, Rettung“Mitte 19. Jh., Berliner Gaunersprache
MoosGeldjidd. moos, mous „Geld“, hebr. mā‛ōth „kleinere Münzen“Meß 16. Jh., Moos 18. Jh.
KiesGeldunsicher: jidd. kis „Beutel“ oder rotw. Kies „Stein“aus der Gaunersprache
KnastHaft, Gefängnisvermutlich jidd. knass, knast „Strafe“; vgl. hebr. qānas „strafen“Anfang 19. Jh.
MasselGlückjidd. masol, mazzal, hebr. mazzāl „(Glücks)stern“19. Jh.
SchlamasselUnglück, Missgeschickwohl jidd. schlemasl „was nicht Glück ist“; unsicher18. Jh.
meschuggeverrücktjidd. meschuggo, hebr. mešugga‘19. Jh.
StussUnsinnjidd. schtus, neuhebr. šṭūt „Dummheit“18. Jh.
ZoffStreit, Ärgerwohl rotw./jidd. sof „Ende“, aus miser sof „böses Ende“20. Jh., zuerst Jugendsprache

Vermasseln und Mäuse

Von Massel ist nach Pfeifer das Verb vermasseln abgeleitet. Es stammt aus der Gaunersprache und wurde um 1900 umgangssprachlich. Zu Moos vermerkt das DWDS, dass als Wortspiel daraus der Plural Mäuse für Geld entstand.

Wörter aus dem Romani

Nicht alles kommt aus dem Jiddischen. Kaff für ein armseliges Dorf beruht nach Pfeifer wohl auf Romani gāw „Dorf“, vielleicht beeinflusst von rotwelsch-jiddisch kefar „Dorf“. Es wurde zuerst in der Gaunersprache gebraucht und im 19. Jahrhundert in die Umgangssprache übernommen. Weitere Lehnwörter im Deutschen stellt der Beitrag über Lehnwörter vor.

Wie kamen die Wörter in die Umgangssprache?

Die Etymologien im DWDS zeigen einen wiederkehrenden Weg: Ein jiddisches Wort wird zuerst in der Gaunersprache belegt und gelangt später in die allgemeine Umgangssprache. Die Zeitpunkte sind sehr unterschiedlich.

  • Pleite bedeutete im Rotwelschen zunächst die „Flucht“ vor der Zahlungsunfähigkeit. Das jiddische plejte meinte die rettende Flucht vor der Schuldhaft. Belegt ist das Wort zuerst um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Berliner Gaunersprache. Heute bedeutet es Bankrott.
  • Moos für Geld ist in älteren Formen schon früh belegt: Mäß im 15., Meß im 16. und Moos im 18. Jahrhundert. Nach Pfeifer klang das hebräische Wort in aschkenasischer Aussprache bereits wie „moos“.
  • Ganove ist seit dem 17. Jahrhundert im Rotwelschen bezeugt. Zugrunde liegt jiddisch gáneff „Dieb“.
  • Zoff ist dagegen jung. Pfeifer belegt es erst im 20. Jahrhundert, zuerst in der Jugendsprache.

Unsichere Herleitungen

Nicht jede Herkunft ist geklärt. Bei Kies für Geld schreibt Pfeifer, das Wort sei „nicht sicher zu deuten“. Möglich sei jiddisch kis „Beutel, Säckel“, möglich aber auch rotwelsch Kies „Stein“, passend zu rotwelsch Steiner „Münzgeld“. Bei Schlamassel nennt er neben dem Jiddischen auch eine Bildung mit deutsch „schlimm“, also etwa „schlimmer Stern“. Ein rotwelscher Beleg Schlamassen stammt von 1847. Auch die Herleitung von Zoff versieht er mit „wohl“.

Stuss hatte regional weitere Bedeutungen. Pfeifer nennt „Spaß, Albernheit“ und bei alemannischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts auch „Zank, Streitigkeit“, vielleicht durch Vermischung mit „Stoß“.

Jenisch

Eng verwandt mit dem Rotwelschen ist das Jenische, die Sprache der Jenischen. Das Historische Lexikon der Schweiz beschreibt ihren Grundwortschatz von rund 600 Wörtern als „sprachhistorisch eng mit dem spätmittelalterlichen Rotwelsch verwandt“. Viele jenische Familien haben auch Vorfahren unter Sinti und Roma. Im Kanton Bern wurden die Jenischen 1975 als eigenständige Volksgruppe anerkannt.

Das Adjektiv jenisch verzeichnet das DWDS mit zwei Bedeutungen: „die Landfahrer betreffend, auf ihre Art“ und „klug, gewitzt“.

Weitere Sondersprachen: Drucker, Bergleute, Jäger

Eigene Wortschätze haben auch viele Berufsgruppen. Anders als das Rotwelsch dienen sie nicht der Geheimhaltung, sondern der genauen Verständigung im Fach.

GruppeWortBedeutung nach DWDS
BergleuteGlückaufBergmannsgruß
BergleuteSchicht„ein Wort des Bergbaus“; Schichtarbeit zuvor im Bergbau (19. Jh.)
JägerLöffelOhr des Hasen, Kaninchens
JägerLauscherOhr des Schalenwildes
JägerSchweißBlut des angeschossenen Wildes

In der Jägersprache haben Körperteile des Wildes eigene Namen. Beim Hasen und beim Kaninchen heißen die Ohren Löffel, beim Schalenwild Lauscher. Das Blut des angeschossenen Wildes heißt Schweiß; das DWDS nennt als Beispiel „das Reh verlor viel Schweiß, ehe es verendete“. Aus dem Bergbau stammt der Gruß „Glückauf“. Auch das Wort Schicht nennt Pfeifer „ein Wort des Bergbaus, das schon früh bis ins Obd. vordringt“, also ins Oberdeutsche.

Druckersprache

Auch Buchdrucker und Setzer hatten ihre eigene Fachsprache. Einige ihrer Ausdrücke sind in die Alltagssprache übergegangen. Sie werden im Beitrag über Redewendungen aus der Druckerei erklärt; zum Arbeitsplatz des Setzers siehe den Beitrag über den Setzkasten.

Häufige Fragen

Was ist Rotwelsch?
Rotwelsch ist die seit etwa 1250 im deutschen Sprachraum belegte Geheimsprache fahrender Bettler und Gauner. Sprachwissenschaftlich gilt es als Soziolekt, denn es hat keine eigene Grammatik, sondern vor allem einen eigenen Wortschatz.
Was bedeutet das Wort Rotwelsch?
Nach dem Etymologischen Wörterbuch von Pfeifer ist es gebildet aus rotwelsch rot(t) „schlauer Bettler“ und welsch „fremd, unverständlich“. Später wirkte auch rot im Sinn von „falsch, betrügerisch“ ein.
Welche deutschen Wörter kommen aus dem Jiddischen?
Über die Gaunersprache kamen unter anderem Ganove, Pleite, Moos, Knast, Massel, Schlamassel, meschugge und Stuss ins Deutsche. Sie gehen auf jiddische Wörter zurück, die meist hebräischen Ursprungs sind.
Was ist der Liber Vagatorum?
Ein um 1510 gedrucktes Büchlein über die Tricks betrügerischer Bettler. Sein dritter Teil ist ein Wörterverzeichnis des Rotwelschen mit 219 Wörtern. Martin Luther gab es 1528 mit eigener Vorrede neu heraus.
Ist Jenisch dasselbe wie Rotwelsch?
Nicht ganz. Jenisch ist die Sprache der Jenischen; das Adjektiv jenisch bedeutet nach dem DWDS unter anderem „die Landfahrer betreffend“. Ihr Grundwortschatz von rund 600 Wörtern ist nach dem Historischen Lexikon der Schweiz eng mit dem spätmittelalterlichen Rotwelsch verwandt.

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