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Redewendungen aus der Druckerei: Herkunft geprüft
Aus Druckerei und Setzerei stammen viele Fachwörter, und einige sind in die Alltagssprache gewandert. Nicht jede Wendung, die nach Druckerei klingt, kommt aber auch von dort. Dieser Beitrag geht die bekanntesten Begriffe durch und sagt zu jedem, ob die Herkunft belegt, unklar oder eine Legende ist.
Überblick: Begriffe und ihr Herkunftsstatus
„Belegt“ heißt hier: Ein maßgebliches Wörterbuch führt die Bedeutung im Druck- oder Satzwesen auf. Das sagt noch nicht, warum ein Wort so gewählt wurde. Diese Frage ist oft offen.
| Begriff | Bedeutung im Satz oder Druck | Status |
|---|---|---|
| Hurenkind | Absatzende allein oben auf neuer Seite | Bedeutung belegt, Benennung nach Duden erklärt |
| Schusterjunge | Absatzanfang allein unten auf der Seite | Bedeutung belegt, Benennung unklar |
| Zwiebelfisch | Buchstabe aus fremder Schrift | belegt, Übertragung unklar |
| Leiche | ausgelassenes Wort | belegt (18. Jh.) |
| Hochzeit | doppelt gesetztes Wort | belegt (18. Jh.) |
| Spieß | mitdruckender Ausschluss | belegt (ab 1721) |
| Fahne | Korrekturabzug | belegt |
| Speck | bezahlte, aber leichte Arbeit | belegt |
| Schweizerdegen | Setzer und Drucker zugleich | Bedeutung belegt, Benennung vermutet |
| Gautschen | Lehrlingsbrauch mit Wasser | belegt, Alter umstritten |
| Schwarze Kunst | Beiname des Buchdrucks | Herkunft unsicher |
| zwischen den Zeilen lesen | Ungesagtes erkennen | kein Druckbezug belegt |
| aus dem Effeff | sehr gut können | nicht aus dem Druck |
Hurenkind und Schusterjunge
Beide Wörter bezeichnen einzelne Zeilen am falschen Ort beim Seitenumbruch. Sie stammen aus dem BleisatzBleisatz: Text, der aus einzelnen Metalllettern zusammengesetzt wird – von Hand oder mit der Setzmaschine. Bis in die 1970er Jahre die übliche Art, Bücher und Zeitungen zu setzen. und werden in der Typografie bis heute verwendet.
Hurenkind
Das Grimmsche Wörterbuch schreibt 1877: „in der sprache der buchdrucker heiszt hurenkind die als erste zeile einer seite placierte ausgangszeile eines satzes, eine stellung die sie nach den regeln der typographie nie einnehmen darf.“ Der Duden definiert ebenso: eine Einzelzeile, die einen Absatz abschließt und am Anfang einer neuen Seite oder Spalte steht.
Zur Benennung gibt der Duden eine Erklärung: Die Zeile stehe an einer Stelle, an der sie nicht stehen soll, und falle aus der Ordnung heraus, so wie früher uneheliche Kinder gesellschaftlich ausgegrenzt waren. Das ist eine Deutung des Wörterbuchs, kein historischer Beleg für die Benennung.
Schusterjunge
Den Schusterjungen erklärt der Duden in der Druckersprache als „auf der vorangehenden Seite bzw. in der vorangehenden Spalte stehende Anfangszeile eines neuen Abschnitts“. Grimm kennt das Wort 1899 nur als Lehrling eines Schusters und als Name eines billigen Brötchens, nicht als Satzbegriff. Warum die Setzer die Zeile so nannten, erklärt keine der geprüften Quellen. Die Herkunft ist unklar.
Zwiebelfisch, Leiche, Hochzeit, Spieß: Wörter für Setzerfehler
Die meisten Druckerwörter, die heute noch bekannt sind, benennen Fehler. Wie sie im SetzkastenSetzkasten: Flacher Holzkasten mit vielen Fächern, in denen die Lettern einer Schrift liegen – häufige Buchstaben in großen Fächern nahe beim Setzer. entstanden, steht im Beitrag über den Setzkasten.
- Zwiebelfisch: nach Duden ein versehentlich verwendeter Buchstabe aus einer anderen Schrift. Grimm zitiert eine ältere, weitere Bedeutung aus Geßners Buchdruckerkunst von 1743: „die auf die erde fallenden buchstaben“. Vor der Druckerei war der Zwiebelfisch ein billiger Weißfisch. Warum der Name übertragen wurde, ist nicht belegt.
- Leiche: „der fehler den der setzer begeht, wenn er eins oder mehrere wörter ausläszt“, so Grimm nach Jacobssons Technologischem Wörterbuch.
- Hochzeit: Ein Setzer hat „eine hochzeit gemacht“, wenn er aus Versehen ein Wort, eine Zeile oder eine Stelle doppelt gesetzt hat. Auch das steht bei Grimm, ebenfalls nach Jacobsson.
- Spieß: ein schwarzer Fleck zwischen Wörtern und Zeilen, verursacht durch Ausschluss, der zu hoch steht und mitdruckt (Duden). Grimm nennt nach Klenz’ „Druckersprache“ Belege von 1721, 1740, 1805 und 1884.
- Jungfrau: das Gegenteil, nämlich eine Fahne mit dem Abzug eines fehlerfreien Textes (Duden, Druckersprache).
Ob die Bilder hinter Leiche und Hochzeit so gemeint waren, wie man sie heute liest – das Wort fehlt, das Wort kommt doppelt –, sagen die Wörterbücher nicht. Die Bedeutungen selbst sind gut belegt.
Fahne, Spalte, Speck: Wörter aus dem Satzbetrieb
Fahne ist im Druckwesen ein Korrekturabzug auf losen Blättern oder Streifen, noch bevor der Satz in Seiten umbrochen ist (Duden). Grimm verzeichnet 1862: „den buchdruckern heiszt der abzug von einzelnen seiten eines bogens eine fahne.“
Spalte im Sinne einer Textspalte ist ebenfalls bei Grimm belegt: „spalten oder columnen einer druckseite, in welche die buchdrucker die zeilen ein- oder mehrfach absetzen“. Grimm zitiert dazu einen Beleg bei Benedix: „ich wüsste oft nicht, wie ich meine spalten füllen sollte.“
Speck war in der Druckersprache Arbeit, die dem Setzer unverhofften Nutzen brachte: Seiten mit wenig Text, leere Seiten, Schmutztitel oder wiederverwendbare Titelzeilen, die trotzdem voll bezahlt wurden. Grimm führt dazu eine Erklärung Leipziger Buchdruckereibesitzer von 1873 an.
ferner beanspruchen die verbandssetzer eine nochmalige, selbst oftmalige zahlung für eine bereits einmal bezahlte arbeit, wenn diese wieder benutzt wird (den sog. ‚speck‘).
Schweizerdegen und Gautschen
Schweizerdegen
Ein Schweizerdegen ist nach Duden jemand, der als Schriftsetzer und als Drucker ausgebildet ist. Grimm zitiert Heinrich Seidel: „so nennt man einen drucker, der zugleich setzer ist, und solche werden verlangt in den kleinen druckereien, wo einer alles machen musz.“
Zur Benennung gibt es nur Vermutungen. Der Duden schreibt „wohl nach den zweischneidigen Schwertern der alten schweizerischen Söldner“. Grimm vermutet, solche Arbeiter seien vielleicht oft aus der Schweiz gekommen, und der Ausdruck knüpfe an die Waffe an. Beide Wörterbücher formulieren das ausdrücklich als Annahme.
Gautschen
Gautschen ist ein Brauch der Buchdrucker zum Ende der Lehrzeit. Der Lehrling wird in eine wassergefüllte Bütte getaucht oder auf einen nassen Schwamm gesetzt und erhält einen Gautschbrief. Der Duden erklärt den Brauch damit, dass der Lehrling symbolisch von den schlechten Gewohnheiten der Lehrzeit gereinigt werden soll. In Österreich zählt die Österreichische UNESCO-Kommission das Gautschen zum immateriellen Kulturerbe.
Das Wort selbst kommt aus der Papierherstellung. Dort bedeutet gautschen, den frisch geschöpften Bogen aus der Form auf eine Unterlage zu legen und zu pressen. Grimm beschreibt diesen Arbeitsschritt; der Duden leitet das Wort wahrscheinlich von französisch coucher oder englisch to couch ab. Wann der Brauch entstand, ist umstritten (siehe Hinweis unten).
Warum heißt der Buchdruck „Schwarze Kunst“?
„Schwarze Kunst“ hat zwei Bedeutungen. Die ältere ist Zauberei. Das DWDS erklärt sie als Lehnübersetzung von Nekromantie, die im Lateinischen volksetymologisch zu nigromantia („schwarze Geisterbeschwörung“) umgedeutet wurde. Die zweite Bedeutung ist scherzhaft und veraltend: der Buchdruck.
Für die Druckbedeutung schreibt das DWDS, der Ursprung sei „vermutlich“ die schwarze Farbe beim Druck. Das ist die gängige Erklärung, aber ausdrücklich eine Vermutung. Wilfried Kusterka weist im Blog zur Druck- und Mediengeschichte auf eine zweite Spur hin: Meyers Konversationslexikon von 1909 meinte, die Verwechslung des Zauberers Faust mit Gutenbergs Geldgeber Johannes Fust habe zur Verbreitung beigetragen. Belegt ist das nicht. Kusterka nennt außerdem ein Gutenberg-Drama von 1808, in dem Gutenberg „Schwarzkünstler“ genannt wird.
Hinzu kommt eine dritte Bedeutung: Im Brockhaus von 1808 heißt die Schabkunst, eine Technik des Kupferstichs, ebenfalls „schwarze Kunst“, wegen ihres schwarzen Grundes. Wie der Buchdruck tatsächlich zu dem Namen kam, bleibt offen.
„In Druck gehen“ und „unter Druck stehen“
Das DWDS trennt zwei Wörter „Druck“. Das eine bedeutet das Vervielfältigen von Texten und Bildern und ist seit dem 15. Jahrhundert belegt. Dazu gehören Wendungen wie „das Manuskript geht in den Druck“ oder „befindet sich im Druck“. Sie stammen also tatsächlich aus dem Buchdruck.
Das andere „Druck“ bedeutet „das Drücken, Zwang, Belastung“ und ist heute auch ein Fachwort der Technik, etwa in Luftdruck. Der Bedeutung nach gehören „unter Druck stehen“ und „unter Druck geraten“ zu diesem zweiten Wort. Sie kommen nicht aus der Druckerei.
Was nicht aus der Druckerei stammt
Zwischen den Zeilen lesen
Im Satz gibt es einen Fachbegriff für den Raum zwischen den Zeilen: den DurchschussDurchschuss: Im Bleisatz der Abstand zwischen zwei Zeilen, erzeugt durch eingelegte nicht druckende Streifen.. Grimm verzeichnet ihn 1860 als „bei den buchdruckern der leere raum zwischen zwei zeilen“. Die Redensart „zwischen den Zeilen lesen“ führt Grimm aber unter Zeile im allgemeinen Sinn, mit einem Beispiel von Fontane, und erklärt sie als „ungeschriebenes, ungesagtes aus andeutungen oder kennzeichnenden lücken begreifen“. Einen Bezug zum Satz stellt keine der geprüften Quellen her. Wer die Wendung aus der Druckerei herleitet, tut das ohne Beleg.
Aus dem Effeff
Für „etwas aus dem Effeff können“ nennt das DWDS die Herkunft unklar. Am ehesten gehe es auf die kaufmännische Abkürzung ff für „fein-fein“, also „sehr fein“, zurück. Im 19. Jahrhundert wurde es Ff, ff oder FF geschrieben. Eine Verbindung zum Buchdruck nennt das DWDS nicht.
Mehr über das Handwerk hinter diesen Wörtern steht in den Beiträgen über Gutenbergs Verfahren und die Setzmaschinen und den Fotosatz. Zum Sperren als Auszeichnung im Fraktursatz gibt es einen eigenen Beitrag über den Sperrsatz.
Häufige Fragen
- Was ist ein Hurenkind im Satz?
- Ein Hurenkind ist die letzte Zeile eines Absatzes, die allein oben auf einer neuen Seite oder Spalte steht. Satzregeln verlangen, das zu vermeiden. Grimm verzeichnet die Bedeutung schon 1877.
- Was ist ein Schusterjunge?
- Ein Schusterjunge ist die erste Zeile eines neuen Absatzes, die allein unten auf der vorangehenden Seite oder Spalte steht. Warum sie so heißt, ist nicht geklärt.
- Kommt „zwischen den Zeilen lesen“ aus der Druckerei?
- Dafür gibt es keinen Beleg. Das Grimmsche Wörterbuch führt die Redensart unter Zeile im allgemeinen Sinn von geschriebenen oder gedruckten Zeilen, ohne Bezug auf den Satz.
- Warum heißt der Buchdruck „Schwarze Kunst“?
- Das DWDS hält die schwarze Druckfarbe für den vermutlichen Ursprung. Die ältere Bedeutung von „schwarze Kunst“ ist Zauberei; eine Verbindung zur Faust-Sage wird diskutiert, ist aber nicht belegt.
- Was bedeutet Gautschen?
- Gautschen ist ein Brauch der Buchdrucker: Nach bestandener Prüfung wird der Lehrling in eine Wanne mit Wasser getaucht oder auf einen nassen Schwamm gesetzt und erhält einen Gautschbrief. Das Wort stammt aus der Papierherstellung.
- Stammt „aus dem Effeff“ aus dem Buchdruck?
- Nein. Das DWDS nennt die Herkunft unklar und hält am ehesten die kaufmännische Abkürzung ff für „fein-fein“ für den Ursprung.