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Lehnwörter im Deutschen: Latein, Französisch, Englisch & Co.
Viele Wörter, die ganz deutsch wirken, stammen aus anderen Sprachen. Mauer, Fenster und Wein kamen aus dem Lateinischen, Onkel und Tante aus dem Französischen, Konto und Kredit aus dem Italienischen, Sport und Streik aus dem Englischen. Jede Epoche hat ihre eigene Schicht von Lehnwörtern hinterlassen.
Was ist ein Lehnwort, was ist ein Fremdwort?
Der Duden beschreibt ein Lehnwort als ein aus einer fremden Sprache übernommenes Wort, das sich in Aussprache, Schreibweise und Flexion der übernehmenden Sprache angepasst hat. Sein Beispiel ist Mauer aus lateinisch murus. Ein FremdwortFremdwort: Aus einer anderen Sprache übernommenes Wort, dem man seine Herkunft in Schreibung, Aussprache oder Beugung noch ansieht. dagegen ist ebenfalls übernommen, zeigt seine Herkunft aber noch, etwa durch eine ungewohnte Schreibung oder einen fremden Plural.
In der Sprachwissenschaft gilt diese Grenze als unscharf. Der Germanist Peter von Polenz nannte die herkömmliche Unterscheidung nach Schreibung, Lautung und Beugung 1967 „unbefriedigend“. Nach diesem Maßstab wären verbreitete Wörter wie Lexikon und Atlas wegen ihres besonderen Plurals Fremdwörter, seltene Fachwörter wie Enzyklopädie dagegen Lehnwörter. Polenz hielt die Herkunft eines Wortes für eine Frage der Sprachgeschichte. Für die heutige Sprache zähle eher, wer ein Wort in welcher Situation und mit welcher Bedeutung gebraucht.
| Merkmal | Lehnwort | Fremdwort |
|---|---|---|
| Beispiel | Mauer, Fenster, Keller | Trottoir, Etage, Computer |
| Schreibung | deutsch angepasst | oft wie in der Herkunftssprache |
| Aussprache | deutsch | teils fremd |
| Beugung | deutsch | teils fremder Plural (Lexika, Atlanten) |
Lateinische Lehnwörter aus der Römerzeit
Die älteste große Schicht stammt aus dem Kontakt mit dem Römischen Reich. Laut Pfeifers Etymologischem Wörterbuch entlehnten die germanischen Stämme Mauer aus lateinisch mūrus, als sie die römische Steinbautechnik kennenlernten. Die Beispiele unten betreffen Hausbau, Vorrat, Wein und Verkehr. Bei Keller zeigt das anlautende K nach Pfeifer, dass das Wort früh entlehnt wurde, als das lateinische c am Wortanfang noch als k gesprochen wurde.
| Wort | Lateinische Quelle | Ältester deutscher Beleg (Pfeifer) |
|---|---|---|
| Mauer | mūrus | Althochdeutsch, 8. Jh. |
| Fenster | fenestra „Öffnung in der Wand“ | ahd. fenstar, um 1000 |
| Wein | vīnum | Althochdeutsch, 8. Jh. |
| Straße | spätlat. strāta (via strāta) | ahd. strāʒa, 8. Jh. |
| Keller | cellārium „Vorratskammer“ | ahd. kellāri, 8. Jh. |
Die Jahreszahlen nennen den ältesten deutschen Beleg, nicht den Zeitpunkt der Entlehnung. Einen genauen Zeitpunkt gibt Pfeifer bei diesen Wörtern nicht an; bei Wein und Keller schreibt er nur, sie seien „früh“ entlehnt worden.
Latein der Kirche und der Schrift
Eine zweite lateinische Schicht kam mit dem Christentum und der Schriftkultur. Kloster geht nach Pfeifer auf vulgärlateinisch clōstrum zurück, eine Nebenform von kirchenlateinisch claustrum. Das Wort kam mit der Einführung des römischen Christentums an den Mittelrhein und ist als ahd. klōstar im 10. Jahrhundert belegt.
Schule stammt aus lateinisch schola, das auf griechisch scholḗ „Muße, gelehrte Unterhaltung“ zurückgeht. Pfeifer setzt die Entlehnung nach den Lautformen etwa im 6. Jahrhundert an; ahd. scuola ist im 9. Jahrhundert belegt. schreiben kommt aus lateinisch scrībere. Pfeifer vermutet zwei Entlehnungen: eine frühere mit der Bedeutung „anordnen, bestimmen“ und eine spätere mit der Bedeutung „lateinische Buchstaben schreiben“. Wie diese Buchstaben im Mittelalter aussahen, zeigt die Seite zur karolingischen Minuskel.
Italienische Wörter aus Handel und Musik
Aus dem Italienischen stammen zentrale Wörter des Geldwesens, die meisten aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Ein Sonderfall ist Bank: Das Sitzmöbel ist ein germanisches Erbwort. Die Bank als Geldinstitut ist nach Pfeifer im 15. Jahrhundert aus italienisch banco „Tisch der Geldwechsler“ entlehnt, das seinerseits aus dem Germanischen stammt. Das Wort kam also als RückentlehnungRückentlehnung: Wort, das aus einer Sprache in eine andere entlehnt wurde und später in veränderter Form oder Bedeutung zurückkehrt. zurück.
- Konto: um 1500 aus italienisch conto „Rechnung“.
- Kredit: im 15. Jahrhundert aus italienisch credito; in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam französisch crédit hinzu.
- Giro: im 17. Jahrhundert entlehnt, verbreitet erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
- Oper: aus italienisch opera „Werk“; die Bedeutung „Bühnenwerk mit Musik“ erscheint im Deutschen etwa Mitte des 17. Jahrhunderts.
Französische Lehnwörter im 17. und 18. Jahrhundert
Polenz spricht von einer „kulturellen Vorherrschaft“ des Lateinischen und des Französischen, die bis ins 18. Jahrhundert auf dem Deutschen lastete. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen viele französische Wörter für Wohnen, Familie und Stadtleben. Einige haben ältere deutsche Wörter verdrängt.
| Wort | Französische Quelle | Zeit (Pfeifer) | Was es verdrängte |
|---|---|---|---|
| Möbel | meuble (afrz. mueble) | ab frühem 17. Jh. als Meubles | – |
| Etage | étage | zu Beginn des 18. Jh. allgemein geläufig | – |
| Onkel | oncle | um 1700 | Oheim |
| Tante | tante | um 1700 | Base, Muhme |
| Trottoir | trottoir | Ende 18. Jh. | – |
Manche dieser Wörter leben heute vor allem regional weiter. Das DWDS kennzeichnet Trottoir als meist in der Schweiz gebraucht; in Deutschland sagt man eher Gehweg oder Bürgersteig. Mehr zu solchen Unterschieden steht im Beitrag über Deutsch in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Englische Lehnwörter seit dem 19. Jahrhundert
Aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen nach Pfeifer Sport (aus englisch sport „Zeitvertreib“) und Streik (aus strike). Das Verb streiken wurde um 1865 gebildet. Tunnel kam in den 1820er Jahren aus dem Englischen; das englische Wort geht auf altfranzösisch tonel „Fass“ zurück.
Im 20. Jahrhundert trat das amerikanische Englisch hinzu. Computer wurde laut DWDS Mitte des 20. Jahrhunderts übernommen. Wörter wie Computer behalten Schreibung und Aussprache weitgehend bei und gelten deshalb nach der herkömmlichen Einteilung als Fremdwörter, Sport und Streik dagegen sind angepasst.
Wörter aus dem Jiddischen und Hebräischen
Eine Reihe von Wörtern kam aus dem Hebräischen über das Jiddische und die Gaunersprache RotwelschRotwelsch: Sondersprache von Fahrenden, Händlern und Gaunern im deutschen Sprachraum, mit vielen jiddischen Wörtern. ins Deutsche.
- Ganove: aus jiddisch gáneff, hebräisch gannā́v „Dieb“. Im Rotwelsch ist Ganeff seit dem 17. Jahrhundert belegt. Die Form Ganove ist aus dem vermeintlichen Plural Ganoven rückgebildet und wurde im 19. Jahrhundert allgemein gebräuchlich.
- Pleite: aus hebräisch pelēṭā „Flucht, Rettung“ über jiddisch plejte „rettende Flucht (vor der Schuldhaft)“. Das Wort erscheint Mitte des 19. Jahrhunderts in der Berliner Gaunersprache und ging von dort in die Umgangssprache über.
Mehr zu dieser Sondersprache steht im Beitrag über Rotwelsch.
Arabische Wörter auf Umwegen
Wörter arabischer Herkunft kamen meist nicht direkt ins Deutsche, sondern über andere Sprachen.
Zucker
Das deutsche Wort ist nach Pfeifer aus italienisch zucchero (sizilianisch zuccaru) entlehnt. Das romanische Wort beruht auf arabisch sukkar, dieses geht auf altindisch śárkarā zurück. Im Deutschen ist zuckar in einer Handschrift des 13. Jahrhunderts belegt.
Alkohol
Arabisch kuḥl bezeichnete ein fein gepulvertes Färbemittel für die Schminke (Antimon). Über hispanoarabisch al-kuḥúl gelangte das Wort ins Spanische und ins mittelalterliche Latein der Alchemisten. Dort stand es auch für Stoffe, die durch Sublimation oder Destillation gewonnen wurden. Paracelsus verwendete 1526/27 alcohol vini für den „Geist“ des Weines. Daraus entwickelte sich die heutige Bedeutung.
Kaffee
Arabisch qahwa ging ins Türkische (kahve) über. Ins Deutsche kam das Wort im 17. Jahrhundert über französisch café und englisch coffee; bis ins 18. Jahrhundert standen Kaffee und Koffee nebeneinander.
Sprachpurismus: Verdeutschung von Fremdwörtern
Gegen Fremdwörter gab es im Deutschen immer wieder organisierte Bewegungen. Polenz nennt als Höhepunkte die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft, nach der Reichsgründung 1871 und den Beginn des Ersten Weltkriegs.
Joachim Heinrich Campe
Der Pädagoge Joachim Heinrich Campe (1746–1818) veröffentlichte 1801 das „Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke“, 1813 in erweiterter Auflage. Einige seiner Vorschläge setzten sich durch. Nach Pfeifer schlug Campe 1789 Zerrbild für Karikatur und 1791 Stelldichein für Rendezvous vor. Stelldichein wurde zunächst verspottet und später in die Literatursprache aufgenommen. Andere Vorschläge blieben ohne Erfolg, etwa Haarkräusler für Friseur oder Zwanggläubiger für Katholik.
Heinrich von Stephan und die Post
Heinrich von Stephan (1831–1897) leitete die Post des Norddeutschen Bundes und später des Reiches, ab 1876 als Generalpostmeister. Die Allgemeine Deutsche Biographie nennt ihn einen „eifrigen Bekämpfer des Fremdwörterunfugs“ und verweist auf seine Verfügungen vom 31. Dezember 1874 und 21. Juni 1875. Das DWDS datiert postlagernd als Übersetzung von poste restante auf 1875. Fernsprecher führte die Post laut DWDS 1875 als deutschen Ausdruck für Telefon ein.
Allgemeiner Deutscher Sprachverein
1885 wurde der Allgemeine Deutsche Sprachverein gegründet. Nach Polenz begann er mit der Verdeutschung von Fremdwörtern und hatte um 1900 „beachtliche Erfolge“ im Wortschatz des öffentlichen Lebens. Sprachwissenschaftler wie Friedrich Kluge und Otto Behaghel unterstützten ihn, Literaturwissenschaftler wie Erich Schmidt und Gustav Roethe bekämpften ihn. Nach 1933 forderte der Verein laut Polenz von Behörden Verordnungen gegen Fremdwörter in Ämtern, Rundfunk, Handel und Gaststätten.
Aus derselben Zeit stammt Bahnsteig. Das DWDS datiert das Wort auf 1886 und vermerkt, dass es sich gegen das ältere Perron durchsetzte. In der Schweiz ist Perron bis heute üblich.
| Fremdwort | Verdeutschung | Herkunft der Verdeutschung |
|---|---|---|
| Karikatur | Zerrbild | Campe, 1789 |
| Rendezvous | Stelldichein | Campe, 1791 |
| poste restante | postlagernd | 1875 (Post) |
| Telephon | Fernsprecher | 1875 von der Post eingeführt |
| Perron | Bahnsteig | 1886 belegt |
Wie sich solche Wörter in alten Drucken lesen, lässt sich auf der Seite Lesen ausprobieren. Weitere Quellen zur Wortgeschichte sammelt die Seite Quellen; das Online-Wörterbuch DWDS enthält Pfeifers Etymologie frei zugänglich.
Häufige Fragen
- Was ist der Unterschied zwischen Lehnwort und Fremdwort?
- Ein Lehnwort hat sich nach Duden in Aussprache, Schreibung und Beugung an das Deutsche angepasst, etwa Mauer aus lateinisch murus. Ein Fremdwort lässt seine Herkunft noch erkennen. Die Sprachwissenschaft hält die Grenze allerdings für unscharf.
- Welche deutschen Wörter kommen aus dem Lateinischen?
- Zu den ältesten gehören Mauer, Fenster, Wein, Straße und Keller, die in der Römerzeit oder bald danach entlehnt wurden. Mit dem Christentum und der Schriftkultur kamen Wörter wie Kloster, Schule und schreiben hinzu.
- Ist Zucker ein arabisches Wort?
- Zucker kam über das Italienische (zucchero) ins Deutsche. Das italienische Wort beruht auf arabisch sukkar, das wiederum auf ein altindisches Wort zurückgeht.
- Woher kommt das Wort Pleite?
- Pleite stammt aus dem Hebräischen und kam über das Jiddische und die Gaunersprache Rotwelsch Mitte des 19. Jahrhunderts ins Berliner Deutsch und von dort in die Umgangssprache.
- Wer hat Fremdwörter eingedeutscht?
- Bekannt sind Joachim Heinrich Campe mit seinem Verdeutschungswörterbuch (1801, erweitert 1813), Generalpostmeister Heinrich von Stephan mit Verfügungen von 1874 und 1875 und der 1885 gegründete Allgemeine Deutsche Sprachverein.