Druck und Handwerk · · 7 Minuten Lesezeit
Der Setzkasten: Aufbau, Fächer und Setzersprache
Der Setzkasten ist der Arbeitsplatz des Handsetzers: ein flacher Holzkasten mit vielen Fächern, in denen die Lettern einer Schrift in einer Größe liegen. Die Fächer sind unterschiedlich groß. Häufige Buchstaben liegen in großen Fächern nahe an der Hand, seltene weiter weg.
Was ist ein Setzkasten?
Das DWDS beschreibt den Setzkasten als „flacher Kasten mit vielen Fächern“, in dem Lettern für den BleisatzBleisatz: Text, der aus einzelnen Metalllettern zusammengesetzt wird – von Hand oder mit der Setzmaschine. Bis in die 1970er Jahre die übliche Art, Bücher und Zeitungen zu setzen. aufbewahrt werden. Das Grimmsche Wörterbuch belegt das Wort schon für 1702 und erklärt es als Kasten, der „meist die verschiedenen lettern einer schriftart in verschiedenen fächern“ enthält, „woraus der schriftsetzer setzt“.
Unter Setzern hieß er oft einfach „Kasten“. Grimm verzeichnet die Wendung „am Kasten arbeiten“ oder „am Kasten stehen“ für die Arbeit als Setzer, mit dem Beispiel: „er ist gleich tüchtig an der presse wie am kasten.“ Ein Kasten enthält immer nur eine Schrift in einer Größe. Für jeden Schriftschnitt und jeden Schriftgrad braucht es einen eigenen Kasten.
Laut Museum für Druckkunst Leipzig wurde bis ins 19. Jahrhundert ausschließlich von Hand gesetzt. Erst die Setzmaschinen lösten den Setzkasten in großen Teilen ab; mehr dazu im Beitrag über Linotype, Monotype und Fotosatz.
Wie ist ein Setzkasten aufgebaut?
Die Kästen standen nicht einzeln herum, sondern lagen in einem Setzregal. Ein Regal im Rheinland-Pfälzischen Freilichtmuseum hat zum Beispiel acht Setzkästen und vier ausziehbare Bretter für fertigen Satz. Oben liegt eine flache, mit Blech beschlagene Arbeitsplatte. Zum Setzen lag der Kasten auf dem Stehpult des Regals.
Im Kasten selbst gibt es drei Gruppen von Fächern:
- Kleinbuchstaben in den größeren Fächern im unteren Bereich, also dort, wo die Hand des Setzers am schnellsten hinkommt.
- Großbuchstaben in den Fächern oben, laut Druckereimuseum Weiss alphabetisch geordnet.
- Ziffern, Satzzeichen und Ausschluss: Dazu gehören die nicht druckenden Teile, die Wortabstände und Leerräume füllen, etwa Quadrate, Gevierte und Spatien.
In Deutschland war die Einteilung genormt. Das Freilichtmuseum beschreibt einen Antiquakasten nach DIN 16502 mit 125 Fächern verschiedener Größe. In solchen Kästen lagen Schriften bis etwa 16 Punkt. Größere Schriften kamen in andere Kästen.
Liegende Schriften und Steckschriften
Das Typo-Wiki von Typografie.info unterscheidet zwei Grundformen: Kästen für liegende Schriften, in denen die Lettern lose in den Fächern liegen, und Steckschriftkästen ohne Fächer, in denen die Lettern aufrecht stehen. Steckschriftkästen nahm man vor allem für größere Schriftgrade. Die Einteilung war zwar standardisiert, aber nicht überall gleich: Es gab verschiedene Belegungen für verschiedene Länder, Sprachen und Schriftstile.
Für den Fraktursatz musste ein Kasten zum Beispiel das lange ſ und die Fraktur-Ligaturen aufnehmen. Wie diese Zeichen verwendet werden, steht in den Beiträgen über das lange s und die Ligaturen der Fraktur.
Warum liegt das e im großen Fach?
Die Größe und die Lage eines Fachs richten sich danach, wie oft ein Zeichen gebraucht wird. Das Freilichtmuseum schreibt, die Lettern seien so sortiert, dass die am häufigsten vorkommenden Buchstaben – genannt werden e, n, a und m – dem Setzer am nächsten liegen. Ulrike Heinichen beschreibt das Prinzip ebenso: Verteilung und Fachgröße folgten der Häufigkeit der Anwendung.
Das e steht dabei an erster Stelle. Nach einer Tabelle der Universität Wuppertal macht es in deutschen Texten 17,4 Prozent aller Buchstaben aus, also etwa jeden sechsten. Wer von Hand setzt, greift entsprechend oft ins e-Fach. Ein großes Fach nahe der Hand fasst mehr Lettern und spart Wege.
| Buchstabe | Anteil in deutschen Texten | Lage im Kasten |
|---|---|---|
| e | 17,4 % | großes Fach, nahe der Hand |
| n | 9,78 % | großes Fach, nahe der Hand |
| i | 7,55 % | Kleinbuchstabe im unteren Bereich |
| a | 6,51 % | vom Museum unter den handnahen genannt |
| m | 2,53 % | vom Museum unter den handnahen genannt |
| q | 0,02 % | kleines Fach |
Die Prozentwerte stammen aus der Wuppertaler Tabelle; sie schwanken je nach ausgezähltem Text. Ob das e-Fach im Normkasten das größte überhaupt war, ließ sich nicht sicher belegen. Mehrere Fächer hatten offenbar dieselbe Größe.
Winkelhaken und Setzschiff: die Werkzeuge
Das wichtigste Werkzeug neben dem Kasten ist der Winkelhaken. Hübners Zeitungslexikon von 1824, zitiert bei Grimm, beschreibt ihn als „ein gewöhnlich messingenes werkzeug mit rechtwinkeligen wänden, worin sie die zeilen einsetzen“. Bei Harsdörffer heißt es schon 1641: „der setzer nimt den winkelhacken in die hand“.
Der Arbeitsablauf im Handsatz sah so aus:
- Der Setzer hält den Winkelhaken in der einen Hand und greift mit der anderen die Lettern aus dem Kasten.
- Er reiht sie Buchstabe für Buchstabe zu einer Zeile. Die Lettern tragen das Schriftbild spiegelverkehrt. Setzer lernten, Satz auf dem Kopf zu lesen.
- Mit Ausschluss füllt er die Zeile auf die richtige Breite auf.
- Fertige Zeilen kommen auf das Setzschiff. Der Duden beschreibt es als Platte mit einem Rahmen an drei Seiten, auf der die Zeilen zu einer Spalte zusammengestellt werden.
- Nach dem Druck wird der Satz aufgelöst und die Lettern werden wieder in ihre Fächer verteilt. Das heißt „Ablegen“.
Das Druckereimuseum Weiss nennt eine Leistung von etwa 1.400 Buchstaben in der Stunde für geübte Setzer. Wie die Lettern selbst entstehen, steht im Beitrag über Gutenbergs Verfahren.
Fisch und Zwiebelfisch
Beim Ablegen konnte eine Letter ins falsche Fach geraten. Der Setzer griff sie später heraus, und im Satz stand ein falscher Buchstabe. Für solche Fehler kennt die Setzersprache den „Fisch“ und den „Zwiebelfisch“.
- Fisch: Laut Druckereimuseum Weiss und Ulrike Heinichen eine Letter im falschen Fach.
- Zwiebelfisch: Heute nach Duden ein Buchstabe, der beim Setzen versehentlich verwendet wurde und von der Schrift des übrigen Satzes abweicht. Das DWDS definiert es ähnlich.
Die ältere Bedeutung war weiter. Grimm zitiert Geßners Buchdruckerkunst von 1743: „in druckerey werden die auf die erde fallenden buchstaben also genennet“. Klenz’ „Druckersprache“ von 1900 erklärt das Wort mit „wie ein haufe kleiner fische durcheinander geratene buchstaben“. Auch der Duden führt die Herkunft auf solche durcheinandergeratenen Buchstaben aus verschiedenen Schriften zurück.
Das Wort selbst ist älter als die Druckerei. Grimm verzeichnet „Zwiebelfisch“ als Namen für die Ukelei oder Blicke, einen kleinen, billigen Weißfisch. Hans Sachs reimt: „plickling, das sindt nur zwieffelfisch, gehören auff der armen tisch“. Warum die Setzer gerade dieses Wort für ihre Fehlletter übernahmen, erklären die Quellen nicht. Die Herkunft der Übertragung bleibt offen.
Leiche, Hochzeit, Spieß: weitere Setzerfehler
Die Setzersprache hatte für fast jeden typischen Fehler ein eigenes Wort. Die folgenden sind in Wörterbüchern belegt. Viele stützen sich bei Grimm auf Jacobssons Technologisches Wörterbuch aus dem 18. Jahrhundert.
| Begriff | Bedeutung | Beleg |
|---|---|---|
| Leiche | ausgelassenes Wort oder mehrere ausgelassene Wörter | Grimm, nach Jacobsson |
| Hochzeit | versehentlich doppelt gesetztes Wort, Zeile oder Stelle | Grimm, nach Jacobsson |
| Spieß | mitdruckender, zu hoch stehender Ausschluss: ein schwarzer Fleck zwischen Wörtern oder Zeilen | Duden; Grimm nach Klenz, Belege ab 1721 |
| Zwiebelfisch | Buchstabe aus einer fremden Schrift im Satz | Duden, DWDS, Grimm |
| Jungfrau | Korrekturabzug eines fehlerfreien Textes | Duden (Druckersprache) |
Bei Grimm heißt es zur Leiche: „daher sagt man, in dieser druckerei fallen öfters leichen vor.“ Zur Hochzeit: „eine hochzeit gemacht haben nennt der setzer, wenn er aus versehen ein wort, zeile oder stelle doppelt gesetzt hat.“
Die „Jungfrau“ ist das Gegenstück zu den Fehlern. Der Duden erklärt sie als FahneFahne: Korrekturabzug eines gesetzten Textes auf losen Blättern oder Streifen, noch nicht in Seiten umbrochen. mit dem Abzug eines fehlerfreien Textes. Weitere Wörter aus Druck und Satz und ihre belegte oder unklare Herkunft sammelt der Beitrag über Redewendungen aus der Druckerei.
Der Setzkasten heute
Mit Setzmaschinen, FotosatzFotosatz: Satzverfahren ab den 1960er Jahren: Buchstaben werden fotografisch auf Film oder Fotopapier belichtet statt aus Metall gegossen. und Computer verlor der Setzkasten seine Rolle in der Produktion. Die DIN 16502 ist zurückgezogen. Handsatz wird heute vor allem in Museen, Werkstätten und von Liebhabern gepflegt; im Druckereimuseum Weiss drucken Kinder auf einer historischen Andruckpresse. Wie es um den Guss neuer Lettern steht, zeigt der Beitrag über den letzten Schriftgießer Europas.
Im Alltag lebt der Setzkasten als Wandschmuck weiter. Das DWDS nennt als eigene Bedeutung einen „dem Setzkasten nachempfundenen Wandschmuck“, der mit kleinen dekorativen Dingen gefüllt wird. Wer Wörter in alten Schriften setzen möchte, ohne Blei, kann das im Schriftstudio ausprobieren. Weitere Angaben zum genormten Kasten finden sich auch bei Wikipedia.
Häufige Fragen
- Wie ist ein Setzkasten aufgebaut?
- Ein Setzkasten ist ein flacher Holzkasten mit vielen Fächern unterschiedlicher Größe. Die Kleinbuchstaben liegen in den größeren Fächern im unteren, handnahen Teil, die Großbuchstaben in kleineren Fächern oben. Dazu kommen Ziffern, Satzzeichen und nicht druckendes Ausschlussmaterial.
- Wie viele Fächer hat ein Setzkasten?
- Der genormte deutsche Antiquakasten nach DIN 16502 hat 125 Fächer verschiedener Größe. Kästen für andere Schriftarten und Sprachen sind anders eingeteilt.
- Warum liegt das e so günstig im Setzkasten?
- Weil es der häufigste Buchstabe im Deutschen ist: Etwa jeder sechste Buchstabe eines deutschen Textes ist ein e. Häufige Buchstaben wie e, n, a und m liegen deshalb in großen Fächern nahe an der Hand des Setzers.
- Was ist ein Winkelhaken?
- Ein Winkelhaken ist ein Werkzeug, meist aus Messing, mit rechtwinkligen Wänden. Der Setzer hält ihn in der Hand und reiht darin die Lettern zu Zeilen auf.
- Was ist ein Zwiebelfisch?
- Ein Zwiebelfisch ist ein Buchstabe aus einer anderen Schrift, der versehentlich in den Satz geraten ist. Früher bezeichnete das Wort auch durcheinandergeratene oder heruntergefallene Lettern.
- Was hat ein Setzkasten an der Wand mit dem Drucken zu tun?
- Der dekorative Setzkasten für kleine Sammelstücke ist dem Setzkasten der Druckerei nachempfunden. Oft sind es ausgediente Kästen aus Setzereien, deren Fächer sich gut für kleine Gegenstände eignen.