Sprachgeschichte · · 7 Minuten Lesezeit

Luthers Bibelübersetzung: Wartburg, Septembertestament, Sprache

Martin Luther übersetzte das Neue Testament 1521/22 auf der Wartburg in rund elf Wochen. Es erschien im September 1522 als „Septembertestament“. Die vollständige Bibel mit Altem Testament folgte 1534.

Wann und wo übersetzte Luther das Neue Testament?

Nach dem Wormser Reichstag von 1521 lebte Luther unter dem Decknamen „Junker Jörg“ auf der Wartburg bei Eisenach. Die Übersetzung war nach Darstellung der Deutschen Bibelgesellschaft nicht lange geplant. Anfang Dezember 1521 war Luther heimlich drei Tage in Wittenberg. Dort drängte ihn Philipp Melanchthon zu der Arbeit. Luther erzählte später in einer Tischrede: „Philipp Melanchthon nötigte mich, das Neue Testament zu übersetzen.“

Zurück auf der Wartburg, übersetzte er das Neue Testament in etwa elf Wochen. Das entspricht bei sieben Arbeitstagen pro Woche rund drei Kapiteln am Tag. Im März 1522 verließ Luther die Wartburg mit einem druckfertigen Manuskript.

Aus welcher Vorlage übersetzte Luther?

Die meisten älteren deutschen Bibeln waren aus der Vulgata übersetzt, der lateinischen Bibel des Hieronymus. Luther griff für das Neue Testament auf das griechische Original zurück. Erasmus von Rotterdam hatte den griechischen Text kurz zuvor erstmals im Druck herausgebracht. Daneben zog Luther hebräische und lateinische Werke heran.

Mehrere Personen halfen bei der Durchsicht:

  • Philipp Melanchthon, seit 1518 Professor für Griechisch in Wittenberg, ging das ganze Manuskript vor dem Druck mit Luther durch.
  • Georg Spalatin half bei griechischen Wortbedeutungen.
  • Mit dem Münzkundigen Wilhelm Reiffenstein ersetzte Luther die griechischen Münzen im Text durch Währungen seiner Zeit.

Das Septembertestament von 1522

Im September 1522 erschien „Das Newe Testament Deutzsch“ in Wittenberg. Nach dem Monat heißt die Ausgabe heute Septembertestament. Gedruckt wurde es in der Werkstatt der Brüder Melchior und Michael Lotter, verlegt von Lucas Cranach und Christian Döring. Die erste Auflage nannte weder Übersetzer noch Drucker oder Verleger.

Cranach schuf elf Holzschnitte zur Offenbarung des Johannes. In der ersten Auflage trägt das Tier eine dreifache Krone, die der päpstlichen Tiara ähnelt. In der zweiten Auflage wurden die Druckstöcke geändert; die Krone hat nur noch eine Stufe.

Die Deutsche Bibelgesellschaft gibt die Auflage mit 3000 bis 5000 Stück an. Das Buch war schnell verkauft. Schon im Dezember 1522 kam eine überarbeitete zweite Auflage heraus, das Dezembertestament. Noch 1522 erschien in Basel ein Nachdruck ohne Erlaubnis, 1523 folgten zwölf weitere. Bis zur Vollbibel 1534 zählt man 87 Drucke.

Die Vollbibel von 1534

Das Alte Testament kostete deutlich mehr Zeit. 1523 erschienen die fünf Bücher Mose, 1524 die Bücher Josua bis Hoheslied. Luther arbeitete hier vor allem mit Melanchthon und dem Wittenberger Hebraisten Matthäus Aurogallus zusammen. Im „Sendbrief vom Dolmetschen“ schreibt er über das Buch Hiob, sie hätten „in vier Tagen zuweilen kaum drei Zeilen“ fertigstellen können.

1534 erschien die erste vollständige Lutherbibel unter dem Titel „Biblia / das ist / die gantze Heilige Schrifft Deudsch“. Sie enthielt auch die ApokryphenApokryphen: Schriften, die nur griechisch oder lateinisch überliefert sind und die Luther als eigenen Teil vom Alten Testament trennte.. Einige davon übersetzten Melanchthon und Justus Jonas. Gedruckt wurde die Bibel von Hans Lufft in Wittenberg. Nach der Allgemeinen Deutschen Biographie enthielt sie 128 Illustrationen von Lucas Cranach.

Luther überarbeitete den Text bis zu seinem Tod 1546 mehrfach mit Mitarbeitern. Als Ausgabe „letzter Hand“ gilt meist die Bibel von 1545.

Wie viele Lutherbibeln wurden gedruckt?

Genaue Zahlen gibt es nicht. Nach der Neuen Deutschen Biographie erschienen bei Hans Lufft bis 1546 allein elf Auflagen der Bibel. Die Allgemeine Deutsche Biographie von 1884 schreibt, aus seiner Werkstatt seien von 1534 bis 1574 „mehr als 100 000 Exemplare von Bibeln“ gekommen. Sie stützt sich dabei auf zeitgenössische Angaben.

JahrAusgabeAngabe
1522Septembertestament3000–5000 Exemplare (Schätzung)
1522–1534Drucke des Neuen Testaments87 Drucke
1534Erste Vollbibel bei Hans Lufftbis 1546 elf Auflagen bei Lufft
1534–1574Bibeln aus Luffts Werkstattüber 100.000 (zeitgenössische Angabe)

„Dem Volk aufs Maul schauen“: der Sendbrief vom Dolmetschen

1530 schrieb Luther auf der Veste Coburg den „Sendbrief vom Dolmetschen“. Anlass war Kritik an seiner Übersetzung von Römer 3,28: Luther hatte „allein durch den Glauben“ übersetzt, obwohl das Wort „allein“ im griechischen und lateinischen Text nicht steht. Luther räumt das ein: „Dise vier buchstaben s o l a stehen nicht drinnen.“ Im Deutschen gehöre das Wort aber hinein, wenn man klar übersetzen wolle.

In diesem Zusammenhang steht die bekannte Stelle. Im Druck von Johann Petreius (Nürnberg 1530) lautet sie:

den man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen / wie man sol Deutsch reden / wie diese esel thun / sondern man mus die mutter jhm hause / die kinder auff der gassen / den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen / vnd den selbigen auff das maul sehen / wie sie reden / vnd darnach dolmetzschen / so verstehen sie es den / vnd mercken / das man Deutsch mit jn redet.
Martin Luther: Ein Sendbrief vom Dolmetschen, Nürnberg 1530 (diplomatische Edition, Taylor Editions Oxford)

Die heute geläufige Form „dem Volk aufs Maul schauen“ steht so nicht im Text. Sie ist eine spätere Zusammenfassung. Luther betont im selben Brief auch das Gegenteil: Er habe die Buchstaben „nicht allzu frei fahren lassen“ und lieber der deutschen Sprache Abbruch getan, als vom Wort zu weichen. Ein weiteres Beispiel aus dem Sendbrief ist die Übersetzung von Matthäus 12,34: „Wes das hertz vol ist / des gehet der mund vber.“

Auf welcher Sprache beruht Luthers Bibel?

Eine einheitliche deutsche Schriftsprache gab es um 1520 nicht. Jede Region und jede KanzleiKanzlei: Schreibstube eines Fürsten oder einer Stadt, in der Urkunden und Briefe ausgefertigt wurden. schrieb etwas anders. Luther selbst sagte in einer Tischrede:

Ich habe keine gewisse, sonderliche, eigene Sprache im Deutschen, sondern brauche der gemeinen deutschen Sprache, daß mich beide, Ober- und Niederländer, verstehen mögen. Ich rede nach der sächsischen Canzeley, welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland.
Martin Luther, Tischreden; zitiert nach Beat Siebenhaar, Universität Leipzig (2011)

Der Sprachwissenschaftler Beat Siebenhaar weist darauf hin, dass Luther hier mit „reden“ das Schreiben meint. Vorbild war nicht der gesprochene sächsische Dialekt, sondern die Schreibsprache der Kanzlei der Wettiner. In ihr waren nach Siebenhaar schon früh verschiedene Strömungen zu einer weit verständlichen Mischsprache zusammengeflossen. Werner Besch beschreibt Luther als „eingebunden in die chursächsische Kanzleisprache“. Diese lag geografisch in der Mitte des Sprachraums: „Ein Luther in Flensburg oder Konstanz hätte keine Chance gehabt.“

Der Germanist Franz-Josef Holznagel nennt Wörter aus Luthers ostmitteldeutscherostmitteldeutsch: Die mitteldeutschen Mundarten und Schreibsprachen im Osten, etwa in Sachsen und Thüringen. Heimat, die sich über seine Schriften verbreiteten, etwa „Lippe“ und „Ufer“. Diese Wörter waren also nicht neu, sondern regional.

Welche Wörter hat Luther geprägt?

In vielen Darstellungen heißt es, Luther habe zahlreiche Wörter neu gebildet. Holznagel nennt laut epd-Bericht „Blutgeld“, „Feuereifer“, „friedfertig“, „Lästermaul“ und „Morgenland“ als Neubildungen, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergingen. Andere Artikel ergänzen „Lückenbüßer“, „Langmut“, „Herzenslust“, „frohgemut“, „wetterwendisch“ und „Machtwort“.

Diese Listen sind mit Vorsicht zu lesen:

  • Sie nennen meist keine Erstbelege. Ob ein Wort vor Luther tatsächlich unbekannt war, lässt sich daraus nicht ablesen.
  • Das etymologische Wörterbuch im DWDS datiert „Lückenbüßer“ und „Machtwort“ nur allgemein ins 16. Jahrhundert und nennt Luther nicht.
  • Steht eine Redewendung in der Lutherbibel, zeigt das, dass sie durch die Bibel verbreitet wurde. Es beweist nicht, dass Luther sie erfand.

Viele heute geläufige Redewendungen stehen in der Lutherbibel, etwa „sein Licht unter den Scheffel stellen“ (Matthäus 5,15) oder „Perlen vor die Säue werfen“ (Matthäus 7,6). Wie man die Geschichte einzelner Wörter nachschlägt, zeigt der Beitrag zum Grimmschen Wörterbuch; die Brüder Grimm werteten dafür auch Luthers Schriften aus.

Welchen Einfluss hatte Luther auf das Neuhochdeutsche?

Darüber gibt es zwei verbreitete, aber gegensätzliche Ansichten. Die eine sieht in Luther den Schöpfer der deutschen Hochsprache. Die andere meint, seine Sprache sei schon um 1600 überholt gewesen. Werner Besch hält beides für falsch. Er nennt Luthers Bibeldeutsch „wohl der wichtigste Steuerungsfaktor in der jüngeren Sprachgeschichte“.

Besch nennt vier Gründe, warum sich Luthers Sprache durchsetzte:

  1. die zentrale, weit verständliche Sprachform,
  2. sein Können als Übersetzer,
  3. seine Beherrschung der Sprache,
  4. die Autorität der Bibel, „nunmehr in deutscher Sprache“.

Hinzu kam der Buchdruck. Ohne die Technik, die Gutenberg rund 70 Jahre zuvor entwickelt hatte, wären Auflagen in dieser Höhe nicht möglich gewesen. Die Schriftart der Titelkarte oben, eine Schwabacher, gehört zu den gebrochenen Schriften dieser Zeit. Wie sich das Deutsche vor Luther entwickelte, beschreibt der Beitrag über Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch.

Die Lutherbibel wird bis heute in überarbeiteten Fassungen herausgegeben, zuletzt nach der Revision von 2017. Den Sendbrief von 1530 kann man in einer Faksimile-Edition der Universität Oxford im Originaldruck lesen.

Häufige Fragen

Wann hat Luther die Bibel übersetzt?
Das Neue Testament übersetzte Luther im Winter 1521/22 auf der Wartburg; es erschien im September 1522. Am Alten Testament arbeitete er mit Helfern bis 1534. In diesem Jahr erschien die erste vollständige Lutherbibel.
Was bedeutet „dem Volk aufs Maul schauen“?
Die Wendung geht auf Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen“ von 1530 zurück. Dort schreibt er, man müsse die Mutter im Haus, die Kinder auf der Gasse und den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und ihnen „auf das Maul sehen“, wie sie reden. Gemeint ist: Eine Übersetzung soll klingen, wie Menschen tatsächlich sprechen.
War Luther der Erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzte?
Nein. Nach Angaben der Deutschen Bibelgesellschaft sind aus der Zeit zwischen 1466 und 1522 vierzehn oberdeutsche und vier niederdeutsche Bibeldrucke bekannt. Luther übersetzte das Neue Testament aber aus dem Griechischen statt aus der lateinischen Vulgata.
Hat Luther die deutsche Hochsprache erfunden?
Nein. Luther stützte sich nach eigener Aussage auf die Sprache der sächsischen Kanzlei. Sprachhistoriker wie Werner Besch sehen seine Bibel als wichtigen Faktor für die Entwicklung der Schriftsprache, lehnen das Bild vom „Sprachschöpfer“ aber ab.
Welche Wörter stammen von Luther?
Häufig genannt werden Lückenbüßer, Lästermaul, Feuereifer, Machtwort, Morgenland und friedfertig. Diese Zuschreibungen stammen meist aus populären Darstellungen. Etymologische Wörterbücher wie das DWDS datieren etwa Lückenbüßer und Machtwort nur allgemein ins 16. Jahrhundert.

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