Dialekte und Varietäten · · 7 Minuten Lesezeit

Deutsche Dialekte: Einteilung, Karten und Beispiele

Die deutschen Dialekte teilt man in drei große Räume ein: Niederdeutsch im Norden, Mitteldeutsch in der Mitte und Oberdeutsch im Süden. Die Grenzen ergeben sich vor allem daraus, wie weit die zweite Lautverschiebung durchgeführt wurde. Innerhalb der Räume gibt es zahlreiche Untergruppen, vom Bairischen bis zum Westfälischen.

Wie werden die deutschen Dialekte eingeteilt?

Ein DialektDialekt: Eine regional begrenzte Sprachform, die benachbarten Formen ähnelt und kaum genormt oder schriftlich festgelegt ist. (auch Mundart, regional „Platt“) ist nach dem Online-Lexikon der Universität Oldenburg ein regional begrenztes Sprachsystem, das wenig genormt ist und neben einer überdachenden Standardsprache steht. Für die Einteilung der deutschen Dialekte gilt das Lautsystem als wichtigstes Merkmal, genauer: wie weit die zweite, hochdeutsche Lautverschiebung durchgeführt wurde.

  • Oberdeutsch: Die Verschiebung ist vollständig durchgeführt. Nach Drenda wurde nur hier germanisches p zu pf.
  • Mitteldeutsch: Die Verschiebung ist nur teilweise durchgeführt, im Westen gestaffelt von Ort zu Ort.
  • Niederdeutsch: Die Verschiebung fand nicht statt. Das Konsonantensystem steht dem Englischen näher als dem Hochdeutschen.

Ober- und Mitteldeutsch bilden zusammen das Hochdeutsche. Der Begriff ist hier geographisch gemeint, nicht als Bezeichnung für die Standardsprache. Drenda betont das ausdrücklich und nennt die Standardsprache „Standarddeutsch“.

Benrather Linie und appel-apfel-Linie

Die Grenzen zwischen den Räumen werden als Linien beschrieben, an denen sich eine Wortform ändert. Die wichtigste ist die maken-machen-Linie, meist Benrather Linie genannt. Sie verläuft nach Drenda ungefähr von Aachen über Düsseldorf, Olpe, Kassel und Wittenberg bis Frankfurt an der Oder und trennt das Niederdeutsche vom Hochdeutschen. Die Grenze zwischen Mittel- und Oberdeutsch bildet die Linie zwischen Appel und Apfel.

Die Linien fallen nicht zusammen. Im Rheinland liegt etwa die Grenze zwischen up und auf weiter nördlich als die zwischen dat und das. Die Linie zwischen Pund und Pfund verläuft über eine lange Strecke deutlich südlich der appel-apfel-Linie. Dieses Bündel von Linien im Westen heißt Rheinischer Fächer.

Die wichtigsten Dialektgruppen im Überblick

Die folgende Übersicht folgt dem Oldenburger Lexikonartikel von Thomas Schares. Sie beschreibt die Lage um 1900 und schließt daher auch Dialekte ein, die nach 1945 in ihren Herkunftsgebieten kaum noch gesprochen werden, etwa das Schlesische.

GroßraumGruppeUntergruppen (Auswahl)
OberdeutschAlemannischHoch- und Höchstalemannisch (Schweiz), Niederalemannisch, Elsässisch, Schwäbisch
OberdeutschBairischNord-, Mittel- und Südbairisch, Tirolisch; dazu die Dialekte Österreichs
OberdeutschOstfränkischnördlich des Alemannischen und Bairischen; Keil zwischen Ober- und Mitteldeutsch
WestmitteldeutschMittelfränkischRipuarisch (Köln, Aachen), Moselfränkisch, Luxemburgisch
WestmitteldeutschRheinfränkischPfälzisch, Hessisch
OstmitteldeutschThüringisch, Obersächsisch, SchlesischObersächsisch mit Erzgebirgisch
Niederdeutsch (West)WestniederdeutschNiederfränkisch (Niederrhein), Westfälisch, Ostfälisch, Nordniedersächsisch
Niederdeutsch (Ost)OstniederdeutschMecklenburgisch-Vorpommersch, Brandenburgisch, Ostpommersch, Niederpreußisch

Schwäbisch, Hessisch, Sächsisch

Viele bekannte Dialektnamen bezeichnen Untergruppen. Das Schwäbische gehört zum Alemannischen. Hessisch zählt zum Rheinfränkischen und damit zum Westmitteldeutschen. Was man umgangssprachlich „Sächsisch“ nennt, ist in der Einteilung das Obersächsische im Ostmitteldeutschen, nicht zu verwechseln mit dem Nordniedersächsischen im niederdeutschen Raum. Drenda grenzt das Ostmitteldeutsche vom Westmitteldeutschen unter anderem dadurch ab, dass dort im Anlaut f statt p steht.

Berlinisch

Berlin und Brandenburg waren ursprünglich niederdeutsches Gebiet. Das Berlinische entstand nach dem Potsdamer Sprachwissenschaftler Joachim Gessinger erst ab dem 16. Jahrhundert als Stadtsprache. Typische Formen sind ick für „ich“ und dit für „das“. In Brandenburg hieß es nach Gessinger früher dat, dann det und heute auch dit.

Georg Wenker und die 40 Sätze

Georg Wenker (1852–1911), geboren in Düsseldorf, gestorben in Marburg, begründete die großräumige Dialektforschung. 1876 verschickte er einen Fragebogen mit kurzen Sätzen an die Schulen im Rheinland. Die Lehrer sollten die Sätze in die Mundart ihres Ortes übertragen. Ziel war zunächst eine „Dialectkarte der nördlichen Rheinprovinz“. Nach Angaben des Marburger Instituts umfasste der erste Bogen 42 Sätze.

Die Erhebung wurde später ausgedehnt, 1887 auf das ganze Deutsche Reich. Grundlage des „Sprachatlas des Deutschen Reichs“, der handschriftlich zwischen 1889 und 1923 entstand, waren 40 Sätze. Sie heißen heute Wenkersätze. Der erste lautet:

„Im Winter fliegen die trocknen Blätter durch die Luft herum.“
Wenkersatz 1, nach dem Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas

Nach Ende der Sammlung 1939 lagen Fragebögen aus rund 55.000 Orten vor. Die Neue Deutsche Biographie nennt für die Jahre 1879 bis 1888 über 45.000 Erhebungsorte und bezeichnet den Atlas als wichtigste Dokumentation der deutschen Dialekte.

Deutscher Sprachatlas Marburg und REDE

Aus Wenkers Projekt ging das heutige Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Universität Marburg hervor. Die wichtigsten Stationen:

  • 1920: Das Projekt wird ein Institut der Universität Marburg.
  • 1927–1956: Im Druck erscheinen 128 Karten des „Deutschen Sprachatlas“ (DSA).
  • 1938: Walther Mitzka beginnt die Erhebung für den „Deutschen Wortatlas“ in fast 50.000 Orten; er erscheint 1951 bis 1980 in 22 Bänden.
  • 2001: Das DFG-Projekt „Digitaler Wenkeratlas“ (DiWA) beginnt und stellt die Wenker-Karten online.
  • 2008: Beginn des Langzeitprojekts „Regionalsprache.de“ (REDE), gefördert über die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur.

Über das Portal regionalsprache.de sind heute Sprachatlanten, Tonaufnahmen und die Wenker-Bögen zugänglich, verknüpft in einem sprachgeographischen Informationssystem (SprachGIS).

Brötchen, Semmel, Schrippe: der Atlas zur deutschen Alltagssprache

Die alten Atlanten erfassen Ortsmundarten. Wie die Menschen heute im Alltag sprechen, untersucht der Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA). Stephan Elspaß (Salzburg) und Robert Möller (Lüttich) betreiben ihn seit 2003. Die Daten stammen aus Online-Umfragen. Gefragt wird nicht nach dem eigenen Sprachgebrauch, sondern danach, was am Wohnort üblich ist.

Für das kleine Weißbrot ergibt sich nach dem AdA folgendes Bild:

  • Brötchen: im Westen und Norden Deutschlands, in Luxemburg und Ostbelgien; nach Süden vordringend, besonders im Osten.
  • Semmel oder Semmerl: in den meisten Teilen Bayerns, teils in Sachsen und Thüringen, in Österreich und Südtirol.
  • Schrippe: nur in Berlin und im Norden Brandenburgs.
  • Weck: in Lothringen, im Saarland, in der Pfalz, Teilen Unterfrankens und Südhessens; Weckle in Schwaben, Baden und im Elsass.
  • Brötli, Mütschli, Weggli: in der Schweiz; Laabla in Oberfranken.

Das norddeutsche Rundstück ist nach dem AdA so stark zurückgegangen, dass es auf den Karten nicht mehr auftaucht.

Regionale Wörter im Vergleich

Die Tabelle fasst weitere Karten des AdA zusammen. Die Angaben sind vereinfacht; die Karten zeigen fließende Übergänge.

BegriffVariantenVerbreitung nach dem AdA
Kleines WeißbrotBrötchen / Semmel / Schrippe / Weck(le)Nord und West / Bayern, Österreich / Berlin / Südwesten
Sechster WochentagSamstag / Sonnabendfast überall Samstag; Sonnabend teils noch im Osten, im Norden meist als Zweitform
Kohl mit roten BlätternRotkohl, Rotkraut / BlaukrautNorden, Westen, Schweiz / Bayern, großer Teil Württembergs, Westösterreich, Südtirol
Möbel für KleidungSchrank / Kastengrößter Teil Deutschlands / Österreich, Südtirol, Liechtenstein, Nord- und Ostschweiz
Kind männlichen GeschlechtsJunge / BubBub im Süden bis etwa Hunsrück, Westerwald, Vogelsberg, Thüringer Wald / Junge fast nur nördlich davon
Die örtliche SprachformPlatt / Mundart, DialektNordosten, Nordwesten, Westen / Süden und Osten bis Berlin

Vor dem Zweiten Weltkrieg galt nach dem AdA beim Wochentag eine klare Teilung: Samstag südlich des Mains, Sonnabend nördlich davon und Sater(s)tag westlich der Weser.

Niederdeutsch als Regionalsprache

Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats wurde am 5. November 1992 gezeichnet. Deutschland ratifizierte sie 1998; am 1. Januar 1999 trat sie hier in Kraft. Neben sechs Minderheitensprachen schützt sie die Regionalsprache Niederdeutsch als eigenständige Sprache.

Nach einer Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages von 2019 wird Niederdeutsch in acht Ländern gesprochen. Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein stellten es unter den Schutz von Teil III der Charta und verpflichteten sich dabei jeweils auf mindestens 35 Einzelmaßnahmen. Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt übernahmen die allgemeinen Verpflichtungen aus Teil II.

Wer Dialekt schreiben oder historische Mundarttexte lesen will, stößt oft auf alte Druck- und Handschriften. Hilfe dazu bieten die Seiten Texte lesen und alte Schriften lernen. Wie sich Deutsch außerhalb Deutschlands unterscheidet, zeigt der Beitrag über Deutsch in Österreich und der Schweiz.

Häufige Fragen

Welche Dialektgruppen gibt es im Deutschen?
Man unterscheidet drei Großräume: Niederdeutsch im Norden, Mitteldeutsch in der Mitte und Oberdeutsch im Süden. Mittel- und Oberdeutsch bilden zusammen das Hochdeutsche im sprachwissenschaftlichen Sinn.
Was ist die Benrather Linie?
Eine Sprachgrenze zwischen nördlichem maken und südlichem machen. Sie trennt das Niederdeutsche vom Hochdeutschen und verläuft ungefähr von Aachen über Düsseldorf, Kassel und Wittenberg bis Frankfurt an der Oder.
Was sind die Wenkersätze?
40 kurze Sätze, die Georg Wenker ab 1876 an Schulen verschickte. Lehrer übertrugen sie in die Mundart ihres Ortes. Aus den Antworten entstand der Sprachatlas des Deutschen Reichs.
Ist Plattdeutsch eine Sprache oder ein Dialekt?
Sprachwissenschaftlich gehört das Niederdeutsche zu den deutschen Dialekträumen. Rechtlich ist es in Deutschland seit dem 1. Januar 1999 als Regionalsprache nach der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen geschützt.
Wo sagt man Brötchen, Semmel oder Schrippe?
Nach dem Atlas zur deutschen Alltagssprache sagt man Brötchen im Norden und Westen, Semmel in Bayern, Teilen Sachsens und Thüringens sowie in Österreich und Schrippe nur in Berlin und im Norden Brandenburgs. Im Südwesten heißt es Weck oder Weckle.

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