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Der letzte Schriftgießer Europas: Gutenbergs Handwerk vor dem Aus
In einem alten Fabrikbau in Darmstadt stehen Maschinen, die seit über hundert Jahren Buchstaben aus Metall gießen. Im Keller liegen rund eine Million MaternMater: Gießform für eine Letter, auch Matrize genannt (Mehrzahl: Matern). Ein kleines Metallstück, in das das Buchstabenbild vertieft eingeprägt ist; jede Mater ergibt beim Guss immer denselben Buchstaben. – die Gießformen für diese Buchstaben. Und es gibt genau einen Menschen, der dieses Erbe noch zum Leben erwecken kann: Rainer Gerstenberg, 79 Jahre alt, der letzte ausgebildete SchriftgießerSchriftgießer: Handwerker, der Drucklettern aus Metall gießt. Ein eigener Lehrberuf, der mit dem Bleisatz fast verschwunden ist. Europas. Bis Ende 2026 müssen seine Maschinen raus. Wohin, weiß niemand.
Was macht ein Schriftgießer?
Bevor Computer Buchstaben auf Bildschirme zauberten, war jeder Buchstabe eines Buches ein kleines Stück Metall: eine LetterLetter: Einzelner Metallkörper mit einem spiegelverkehrten, erhabenen Buchstaben darauf. Aus vielen Lettern wird eine Druckzeile gesetzt. Auch „Type“ genannt.. Am Anfang steht der StempelStempel: Das erhaben geschnittene Stahl-Original eines Buchstabens, auch Patrize genannt. Er wird in weicheres Metall geschlagen und erzeugt so die Mater. Wer Stempel schneidet, heißt Stempelschneider., ein Buchstabe, erhaben in Stahl geschnitten. Er wird in ein weicheres Metall geschlagen – so entsteht die Mater, die Negativform. In sie fließt flüssiges HartbleiHartblei: Gießmetall für Lettern aus Blei, Antimon und Zinn. Antimon macht die Letter hart, Zinn lässt das Metall gut fließen, damit auch feine Linien scharf ausgegossen werden., eine Mischung aus Blei, Zinn und Antimon, bei rund 360 Grad. Heraus kommt eine Letter mit dem Buchstaben obenauf, spiegelverkehrt und haargenau so hoch wie alle anderen.
Früher goss man jede Letter von Hand. Gerstenbergs wichtigstes Werkzeug war dagegen eine KomplettgießmaschineKomplettgießmaschine: Gießmaschine, die fertige Lettern in einem Durchgang herstellt: gießen, Gusszapfen abbrechen, glätten und aufreihen – ohne Nacharbeit von Hand. der Firma Stempel aus den 1940er Jahren, mit der er zehn bis zwanzig Kilogramm Schrift am Tag goss. Aus den Lettern setzen Setzer im HandsatzHandsatz: Der Setzer nimmt jede Letter einzeln aus dem Setzkasten und reiht sie im Winkelhaken zu Zeilen. Zeile für Zeile Texte zusammen, Buchstabe für Buchstabe aus dem SetzkastenSetzkasten: Flacher Holzkasten mit vielen Fächern, in denen die Lettern einer Schrift liegen – häufige Buchstaben in großen Fächern nahe beim Setzer.. Gedruckt wird dann im BuchdruckBuchdruck: Hochdruckverfahren: Nur die erhabenen Teile der Lettern nehmen Farbe an und werden aufs Papier gepresst. Die Technik, mit der Gutenberg um 1450 begann. – im Grundsatz genau so, wie Johannes Gutenberg es um 1450 in Mainz erfand.
Von der größten Schriftgießerei Europas zum Einzelkämpfer
Gerstenberg begann 1961 als Lehrling bei der D. Stempel AG in Frankfurt-Sachsenhausen, damals eine der bedeutendsten Schriftgießereien Europas, gegründet 1895 von David Stempel. Gearbeitet wurde im AkkordAkkord: Bezahlung nach geschaffter Menge (Stücklohn) statt nach Arbeitszeit., bezahlt nach Stück – nach seinen eigenen Worten eine sehr harte Zeit. Er arbeitete sich hoch bis zum Betriebsratsvorsitzenden und in den Aufsichtsrat.
Dann kam der FotosatzFotosatz: Satzverfahren ab den 1960er Jahren: Buchstaben werden fotografisch auf Film oder Fotopapier belichtet statt aus Metall gegossen., dann der OffsetdruckOffsetdruck: Flachdruckverfahren, bei dem die Farbe von der Druckplatte über ein Gummituch aufs Papier gelangt. Schnell und günstig – es verdrängte den Buchdruck.. Buchstaben aus Metall wurden in den 1970er Jahren überflüssig. 1985 beschloss Linotype, die Mehrheitseignerin, die Firma Stempel aufzulösen; rund 200 Menschen verloren ihre Arbeit. Gerstenberg tat, was kaum einer gewagt hätte: Er rettete Maschinen, Matern und Lizenzen, verhandelte auch mit der Haas’schen Schriftgießerei in der Schweiz – und machte sich selbstständig. Der Verein „Haus für Industriekultur“ übernahm 1986 die technische Einrichtung und brachte sie nach Darmstadt. Später ging das Gebäude an das Land Hessen, Gerstenberg wurde Mieter.
Über Jahrzehnte goss er dort Lettern auf Bestellung – lateinisch, kyrillisch, griechisch, sogar arabisch – und verschickte sie in die ganze Welt, besonders viele in die USA. Gleichzeitig zeigte er Schulklassen, wie Gutenbergs Erfindung funktioniert. Den BleisatzBleisatz: Text, der aus einzelnen Metalllettern zusammengesetzt wird – von Hand oder mit der Setzmaschine. Bis in die 1970er Jahre die übliche Art, Bücher und Zeitungen zu setzen. hat er damit nicht nur verkauft, sondern weitergegeben.
Warum jetzt das Aus droht
Das Fabrikgebäude von 1906 an der Darmstädter Kirschenallee gilt laut Hessischem Landesmuseum als baufällig, das Land will es verkaufen. Ein Betrieb der Maschinen sei aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich. Gegossen hat Gerstenberg dort zuletzt 2023; seitdem kommt er an seine 27 Gießmaschinen nicht mehr heran. Bis zum Jahresende 2026 soll er die Räume besenreinbesenrein: Räume leer geräumt und grob gefegt übergeben – üblich beim Auszug aus Mietflächen. übergeben.
Das Problem: Die Matern im Keller sind ohne die Maschinen praktisch wertlos. Das Land selbst bewertet die Schriftensammlung mit 28 Millionen Euro, wie der „Landbote“ berichtet – und doch droht ihr ohne neuen Ort der Weg zum Schrotthändler. Für die Maschinen bräuchte es nach Gerstenbergs Angaben eine Halle von rund 500 Quadratmetern. Sein Wunsch: ein lebendiges Museum, in dem weiter gegossen wird.
Das hessische Wissenschafts- und Kunstministerium nennt Sammlung und Gießwissen ein wichtiges Kulturgut, bietet Unterstützung bei der Suche nach neuen Räumen an und führt nach eigenen Angaben Gespräche. Das Landesmuseum verweist darauf, dass andere Einrichtungen in der Druckkunst mehr Fachwissen hätten. Eine Lösung gibt es bis heute nicht.
Wer sich wehrt
Im Sommer 2026 gingen in Darmstadt Menschen für den Erhalt des Hauses für Industriekultur auf die Straße; eine private Initiative kämpft dafür, dass das Inventar nicht in der Schrottpresse endet. Das Klingspor-Museum in Offenbach setzt sich ebenfalls ein – es hatte sogar Geld zurückgelegt, um einen neuen Schriftgießer auszubilden. Weil die Maschinen nicht mehr zugänglich sind, verfiel das Budget.
Neu ist der Kampf nicht. Schon 2020 forderte der „Mainzer Impuls“, angestoßen vom Gutenberg-Museum, den Buchdruck als dringend schutzbedürftiges immaterielles KulturerbeImmaterielles Kulturerbe: UNESCO-Begriff für lebendiges Wissen und Können, das von Mensch zu Mensch weitergegeben wird – etwa Handwerkstechniken –, im Unterschied zu Bauwerken oder Gegenständen. bei der UNESCO eintragen zu lassen. Im selben Jahr diskutierte die Typografie-Szene bereits über ein mögliches Ende der Werkstatt.
Warum uns das alle angeht
Es geht nicht um Nostalgie. Es geht um die Technik, mit der Europa lesen gelernt hat. Fast 570 Jahre lang wurde Gutenbergs Wissen von Hand zu Hand weitergegeben, von Meister zu Lehrling, ohne Unterbrechung. Bücher kann man ins Museum stellen. Ein Handwerk nicht – es lebt nur, solange jemand es ausübt. Wenn die letzten Maschinen schweigen, ist dieses Wissen nicht archiviert, sondern verloren.
Die Schrift, die du gerade liest, steht in einer langen Ahnenreihe, die mit einer gegossenen Letter begann. Darum lohnt es sich, hinzuschauen, bevor der Schrotthändler kommt.
Was du tun kannst
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- Unterstütze Druck- und Schriftmuseen wie das Klingspor-Museum in Offenbach oder das Gutenberg-Museum in Mainz durch einen Besuch.
- Bleilettern gibt es weiterhin direkt bei der Schriftgießerei Rainer Gerstenberg.
- Lern die alten Schriften lesen – hier bei uns, in wenigen Minuten am Tag.
Häufige Fragen
- Wer ist Rainer Gerstenberg?
- Rainer Gerstenberg aus Frankfurt am Main lernte ab 1961 bei der Schriftgießerei D. Stempel AG den Beruf des Schriftgießers und machte sich nach deren Auflösung selbstständig. Er gilt als letzter ausgebildeter Schriftgießer Europas und goss bis 2023 in Darmstadt Bleilettern für Kunden in aller Welt.
- Was ist eine Mater?
- Eine Mater (auch Matrize) ist die metallene Gießform für eine einzelne Druckletter. In sie ist das Buchstabenbild vertieft eingeprägt. Gießt man flüssiges Metall hinein, entsteht die Letter mit dem erhabenen, spiegelverkehrten Buchstaben.
- Warum drohen die Matern verschrottet zu werden?
- Die Gießmaschinen stehen in einem baufälligen Gebäude in Darmstadt, das das Land Hessen verkaufen will. Sie müssen bis Ende 2026 hinaus. Ohne passende Maschinen lassen sich die rund eine Million Matern nicht mehr nutzen – findet sich kein neuer Ort, droht der Schrott.
- Was hat das mit Gutenberg zu tun?
- Gerstenbergs Werkstatt arbeitet nach demselben Grundprinzip, das Johannes Gutenberg um 1450 in Mainz erfand: Buchstaben werden einzeln aus Metall gegossen, zu Zeilen gesetzt und gedruckt. Mit seiner Werkstatt endet eine fast 570 Jahre lange, ununterbrochene Handwerkstradition.