Druck und Handwerk · · 7 Minuten Lesezeit

Linotype, Monotype, Fotosatz: Das Ende des Bleisatzes

Die Linotype setzte ab 1886 Zeitungstext maschinell und goss ihn zeilenweise in Blei. Sie und die Monotype verdrängten den HandsatzHandsatz: Der Setzer nimmt jede Letter einzeln aus dem Setzkasten und reiht sie im Winkelhaken zu Zeilen. in großen Teilen. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts löste der Fotosatz den Bleisatz ab, ab 1985 das Desktop-Publishing.

Warum der Handsatz an Grenzen stieß

Bis ins 19. Jahrhundert wurde ausschließlich von Hand gesetzt, so das Museum für Druckkunst Leipzig. Der Setzer griff jede LetterLetter: Einzelner Metallkörper mit einem spiegelverkehrten, erhabenen Buchstaben darauf. Aus vielen Lettern wird eine Druckzeile gesetzt. Auch „Type“ genannt. einzeln aus dem Setzkasten und reihte sie im Winkelhaken. Das Museum nennt die Entwicklung einer zuverlässig arbeitenden Setzmaschine eine der anspruchsvollsten technischen Aufgaben der Zeit.

Den Antrieb gaben die Zeitungen. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt das Ziel der frühen Versuche so: Man wollte die zeitraubende Handarbeit der Schriftsetzer vereinfachen, um aktuelle Berichte schneller und billiger drucken zu können.

Ottmar Mergenthaler und die Linotype

Ottmar Mergenthaler wurde am 11. Mai 1854 in Hachtel bei Mergentheim geboren. Er lernte bei seinem Onkel in Bietigheim das Uhrmacherhandwerk und ging 1872 in die USA, zu einem Vetter, der in Washington eine Fabrik für elektrische Instrumente betrieb. 1875 zog die Firma nach Baltimore.

Den Weg zur Linotype zeichnet die NDB in mehreren Schritten nach:

  1. 1876 verbesserte Mergenthaler eine Schreibsetzmaschine für den Steindruck von Charles T. Moore.
  2. 1878 arbeitete er an einer Maschine, die Buchstaben in eine weiche Masse (Papiermaché) prägte und davon eine Zeile abgoss.
  3. 1883 gründete er in Baltimore die National Typographic Company. Die Papiermaché-Formen klebten an den Prägestempeln und erzeugten Gussfehler.
  4. Er ging deshalb zu Matrizen aus Metall über, die zu Zeilen gereiht und ausgegossen wurden. Bis Oktober 1885 war diese Maschine serienreif; sie hieß „Blower“.
  5. Am 3. Juli 1886 wurde sie zum ersten Mal beim Satz der New York Tribune eingesetzt. Deren Verleger Whitelaw Reid führte den Namen Linotype ein.

Das US-Patent für die „Blower Linotype“ datiert vom 28. Februar 1888. Den Durchbruch brachte 1890 das verbesserte Modell Simplex. 1892 waren in den USA laut NDB bereits rund 1.000 Linotype-Maschinen verkauft oder vermietet. Mergenthaler starb am 28. Oktober 1899 in Baltimore an Tuberkulose. Thomas Edison soll die Maschine das „achte Weltwunder“ genannt haben; so berichten es Smithsonian Magazine und Aeon.

Wie funktioniert eine Linotype?

Die Linotype setzt keine fertigen Lettern, sondern Gießformen. Jede Form, die MatrizeMater: Gießform für eine Letter, auch Matrize genannt (Mehrzahl: Matern). Ein kleines Metallstück, in das das Buchstabenbild vertieft eingeprägt ist; jede Mater ergibt beim Guss immer denselben Buchstaben., trägt ein Buchstabenbild. Der Ablauf nach der NDB:

  1. Der Maschinensetzer tippt auf einer Tastatur.
  2. Jeder Tastendruck ruft eine Matrize aus einem geordneten Magazin ab.
  3. Die Matrizen reihen sich zu Wörtern und Zeilen.
  4. Keile treiben die Wortabstände auseinander, bis die Zeile die volle Breite hat. Fachleute nennen das Ausschließen.
  5. Die Zeile wird in einem Stück mit Letternmetall ausgegossen und nach dem Erkalten ausgeworfen.
  6. Die Matrizen kehren automatisch in ihr Magazin zurück.

Das Ergebnis ist eine gegossene ZeileZeilenguss: Eine ganze Satzzeile, in einem Stück aus Letternmetall gegossen, statt aus Einzelbuchstaben zusammengesetzt.. Die Matrizen stehen danach sofort für die nächste Zeile bereit.

Ein Nebenprodukt der Tastatur wurde bekannt. Fährt man mit den Fingern die ersten beiden Reihen hinunter, ergibt sich „etaoin shrdlu“. So heißt auch der Film, mit dem der Korrektor David Loeb Weiss 1978 die letzte Nacht des Bleisatzes bei der New York Times festhielt.

Monotype: Einzelbuchstaben vom Lochstreifen

Der Amerikaner Tolbert Lanston, der nach 1865 in der US-Pensionsbehörde arbeitete, erhielt am 7. Juni 1887 die Patente 364.521 und 364.525 für ein anderes System. Es bestand aus zwei Maschinen: einer Tastatur, die einen Papierstreifen locht, und einer Gießmaschine, die nach diesem Streifen die Typen gießt.

Das Museum für Druckkunst Leipzig beschreibt die Monotype als Einzelbuchstaben-Setzmaschine, bei der Setzen und Gießen zwei Arbeitsgänge sind. Der Taster stanzt den Lochstreifen; die Gießmaschine gießt danach die einzelnen Buchstaben und reiht sie zu Zeilen, bis zu 10.000 Zeichen in der Stunde. Der Taster im Museum folgt dem Aufbau einer Schreibmaschine und hat Tasten für drei Schriften, zwei Ziffernreihen und viele Sonderzeichen.

Das Museum nennt als typische Einsatzgebiete der Monotype Werke mit mathematischen oder chemischen Formeln, Fahrpläne und typografisch anspruchsvoll gestaltete Bücher. Verwendet wurde das System bis in die 1980er Jahre.

Linotype, Monotype, Typograph im Vergleich

MaschineErfinder, JahrPrinzipTypischer Einsatz
LinotypeOttmar Mergenthaler, erster Einsatz 1886setzt Matrizen, gießt ganze ZeilenZeitungen
MonotypeTolbert Lanston, Patente 1887Lochstreifen, gießt EinzelbuchstabenFormelsatz, Tabellen, Buchsatz
Typograph1888Zeilensetzmaschine–

Den Typographen nennt das Museum für Druckkunst als weiteres Beispiel einer Zeilensetzmaschine, entwickelt 1888.

Die Linotype in Deutschland

Im Oktober 1894 wurde in Berlin die Mergenthaler Setzmaschinen-Fabrik GmbH gegründet (NDB). Die älteste Zeilensetzmaschine im Museum für Druckkunst Leipzig ist eine Linotype Simplex Modell 2 von 1899, gebaut in Berlin. Nach Angaben des Museums ist sie zugleich die letzte Linotype, an der Mergenthaler selbst noch mitgearbeitet hat.

Für deutsche Schriften brauchte die Maschine eigene Matrizen. Die Frankfurter Schriftgießerei D. Stempel erwarb 1900 von der Berliner Mergenthaler-Fabrik eine Lizenz zur Herstellung von Matrizen für Linotype-Maschinen. Das Hessische Wirtschaftsarchiv nennt diese Lizenz „bahnbrechend“ für die Entwicklung der Firma. 1941 ging die Aktienmehrheit von Stempel an die Mergenthaler Setzmaschinen-Fabrik und damit an Linotype. Die Geschichte dieser Gießerei erzählt der Beitrag über die D. Stempel AG.

Mit der Maschine änderte sich der Beruf. Die NDB schreibt, an die Stelle des Handsetzers sei in weiten Bereichen der Maschinensetzer getreten.

Fotosatz: Buchstaben aus Licht

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts kam der FotosatzFotosatz: Satzverfahren ab den 1960er Jahren: Buchstaben werden fotografisch auf Film oder Fotopapier belichtet statt aus Metall gegossen.. Das Museum für Druckkunst Leipzig beschreibt ihn als Herstellung von Schriftsatz auf fotografischem Weg, von Hand oder maschinell. Es unterscheidet Fotosetzgeräte, die von Hand bedient wurden, und Fotosetzmaschinen mit mechanischer, später elektronischer Steuerung.

Die Diatype und die Schriftträger

Als bekanntestes Fotosetzgerät nennt das Museum die Diatype der Berthold AG, erstmals 1960 vorgestellt. Als Vorlage für den Satz dient bei ihr eine Schriftscheibe. An die Stelle der Matrize aus Metall trat damit ein fotografischer Schriftträger.

Die Schriftgießereien stellten sich darauf ein. Stempel begann 1968 mit der Fertigung von Schriftträgern für Fotosetzmaschinen und 1977 mit eigenen Fotosetzgeräten. 1983 stellte die Firma die Fertigung von Linotype-Matrizen ein (Hessisches Wirtschaftsarchiv). Die Linotype-Setzmaschinen selbst wurden laut NDB bis 1976 gebaut, „ehe sie dem neuen elektronischen System der Textverarbeitung weichen mußten“.

Desktop-Publishing ab 1985

Der nächste Schritt kam vom Computer. 1985 stellte die Firma Aldus das Programm PageMaker für den Macintosh vor. Das Computer History Museum nennt es einen von drei Bausteinen der „desktop publishing revolution“; die anderen beiden waren die Seitenbeschreibungssprache PostScript von Adobe und der Laserdrucker LaserWriter von Apple.

Damit wanderte der Satz aus der Setzerei an den Schreibtisch. Schriften wurden zu Dateien. Viele Schriften aus der Bleisatzzeit leben als digitale Fonts weiter; historische Schriften in digitaler Form lassen sich im Schriftstudio ausprobieren.

Das Ende des Bleisatzes in den Zeitungen

Die Zeitungen, für die die Linotype gebaut worden war, gaben sie in den 1970er und 1980er Jahren auf. Einige belegte Daten:

ZeitungUmstellungQuelle
Frankenpost, Hof1977/78 vom Bleisatz auf FotosatzHistorisches Lexikon Bayerns
The New York Timesletzte Bleisatz-Ausgabe 2. Juli 1978Film „Farewell, Etaoin Shrdlu“
KreiszeitungAnfang der 1980er Jahre Fotosatz; 1987 laut Chronik letzte im Bleisatz erstellte Tageszeitung, gedruckt in WildeshausenFirmenchronik
Saguache Crescent, Colorado2022 noch im BleisatzSmithsonian Magazine

Der Film von David Loeb Weiss zeigt die letzte Bleisatz-Nacht der New York Times: Linotype, Ludlow und Druckmaschinen und daneben schon die Computer der neuen Setzerei. Das Internet Archive datiert die letzte Bleisatz-Ausgabe auf den 2. Juli 1978.

Die Wochenzeitung Saguache Crescent in Colorado wurde nach dem Bericht des Smithsonian Magazine von 2022 noch immer mit einer Mergenthaler Model 14 gesetzt, die die Familie des Herausgebers 1920 neu gekauft hatte. Das Magazin nennt sie die letzte mit der Linotype hergestellte Zeitung in den USA, „perhaps the world“.

Wie es um das Handwerk steht, das die Matrizen und Lettern herstellte, zeigt der Beitrag über den letzten Schriftgießer Europas. Wie Gutenberg das Gießen von Lettern begann, steht im Beitrag über Gutenbergs Verfahren.

Häufige Fragen

Wer hat die Linotype erfunden?
Ottmar Mergenthaler, ein Uhrmacher aus Hachtel bei Mergentheim, der 1872 in die USA ausgewandert war. Seine Maschine wurde am 3. Juli 1886 zum ersten Mal beim Satz der New York Tribune eingesetzt.
Was ist der Unterschied zwischen Linotype und Monotype?
Die Linotype gießt eine ganze Zeile in einem Stück. Die Monotype gießt jeden Buchstaben einzeln; gesteuert wird sie von einem Lochstreifen, den ein getrennter Taster vorher stanzt.
Wann kam der Fotosatz?
Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Das bekannteste deutsche Fotosetzgerät, die Diatype der Berthold AG, wurde 1960 vorgestellt. Linotype-Setzmaschinen wurden bis 1976 gebaut.
Was bedeutet „etaoin shrdlu“?
So lauten die Buchstaben, die man erhält, wenn man auf der Linotype-Tastatur die ersten beiden Reihen hinunterfährt.
Wird heute noch mit der Linotype gedruckt?
Vereinzelt. Die Wochenzeitung Saguache Crescent in Colorado wurde laut Smithsonian Magazine 2022 noch mit einer Linotype von 1920 gesetzt, dazu kommen Museen und Werkstätten.

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