Druck und Handwerk · · 6 Minuten Lesezeit

D. Stempel AG: Geschichte der Frankfurter Schriftgießerei

Die D. Stempel AG in Frankfurt am Main war eine der großen deutschen Schriftgießereien. Gegründet 1895 von David Stempel, lieferte sie Lettern für den Handsatz und Matrizen für die Linotype-Setzmaschine. Bei ihr erschienen Palatino, Melior und Optima. 1985 beschloss Linotype die Auflösung; Maschinen und Matern kamen nach Darmstadt.

Gründung 1895 in Frankfurt-Sachsenhausen

Am 15. Januar 1895 gründete der Kaufmann David Stempel (1869–1927) in Sachsenhausen eine Schriftgießerei. Er hatte zuvor bei der Schriftgießerei Roos & Junge in Offenbach gearbeitet. Laut Hessischem Wirtschaftsarchiv verfügte die Firma anfangs über zwei Maschinen und zwei Arbeitskräfte. Das Klingspor-Museum nennt sie in ihrer Anfangszeit eine „Ausschlußgießerei“: Sie goss vor allem AusschlussAusschluss: Nicht druckende Metallstücke, die im Bleisatz Wortzwischenräume und Leerflächen füllen. und Füllmaterial.

Mit dem Kauf der Offenbacher Gießerei Juxberg-Rust begann Stempel, eigene Werk- und Auszeichnungsschriften zu schneiden und zu gießen. 1898 traten Stempels Schwager, der Ingenieur Wilhelm Cunz (1869–1951), und der Schriftgießereifaktor Peter Scondo als Teilhaber ein. In den folgenden Jahren kamen hinzu:

  • eine Stempelschneiderei,
  • eine Maschinenfabrik für Spezialmaschinen der Gießerei (1899),
  • eine galvanoplastische Abteilung (1902),
  • Schreinerei, Buchbinderei und Hausdruckerei,
  • eine Messinglinienfabrik (1903).

1901 führte Stempel neben dem Handschnitt den mechanisierten Stempelschnitt ein. Für die Gestaltung der Schriften gewann die Firma nach Angaben des Wirtschaftsarchivs „bedeutende zeitgenössische Künstler“. Im selben Jahr wurde sie eine GmbH, am 7. November 1905 eine Aktiengesellschaft mit einer Million Mark Grundkapital. 1910 bezog sie einen fünfgeschossigen Neubau in der Hedderichstraße in Sachsenhausen. Was eine Schriftgießerei herstellt, vom StempelStempel: Das erhaben geschnittene Stahl-Original eines Buchstabens, auch Patrize genannt. Er wird in weicheres Metall geschlagen und erzeugt so die Mater. Wer Stempel schneidet, heißt Stempelschneider. über die MaterMater: Gießform für eine Letter, auch Matrize genannt (Mehrzahl: Matern). Ein kleines Metallstück, in das das Buchstabenbild vertieft eingeprägt ist; jede Mater ergibt beim Guss immer denselben Buchstaben. bis zur Letter, erklärt der Beitrag über Gutenbergs Verfahren.

Matrizen für die Linotype

Entscheidend für das Wachstum war das Jahr 1900. Stempel erwarb von der Mergenthaler Setzmaschinen-Fabrik in Berlin eine Lizenz zur Herstellung von Matrizen für Linotype-Setz- und Gießmaschinen. Das Hessische Wirtschaftsarchiv nennt diese Lizenz „bahnbrechend“.

Die Linotype, erfunden von Ottmar Mergenthaler, setzt Matrizen per Tastatur zu einer Zeile und gießt die Zeile in einem Stück. Für jede Schrift braucht sie eigene Matrizen. Die Berliner Mergenthaler-Fabrik war 1894 gegründet worden (NDB). Wie die Maschine arbeitet, steht im Beitrag über Linotype, Monotype und Fotosatz.

1941 ging die Aktienmehrheit von Stempel an die Mergenthaler Setzmaschinen-Fabrik GmbH, eine Tochter der Mergenthaler Linotype Company in Brooklyn. Damit gehörte Stempel zu Linotype.

Übernahmen: Klingspor, Drugulin, Haas

Stempel kaufte zahlreiche andere Gießereien oder beteiligte sich an ihnen. Die Chronik des Klingspor-Museums und das Hessische Wirtschaftsarchiv nennen unter anderem:

JahrGießereiArt
1914Erste Ungarische Schriftgießerei, BudapestGründung bzw. Übernahme
1915Roos & Junge, OffenbachÜbernahme
1917Gebr. Klingspor, OffenbachMehrheitsbeteiligung
1918Heinrich Hoffmeister, LeipzigErwerb
1919W. Drugulin, LeipzigÜbernahme der Schriftgießerei
1927Haas’sche Schriftgießerei, Münchenstein bei BaselBeteiligung, 1954 Mehrheit
1929Genzsch & Heyse, Hamburggemeinsam mit anderen Gießereien
1956Gebr. Klingsporrestliche Anteile

Über Klingspor war Stempel mit einem der bekanntesten Schriftkünstler der Zeit verbunden. Rudolf Koch arbeitete laut NDB von 1906 bis zu seinem Tod 1934 für die Offenbacher Gießerei. Seine Schriften erschienen also bei einer Firma, die seit 1917 mehrheitlich Stempel gehörte.

Im Schriftenverzeichnis des Klingspor-Museums steht bei Stempel auch eine „Janson-Antiqua, Original“ mit der Jahreszahl 1670 und dem Namen Nicholas Kis. Die Angabe verweist auf die Herkunft der Schrift aus dem 17. Jahrhundert; wie Stempel an die Vorlage kam, sagt das Verzeichnis nicht.

Fraktur und Antiqua im Programm

Das Schriftenverzeichnis des Klingspor-Museums zeigt, wie breit das Angebot war. Neben Antiqua- und Groteskschriften führte Stempel viele gebrochene Schriften. Im Verzeichnis stehen unter anderem:

  • Frakturschriften wie Breitkopf Fraktur, Amts Fraktur, Ehmcke Fraktur, Egmont Fraktur und Normannia Fraktur,
  • Schwabacher und gotische Schriften wie Alt Schwabacher, Ehmcke Schwabacher und Altgotisch eng,
  • Antiquaschriften wie Garamond Antiqua, Baskerville Antiqua (Original), Didot Antiqua und Janson-Antiqua.

Wie sich Fraktur und Antiqua im 20. Jahrhundert gegenüberstanden, erklärt der Beitrag über den Antiqua-Fraktur-Streit. Eine digitale Breitkopf-Fraktur stellt die Schriftenübersicht vor.

Hermann Zapf und die Schriften der 1950er Jahre

Hermann Zapf (1918–2015) war laut Klingspor-Museum von 1947 bis 1956 Mitarbeiter in der „typographischen Abteilung“ der D. Stempel AG. In diesen Jahren entstanden dort einige seiner bekanntesten Schriften. Zapf hatte von 1934 bis 1938 in Nürnberg eine Lehre als Retuscheur gemacht und sich Schrift selbst beigebracht. Nach seiner Zeit bei Stempel arbeitete er freiberuflich, ab 1972 in Darmstadt, wo er bis 1981 an der TH Typographie lehrte. Das Verzeichnis des Museums nennt unter anderem:

SchriftJahr bei StempelGestalter
Palatino1950 (Kursiv und halbfett 1951)Hermann Zapf
Melior1952Hermann Zapf
Virtuosa I1952Hermann Zapf
Saphir1953Hermann Zapf
Optima1958Hermann Zapf
DiotimaAnfang der 1950er JahreGudrun Zapf-von Hesse
Sabon1967Jan Tschichold

Palatino und Optima führte Linotype später weiter. Das Zapf-Verzeichnis des Klingspor-Museums nennt zahlreiche spätere Fassungen, etwa die Palatino nova von 2005. Gudrun Zapf-von Hesse, die Frau von Hermann Zapf, veröffentlichte bei Stempel die Diotima.

Die Sabon

Die Sabon von Jan Tschichold erschien 1967. Im Verzeichnis des Klingspor-Museums steht sie mit Antiqua, Kursiv und halbfettem Schnitt.

Höhepunkt in den 1960er Jahren

Nach den Luftangriffen auf Frankfurt im März 1944, die das Werk an der Hedderichstraße schwer beschädigten, kam nach Kriegsende ein neuer Aufschwung. Die Nachfrage nach Lettern und Matrizen war groß. Das Geschäftsgebäude wurde beim Wiederaufbau um zwei Stockwerke erhöht.

In den 1960er Jahren zählte Stempel laut Hessischem Wirtschaftsarchiv etwa 1.500 Beschäftigte und kontrollierte zeitweise die Hälfte des inländischen Marktes. Geleitet wurde die Firma von Hans G. Stempel, dem Sohn des Gründers, und Walter H. Cunz.

Vom Blei zum Fotosatz

Mit dem FotosatzFotosatz: Satzverfahren ab den 1960er Jahren: Buchstaben werden fotografisch auf Film oder Fotopapier belichtet statt aus Metall gegossen. brauchte die Druckindustrie keine Metallschriften mehr. Stempel versuchte den Wechsel mitzumachen. Die Stationen nach Hessischem Wirtschaftsarchiv und Klingspor-Museum:

  • 1968: Beginn der Schriftträgerfertigung für Fotosetzmaschinen.
  • 1974: letzte Handsatzschrift und letzte Universal-Schriftprobe. Laut Verzeichnis war das die Present von Friedrich K. Sallwey.
  • 1977: Fertigung eigener Fotosetzgeräte (Typomatic).
  • 1978: Die Schriftgussabteilung von Berthold & Stempel in Wien geht an Haas.
  • 1983: Ende der Fertigung von Linotype-Matrizen.
  • 1984: Verkauf der Tochter Klingspor.

Das Ende 1985/86

1985 beschloss die Mehrheitseignerin Linotype GmbH in Eschborn die Auflösung der D. Stempel AG. Das Hessische Wirtschaftsarchiv merkt an, dass die Firma zu diesem Zeitpunkt mit 216 Beschäftigten noch 22 Millionen DM Umsatz im Jahr machte. Die Schriftträgerfertigung für den Fotosatz übernahm Linotype. 1986 wurde die Fertigung in Frankfurt eingestellt.

Den Vertrieb der Bleisatzschriften übernahm die Schriftenservice D. Stempel GmbH, die digitalen Schriften vertrieb die Linotype GmbH in Bad Homburg. Das Firmengebäude in der Hedderichstraße nutzte 2002 laut Wirtschaftsarchiv der Verlag S. Fischer. Die erhaltenen Firmenakten liegen als Depositum der Linotype-Hell AG im Hessischen Wirtschaftsarchiv in Darmstadt.

Was aus Maschinen und Matern wurde

Die Gießmaschinen, Stempel und Matern kamen 1986 nach Darmstadt. Laut Klingspor-Museum übernahm die TH Darmstadt die technische Einrichtung für einen geplanten Museumsbetrieb, der heute zum Hessischen Landesmuseum gehört, Außenstelle Kirschenallee. Das Hessische Wirtschaftsarchiv nennt als Ort das Haus für Industriekultur. Dort wurde eine Schriftgusswerkstatt eingerichtet, die Rainer Gerstenberg leitete, ein bei Stempel ausgebildeter Schriftgießer.

2018 beschrieb die ver.di-Zeitschrift DRUCK+PAPIER die Werkstatt im Haus der Industriekultur, Kirschenallee 88, mit 53 funktionierenden Maschinen und etwa einer Million Matern im Keller. Im Oktober 2026 berichtete der Landbote, das Land Hessen wolle das Gebäude verkaufen. Die Gießmaschinen sollen bis Ende 2026 hinaus; das Land bewertet die Schriftensammlung selbst mit 28 Millionen Euro.

Wie es um Werkstatt und Sammlung steht, erzählt der Beitrag über den letzten Schriftgießer Europas. Wie die Lettern im Setzkasten verwendet wurden, zeigt der Beitrag über den Setzkasten.

Häufige Fragen

Wann wurde die Schriftgießerei D. Stempel gegründet?
Am 15. Januar 1895 in Frankfurt-Sachsenhausen durch den Kaufmann David Stempel. Anfangs hatte die Firma zwei Maschinen und zwei Arbeitskräfte und goss vor allem Füllmaterial.
Welche bekannten Schriften erschienen bei Stempel?
Unter anderem Palatino (1950), Melior (1952) und Optima (1958) von Hermann Zapf, die Diotima von Gudrun Zapf-von Hesse und die Sabon von Jan Tschichold (1967). Zapf arbeitete von 1947 bis 1956 in der typographischen Abteilung von Stempel.
Was hatte Stempel mit Linotype zu tun?
Stempel erwarb 1900 eine Lizenz, Matrizen für die Linotype-Setzmaschine herzustellen. 1941 ging die Aktienmehrheit an die Berliner Mergenthaler Setzmaschinen-Fabrik und damit an Linotype, die 1985 die Auflösung beschloss.
Wann schloss die Stempel AG?
1985 beschloss die Mehrheitseignerin Linotype die Auflösung. 1986 wurde die Fertigung in Frankfurt eingestellt; Maschinen und Matern kamen nach Darmstadt.
Wo sind die Maschinen und Matern der Stempel AG heute?
In Darmstadt, im Gebäude an der Kirschenallee, das zum Hessischen Landesmuseum gehört und als Haus für Industriekultur bekannt ist. Dort betrieb Rainer Gerstenberg die Gießmaschinen. Das Land will das Gebäude verkaufen, die Zukunft der Sammlung ist offen.

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