Grammatik · · 7 Minuten Lesezeit

Der, die, das: Das Genus im Deutschen und das Mädchen

Jedes deutsche Substantiv hat ein festes grammatisches Geschlecht: Maskulinum (der), Femininum (die) oder Neutrum (das). Meist sieht man es dem Wort nicht an. Einige Regeln gibt es aber, und sie erklären auch, warum es „das Mädchen“ heißt.

Drei Genera: der, die, das

Das GenusGenus: Grammatisches Geschlecht eines Substantivs; im Deutschen Maskulinum, Femininum oder Neutrum. ist eine feste Eigenschaft jedes Substantivs. Man erkennt es am Artikel und an den Endungen von Adjektiven und Pronomen. Die Mainzer Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling beschreibt die drei Genera als „uraltes Erbe aus dem Indogermanischen“.

Andere germanische Sprachen sind andere Wege gegangen. Das Englische und das Afrikaans haben das Genus ganz abgebaut. Niederländisch, Friesisch, Schwedisch und Dänisch haben nur noch zwei Genera. Isländisch und Färöisch haben wie das Deutsche drei bewahrt. Weltweit ist Genus keine Selbstverständlichkeit: Nach dem Weltatlas sprachlicher Strukturen (WALS), den Nübling zitiert, haben von 257 untersuchten Sprachen 112 ein Genussystem.

Zur Bedeutung eines Wortes trägt das Genus meist nichts bei. Nübling nennt als Beispiel der Löffel, das Messer und die Gabel: Nichts an Form oder Bedeutung verrät, welches Genus diese Wörter haben.

Woran man das Genus im Satz erkennt

Das Genus zeigt sich am Artikel, an den Endungen von Adjektiven und an Pronomen. In „ein schönes Wetter“ verrät die Endung -es, dass Wetter ein Neutrum ist; in „der große Hund“ zeigt der Artikel das Maskulinum. Oft bleibt das Genus aber verdeckt. Gunnar Brådvik weist darauf hin, dass Maskulinum und Neutrum in vielen Fällen gleiche Formen haben, etwa im Dativ (dem Hund, dem Wetter). Eindeutig unterscheiden lassen sie sich nur in einigen Formen des Nominativs und Akkusativs. Im Plural fallen alle drei Genera zusammen: die Hunde, die Katzen, die Pferde.

Woher kommt das Genus?

Wie das Genus entstanden ist, lässt sich nach Nübling mit heutigem Wissen nicht sicher beantworten. Sie beschreibt eine verbreitete Annahme: Am Anfang könnten Wörter gestanden haben, die andere Wörter einer Klasse zuordneten. Ein Rest solcher Klassifikation findet sich noch im heutigen Deutsch, etwa in zwei Kopf Salat oder drei Laib Brot. Mit der Zeit werde die Zuordnung undurchsichtig, bis am Ende jedes Substantiv fest einer Klasse angehöre, deren Grund man nicht mehr erkennt. Nübling nennt das Genus deshalb das „Endstadium einer Grammatikalisierung“.

Genus und Sexus: grammatisches und natürliches Geschlecht

Vom Genus zu unterscheiden ist der SexusSexus: Natürliches Geschlecht eines Lebewesens, im Unterschied zum grammatischen Geschlecht eines Wortes., das natürliche Geschlecht. Bei Personen und manchen Tieren stimmen beide oft überein: die Frau, die Tante, die Löwin, die Nonne. Nübling deutet das so, dass sich das Genus an das Sexusmerkmal anlehnt, damit es leichter zu lernen ist. Das Genus selbst drückt also kein Geschlecht aus, sondern wird nach der Bedeutung zugewiesen.

Bei den meisten Wörtern gibt es keinen solchen Bezug. Die Tafel, die Vernunft, die Überschrift und die Katastrophe sind feminin, ohne etwas gemeinsam zu haben. Nach dem WALS sind etwa 75 Prozent der Genussprachen sexusbasiert, wie das Deutsche.

Warum heißt es „das Mädchen“?

Mädchen ist eine Verkleinerungsform von Magd. Pfeifers Etymologisches Wörterbuch nennt als älteste Form mittelniederdeutsch mēgedeken aus dem 15. Jahrhundert, dann Medichen (Anfang 16. Jahrhundert) und Mägdchen (17. Jahrhundert). Die Nachsilbe -chen macht jedes Substantiv zum Neutrum: das Löffelchen, das Gäbelchen, das Mädchen. Dasselbe gilt für -lein, wie in das Fräulein.

Bei Mädchen treffen also zwei Regeln aufeinander: Wörter für weibliche Personen sind meist feminin, Verkleinerungen immer neutral. Die Sprachwissenschaft nennt solche Wörter hybride Nomenhybrides Nomen: Substantiv, dessen grammatisches Geschlecht vom natürlichen Geschlecht der bezeichneten Person abweicht.. Julia Hübner zeigt 2021, dass man sich auf Mädchen sowohl mit es als auch mit sie beziehen kann. Welche Form gewählt wird, hängt unter anderem vom Abstand zwischen Nomen und Pronomen ab und davon, welches Wort sich nach dem Nomen richtet.

SatzBezugGrundlage
Das Mädchen sagt, es komme später.esGenus (Neutrum)
Das Mädchen sagt, sie komme später.sieSexus (weiblich)

Regeln: Welche Endungen welches Genus haben

Sicher vorhersagen lässt sich das Genus bei abgeleiteten Wörtern. Nübling schreibt, dass Ableitungssilben wie -ung, -schaft und -heit „immer das Genus des ganzen Wortes“ bestimmen. Viele dieser Silben waren früher selbst eigene Wörter mit festem Genus; -heit etwa war im Althochdeutschen ein Substantiv. Die Nachsilbe -keit ist im Mittelhochdeutschen aus -heit nach Adjektiven auf -ig entstanden, etwa in ewicheit, Ewigkeit.

NachsilbeGenusBeispiele
-chenNeutrumdas Mädchen, das Häuschen, das Törtchen
-leinNeutrumdas Fräulein, das Bächlein
-ungFemininumdie Zeitung, die Abbildung, die Anmeldung
-heitFemininumdie Freiheit, die Schönheit, die Krankheit
-keitFemininumdie Ewigkeit, die Eitelkeit
-schaftFemininumdie Freundschaft
-lingMaskulinumder Flüchtling, der Prüfling, der Schreiberling

Zusammensetzungen

Bei zusammengesetzten Wörtern entscheidet das letzte Glied, das GrundwortGrundwort: Letzter Bestandteil eines zusammengesetzten Wortes; er bestimmt Wortart und Genus.: das Haus und der Bau ergeben der Hausbau, der Wind und das Licht ergeben das Windlicht. Mehr dazu steht im Beitrag über zusammengesetzte Wörter.

Muster auch ohne Nachsilbe

Auch bei einfachen Wörtern gibt es Tendenzen. Die Forscher Klaus-Michael Köpcke und David Zubin legten 1983 Muttersprachlern erfundene Wörter wie Zür, Knich und Quett vor. Nach der Darstellung bei Brådvik (2026) wählten etwa 70 Prozent der Teilnehmer das Genus, das nach der Lautgestalt zu erwarten war. Köpcke und Zubin schlossen daraus, dass die Zuweisung nicht völlig willkürlich ist.

Welches Genus bekommen Lehnwörter?

Wörter aus Sprachen ohne Genus, etwa dem Englischen, müssen im Deutschen ein Genus erhalten. Onysko, Callies und Ogiermann untersuchten 2013, wie Sprecher in drei großen Dialektregionen englischen Lehnwörtern ein Genus zuweisen. Bei vielen Testwörtern fanden sie erhebliche Schwankungen. Eine ältere Untersuchung von Marion Schulte-Beckhausen (2002) stellte bei etwa zehn Prozent der untersuchten Substantive aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen schwankendes Genus fest.

  • E-Mail: nach Duden die E-Mail, besonders süddeutsch, österreichisch und schweizerisch auch das E-Mail.
  • Joghurt: der Joghurt, besonders österreichisch und schweizerisch das Joghurt, ostösterreichisch mundartlich auch die Joghurt.

Wie Wörter aus anderen Sprachen ins Deutsche kamen, beschreibt der Beitrag über Lehnwörter.

Wörter mit zwei Artikeln

Manche Wörter haben zwei Genera. Das kann regional bedingt sein oder die Bedeutung unterscheiden.

WortFormenUnterschied
Teilder Teil / das Teilder Teil eines Ganzen (der erste Teil des Romans); das Teil als einzelnes Stück (ein defektes Teil ersetzen); beim Anteil beides: sein(en) Teil abbekommen
Bauerder Bauer / das Bauerder Bauer ist der Landwirt, das Bauer ein Vogelkäfig
Butterdie Butter / der Butterdie Butter standardsprachlich; der Butter laut DWDS in Süddeutschland und der Schweiz
Bonbonder Bonbon / das Bonbonbeide Formen möglich
Joghurtder / das / die Joghurtregional verschieden

Regionale Unterschiede dieser Art behandelt auch der Beitrag über Deutsch in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Genus bei Vornamen in Dialekten

In einigen Dialekten trägt das Genus zusätzliche Information. Nübling beschreibt für südbadische und Schweizer Mundarten, dass weibliche Vornamen dort im Neutrum stehen können, etwa das Anna. Das gilt dort als unmarkierter Normalfall und wirkt nicht abwertend; Frauen stellen sich selbst so vor. Bei Männern ist der volle Vorname im Neutrum ausgeschlossen. Verkleinerte Männernamen stehen bei kleinen Jungen im Neutrum (s’Peterle), bei älteren Jungen und Männern dagegen im Maskulinum: der Peterle. Mehr zu Mundarten steht im Beitrag über Dialekte.

Mark Twain und „The Awful German Language“

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain veröffentlichte 1880 im Anhang seines Reiseberichts „A Tramp Abroad“ den Aufsatz „The Awful German Language“. Darin spottet er über das deutsche Genus:

Every noun has a gender, and there is no sense or system in the distribution; so the gender of each must be learned separately and by heart. […] In German, a young lady has no sex, while a turnip has.
Mark Twain: A Tramp Abroad, Appendix D, 1880

Übersetzt: Jedes Substantiv habe ein Genus, ohne Sinn und System in der Verteilung; man müsse jedes einzeln auswendig lernen. Eine junge Dame habe im Deutschen kein Geschlecht, eine Rübe dagegen schon. Twain nennt das deutsche Wort nicht. Die Pointe passt aber auf Verkleinerungen wie Mädchen und Fräulein, die sächlich sind, während die Rübe feminin ist. Es folgt ein Dialog, den Twain nach eigener Angabe aus einem deutschen Sonntagsschulbuch übersetzt hat: Wilhelm sagt darin über die Rübe „she“ und über ein englisches Mädchen „it“.

Ganz ohne System ist das Genus nach heutiger Forschung nicht: Nachsilben, Zusammensetzungen und bei Personen das natürliche Geschlecht legen das Genus vieler Wörter fest. Nübling sieht im Genus außerdem eine Aufgabe im Satzbau: Es ist maßgeblich daran beteiligt, die NominalklammerNominalklammer: Klammer aus Artikel und Substantiv, die eine Wortgruppe einrahmt, etwa „die über Jahre gebaute Brücke“. zu bilden. Wie Artikel und Endungen in den vier Fällen aussehen, zeigt der Beitrag über die vier Fälle.

Häufige Fragen

Warum heißt es das Mädchen?
Mädchen ist eine Verkleinerungsform von Magd. Wörter mit der Nachsilbe -chen oder -lein sind im Deutschen immer sächlich, unabhängig davon, wen sie bezeichnen.
Sagt man beim Mädchen „es“ oder „sie“?
Beides kommt vor. Grammatisch passt das Neutrum es, weil Mädchen sächlich ist; mit sie richtet man sich nach dem natürlichen Geschlecht. Welche Form gewählt wird, hängt unter anderem vom Abstand zwischen Nomen und Pronomen ab.
Welche Endungen sind immer feminin?
Ableitungen auf -ung, -heit, -keit und -schaft sind feminin, zum Beispiel die Zeitung, die Freiheit, die Ewigkeit und die Freundschaft.
Heißt es der oder das Joghurt?
Der Duden nennt der Joghurt als Hauptform und das Joghurt besonders für Österreich und die Schweiz. Ostösterreichisch mundartlich kommt auch die Joghurt vor.
Was ist der Unterschied zwischen Genus und Sexus?
Genus ist das grammatische Geschlecht eines Wortes, Sexus das natürliche Geschlecht eines Lebewesens. Bei Personen stimmen beide oft überein, aber nicht immer: das Mädchen ist ein Neutrum, bezeichnet aber eine weibliche Person.
Kann man das Genus eines Wortes erkennen?
Oft nicht. Bei einfachen Wörtern wie Löffel, Messer und Gabel verrät weder Form noch Bedeutung das Genus. Sicher ist es bei bestimmten Nachsilben und bei Zusammensetzungen, die das Genus des letzten Bestandteils übernehmen.

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