Grammatik · · 7 Minuten Lesezeit
Starke und schwache Verben: Ablaut, Regeln und Wandel
Deutsche Verben bilden ihre Vergangenheitsformen auf zwei Arten. Schwache Verben hängen eine Endung an: kochen – kochte – gekocht. Starke Verben ändern den Vokal im Wortstamm: trinken – trank – getrunken.
Was sind starke und schwache Verben?
Die beiden Klassen unterscheiden sich darin, wie sie Präteritum und Partizip II bilden. Schwache Verben behalten ihren Stamm und fügen ein DentalsuffixDentalsuffix: Endung mit einem t-Laut, mit der schwache Verben ihr Präteritum bilden, im Deutschen -te. an. Starke Verben ändern den Stammvokal. Ihr Partizip II endet auf -en.
| Klasse | Infinitiv | Präteritum | Partizip II |
|---|---|---|---|
| schwach | kochen | kochte | gekocht |
| schwach | sagen | sagte | gesagt |
| stark | trinken | trank | getrunken |
| stark | nehmen | nahm | genommen |
| gemischt | bringen | brachte | gebracht |
Die Begriffe „stark“ und „schwach“ werden Jacob Grimm zugeschrieben. Der Sprachwissenschaftler Peter Öhl verweist dafür auf Grimms „Deutsche Grammatik“ von 1822. Die Vorstellung dahinter, wie Öhl sie wiedergibt: Starke Verben bilden ihre Vergangenheit „aus eigener Kraft“, schwache brauchen eine Endung.
Auch die Herkunft der Wörter unterscheidet sich. Die Mittelhochdeutsche Kurzgrammatik der Universität Frankfurt beschreibt die starken Verben als ursprüngliche Verben. Die schwachen Verben sind abgeleitet: von Substantiven (salben von Salbe), von Adjektiven (heilen von heil) oder von anderen Verben (setzen als „sitzen machen“). Neue und entlehnte Verben werden in der Regel schwach gebeugt.
Was ist der Ablaut?
Der AblautAblaut: Regelmäßiger Wechsel des Vokals in verwandten Wörtern und Wortformen, etwa binden – band – gebunden. ist ein Wechsel des Vokals in Wörtern, die etymologisch zusammengehören. Er stammt aus dem Indogermanischen. Er zeigt sich nicht nur bei Verben, sondern auch in Wortfamilien wie binden – Band – Bund. Als Fachbegriff gilt das Wort laut DWDS seit Jacob Grimm (1819).
Im heutigen Deutsch kann der Ablaut bis zu fünf Formen eines Verbs unterscheiden. Ute Hempen nennt als Beispiel nehmen – nimmst – nahm – nähme – genommen. Die Zahl der verschiedenen Vokale in einer Reihe reicht von zwei (heißen – hieß – geheißen) bis fünf.
Die sieben Ablautreihen
Im Germanischen waren die starken Verben in sieben Ablautreihen geordnet. Welche Reihe ein Verb hatte, hing von den Lauten nach dem Stammvokal ab. Die Reihen I bis V beruhen auf einem Wechsel von e und o, Reihe VI auf einem Wechsel von a und o. Reihe VII umfasst ehemals reduplizierende Verbenreduplizierende Verben: Verben, die ihr Präteritum ursprünglich durch Verdoppelung der Anfangssilbe bildeten.. Die folgende Tabelle nennt die mittelhochdeutschen Beispiele der Frankfurter Kurzgrammatik und die heutigen Formen.
| Reihe | Mittelhochdeutsch | Neuhochdeutsch |
|---|---|---|
| I | rîten – reit – riten – geriten | reiten – ritt – geritten |
| II | biegen – bouc – bugen – gebogen | biegen – bog – gebogen |
| III | binden – bant – bunden – gebunden | binden – band – gebunden |
| IV | nemen – nam – nâmen – genomen | nehmen – nahm – genommen |
| V | geben – gap – gâben – gegeben | geben – gab – gegeben |
| VI | varn – vuor – vuoren – gevarn | fahren – fuhr – gefahren |
| VII | râten – riet – rieten – gerâten | raten – riet – geraten |
Im Mittelhochdeutschen hatte das Präteritum noch zwei Stufen: reit im Singular, riten im Plural. Im heutigen Deutsch sind beide zu einer Form zusammengefallen. Lautwandel wie die Dehnung von Vokalen und der Umlaut haben das alte System außerdem zersplittert. Hempen zählt heute 42 verschiedene Vokalfolgen, von denen 22 nur ein einziges Verb haben. Damaris Nübling spricht von rund 50 Alternanzen; die größte Gruppe, die ehemalige I. Ablautreihe, hat noch 20 Mitglieder. Die Duden-Grammatik ordnet die starken Verben deshalb nicht mehr nach Reihen, sondern alphabetisch. Mehr zu den älteren Sprachstufen steht im Beitrag Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch.
Wie viele starke Verben gibt es?
Die große Mehrheit der deutschen Verben ist schwach. Der Sprachhistoriker Andreas Bittner (Universität Hannover) zählt nach Spektrum.de im heutigen Deutsch etwa 4000 schwache und etwa 170 starke Verben. Gerhard Augst kam 1975 auf 169 starke Verben im Neuhochdeutschen, gegenüber 339 im Mittelhochdeutschen. Nach Augst ist also etwa die Hälfte der starken Verben auf dem Weg ins Neuhochdeutsche verschwunden: Entweder gingen sie unter, oder sie wurden schwach.
Die starken Verben sind wenige, aber sie gehören zu den häufigsten Wörtern. Spektrum.de nennt essen, trinken, geben und sprechen. Dass sich diese Verben bald ändern, gilt dort als unwahrscheinlich: Sie werden zu oft verwendet.
Gemischte Verben: bringen, denken, brennen
Zwischen den beiden Klassen steht eine kleine Gruppe gemischter Verben. Sie ändern den Stammvokal wie starke Verben, haben aber die Endungen -te und -t der schwachen Verben.
| Infinitiv | Präteritum | Konjunktiv II | Partizip II |
|---|---|---|---|
| brennen | brannte | brennte | gebrannt |
| bringen | brachte | brächte | gebracht |
| denken | dachte | dächte | gedacht |
Der Rückumlaut
Bei brennen, senden und einigen ähnlichen Verben spricht man vom RückumlautRückumlaut: Wechsel zwischen umgelautetem Präsens und nicht umgelautetem Präteritum bei einigen schwachen Verben, etwa brennen – brannte.. Der Name stammt von Jacob Grimm. Er nahm an, im Präteritum sei ein Umlaut zurückgenommen worden. Das war ein Irrtum: Tatsächlich hat das Präsens einen Umlaut bekommen, das Präteritum nicht. Die Frankfurter Kurzgrammatik stellt gotisch brannjan neben althochdeutsch brennan – branta: Das Präteritum blieb ohne Umlaut. Nübling nennt diese Verben eine „Sechsergruppe vom Typ brennen – brannte – gebrannt“. Bei senden gibt es daneben die regelmäßigen Formen sendete und gesendet; Öhl erklärt sie als spätere Analogiebildungen. Der Duden nennt bei senden sandte als Hauptform und sendete als seltener.
bringen und denken
Bei bringen und denken ändert sich auch ein Konsonant. Bei denken geht das nach Öhl auf einen Ausfall des Nasals schon im Althochdeutschen zurück: denken – dâhta – gidaht. Im Konjunktiv II haben beide Verben einen Umlaut: brächte, dächte. Bei brennen dagegen lautet er nach dem Duden brennte.
Warum werden starke Verben schwach?
Der Wechsel von stark zu schwach ist die Hauptrichtung des Wandels. Er läuft nach Nübling bereits seit frühneuhochdeutscher Zeit. Nübling nennt derzeit rund 20 weitere Verben mit Schwächungstendenzen, darunter backen.
Ein historisches Beispiel: bellen
Im Althochdeutschen war bellen stark. Nach dem DWDS galt in den älteren Sprachstufen allein die starke Flexion. Seit dem 17. Jahrhundert wurden daneben schwache Formen gebräuchlich; die starken kamen vereinzelt noch bis ins 19. Jahrhundert vor. Bei Goethe bill der Hund noch, er ball oder hat gebollen. Andere starke Verben sind ganz verschwunden. Öhl nennt etwa frühneuhochdeutsch beiten („warten“) und mittelhochdeutsch queden („sprechen“).
Verben mit Doppelformen heute
| Verb | starke Form | schwache Form | Angabe im Duden |
|---|---|---|---|
| backen | buk | backte | backte, veraltend buk; Partizip gebacken |
| melken | molk, gemolken | melkte, gemelkt | beide; Partizip gemolken häufiger |
| glimmen | glomm, geglommen | glimmte, geglimmt | glomm, auch glimmte |
| gären | gor, gegoren | gärte, gegärt | gor; gärte besonders übertragen |
Spektrum.de nennt nach Bittner weitere Übergangsfälle: fechten, schallen und flechten. Die Formen scholl und glomm werden demnach heute kaum noch gesagt. Der Duden führt glomm allerdings weiter als Hauptform.
Die Reihenfolge des Wandels
Ein Verb wird nicht auf einmal schwach. Nach Spektrum.de beginnt der Wandel beim Imperativ und endet beim Partizip II. Beispiel: Brech mir nicht das Herz ist im gesprochenen Deutsch inzwischen häufiger als Brich mir nicht das Herz. Ein Partizip gebrecht ist dagegen nicht gebräuchlich. Auch bei backen ist das Präteritum schwach geworden, das Partizip gebacken ist stark geblieben.
Häufigkeit als Grund
Häufig gebrauchte Verben bleiben eher stark, selten gebrauchte werden schwach. Die Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling begründet das mit Sprachökonomie: Schwache Formen lassen sich aus der Grundform bilden. Starke Formen muss man auswendig kennen; dafür sind sie kurz. Das lohnt sich nur bei Wörtern, die man oft braucht. Spektrum.de zitiert sie so:
„ein hoher kognitiver Aufwand damit verbunden, wenn man selten vorkommende Formen wie ›küren‹ und ›kürte‹ fertig zusammengesetzt im Gedächtnis gespeichert hätte“
Die alten Formen kor und gekoren sind tatsächlich außer Gebrauch gekommen. Auch Kinder lernen zuerst die schwache Bildung und übertragen sie auf starke Verben: ich gehte, ich habe ausgeschlaft.
Nicht jedes schwächelnde Verb wird ganz schwach. Die Sprachwissenschaftlerin Jessica Nowak beschreibt einen Nebenweg: Gut zwei Dutzend Verben übernahmen im Frühneuhochdeutschen das Muster fliegen – flog – geflogen, etwa bellen – boll – gebollen. Bei heben, fechten und schwören blieb es dabei (hob, focht, schwor).
Werden auch schwache Verben stark?
Ja, aber selten. Nübling schreibt, im Neuhochdeutschen gebe es „praktisch nur den einen Weg von stark zu schwach“. Die bekannten Ausnahmen:
winken – gewunken
Winken war ursprünglich schwach: winkte, gewinkt. Die Form gewunken ist später hinzugekommen. Der Germanist Stephan Elspaß (Universität Salzburg) erklärt sie nach Spektrum.de mit der Ähnlichkeit zu sinken – gesunken und trinken – getrunken. Der Wandel betrifft nur das Partizip; ein Präteritum wank gibt es nicht. Der Duden nennt gewinkt und daneben gewunken.
preisen, gleichen, pfeifen
Schon im Mittelhochdeutschen kamen einige Verben neu zur I. Ablautreihe, nach Nübling etwa preisen, gleichen und pfeifen. Öhl nennt für preisen noch die frühneuhochdeutsche schwache Form preisete; heute heißt es pries und gepriesen.
fragen – frug
Fragen ist ein schwaches Verb. Duden und DWDS kennen frug als landschaftliche Nebenform. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm erklärt sie als Bildung nach dem Vorbild von tragen – trug und schlagen – schlug. Die Form sei aus dem Niederdeutschen gekommen:
„aus dem nd. eingedrungenes und immer mehr vordringendes unorganisches praet.“
Nach dem Wörterbuch hatten sich schon Gottsched und Adelung gegen frägt und frug ausgesprochen, ohne Erfolg. In Dialekten ist der Übertritt in die starke Klasse häufiger. Nübling beschreibt für das Schweizerdeutsche Formen wie gwunke („gewinkt“) und gstumme („gestimmt“). Mehr dazu im Beitrag über deutsche Dialekte.
Starke und schwache Formen mit verschiedener Bedeutung
Manchmal bleiben beide Formen erhalten, weil sie verschiedene Aufgaben übernehmen. Nach Spektrum.de ist das oft eine Frage der TransitivitätTransitivität: Eigenschaft eines Verbs, ein Akkusativobjekt zu haben.: Mit Akkusativobjekt steht die schwache Form, ohne Objekt die starke.
| Verb | schwach | stark |
|---|---|---|
| hängen | Ich habe die Wäsche aufgehängt. | Die Wäsche hat gehangen. |
| erschrecken | Du hast sie erschreckt. | Du bist erschrocken. |
| schaffen | Sie hat den ganzen Tag geschafft (arbeiten). | Sie hat ein Werk geschaffen (hervorbringen). |
Bei schaffen trennt das DWDS die Formen nach Bedeutung: schuf und geschaffen für „schöpferisch hervorbringen“, schaffte und geschafft unter anderem für „arbeiten, rege tätig sein“. Formen wie aufgehangen statt aufgehängt gelten nach Spektrum.de heute nicht als standardsprachlich. Wie diese Verben im Satz stehen, zeigt der Beitrag zum Verb am Satzende.
Häufige Fragen
- Was ist der Unterschied zwischen starken und schwachen Verben?
- Schwache Verben bilden das Präteritum mit dem Suffix -te und lassen den Stammvokal gleich (kochen, kochte, gekocht). Starke Verben ändern den Stammvokal durch Ablaut und bilden das Partizip II auf -en (trinken, trank, getrunken).
- Wie viele starke Verben gibt es im Deutschen?
- Der Sprachhistoriker Andreas Bittner zählt im heutigen Deutsch etwa 170 starke gegenüber etwa 4000 schwachen Verben. Gerhard Augst kam 1975 auf 169 starke Verben im Neuhochdeutschen.
- Was sind gemischte Verben?
- Gemischte Verben ändern den Stammvokal wie starke Verben, haben aber die Endungen der schwachen Verben. Beispiele sind brennen, brannte, gebrannt sowie bringen, brachte, gebracht und denken, dachte, gedacht.
- Heißt es buk oder backte?
- Beides ist richtig. Der Duden führt backte als Hauptform und buk als veraltend. Das Partizip lautet weiterhin gebacken.
- Heißt es gewinkt oder gewunken?
- Der Duden nennt gewinkt und als Variante gewunken. Historisch ist winken ein schwaches Verb; die starke Form gewunken ist später entstanden.
- Ist frug richtig?
- Frug gilt als landschaftliche Nebenform von fragte. Fragen war ursprünglich schwach; die Form frug ist eine jüngere Bildung nach dem Muster von tragen – trug.