Grammatik · · 9 Minuten Lesezeit
Verb am Satzende: Satzklammer und Feldermodell im Deutschen
Im deutschen Hauptsatz steht das gebeugte Verb an zweiter Stelle, im eingeleiteten Nebensatz am Ende. Weitere Verbteile wie Partizipien, Infinitive oder abgetrennte Vorsilben stehen auch im Hauptsatz am Ende. So entsteht die Satzklammer, um die herum sich der ganze Satz ordnet.
Wo steht das Verb im deutschen Satz?
Die Grammatik des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS) unterscheidet drei Satztypen nach der Stellung des finiten Verbs. Im Verberstsatz steht es ganz vorn, im Verbzweitsatz an zweiter Stelle, im Verbletztsatz am Ende.
| Satztyp | Beispiel | Typische Verwendung |
|---|---|---|
| Verberst (V1) | Holst du mir bitte den Mantel? | Entscheidungsfrage |
| Verbzweit (V2) | Gestern war ich in Köln. | Aussagesatz |
| Verbletzt (VL) | …, weil er viel gearbeitet hat. | eingeleiteter Nebensatz |
Die beiden ersten Beispiele stammen aus grammis, dem Grammatikportal des IDS. Wichtig ist: Es geht um das finite Verb, also die gebeugte Form. Infinitive und Partizipien stehen in allen drei Satztypen hinten.
Was ist die Satzklammer?
In einem Satz wie „Ich habe den Brief gestern geschrieben“ bilden habe und geschrieben eine Klammer um den Rest. Die Grammatik nennt das die Satzklammer. Sie hat einen linken und einen rechten Teil.
- Linke Satzklammer: Im Verberst- und Verbzweitsatz steht hier genau ein finites Verb. Im Verbletztsatz steht hier das Einleitungswort, etwa eine SubjunktionSubjunktion: Ein Bindewort, das einen Nebensatz einleitet, etwa dass, weil, ob, obwohl. wie dass oder weil, ein Relativ- oder ein Fragewort.
- Rechte Satzklammer: Hier stehen nur verbale Teile: Partizip II, Infinitiv, abgetrennte Verbpartikel, im Nebensatz auch das finite Verb.
Der linke Teil ist immer besetzt. Der rechte ist im Nebensatz Pflicht, im Haupt- und Fragesatz nicht. Bleibt er leer, verschiebt sich trotzdem nichts: „Es geriet einiges aus den Fugen in diesen Tagen“ ist gebaut wie „Es ist einiges aus den Fugen geraten in diesen Tagen“. grammis spricht dann von einer „virtuellen“ rechten Klammer.
Statt Satzklammer liest man auch Verbalklammer, Verbklammer oder Satzrahmen. Das IDS bevorzugt „Satzklammer“, weil im Nebensatz der linke Teil gar kein Verb ist.
Vorfeld, Mittelfeld, Nachfeld: das topologische Feldermodell
Die beiden Klammerteile teilen den Satz in Abschnitte, die Stellungsfelder. Das Modell fragt nach Positionen, nicht nach Satzgliedern; deshalb heißt es topologisches Feldermodell.
| Vorfeld | Linke Klammer | Mittelfeld | Rechte Klammer | Nachfeld |
|---|---|---|---|---|
| Jeremies | hat | heute nicht so gut | gespielt | wie sonst. |
| Ich | komme | um 20.18 Uhr am Hauptbahnhof | an. | – |
| – | Holst | du mir bitte den Mantel? | – | – |
| – | weil | er viel | gearbeitet hat | – |
Das Vorfeld
Das Vorfeld liegt vor der linken Klammer und ist nur im Verbzweitsatz besetzt. Es enthält nach grammis in der Regel eine einzige Informationseinheit und meist eine Stellungseinheit. Daher die Faustregel: ein Satzglied vor dem finiten Verb. Dieses Satzglied kann aber lang sein. Schon Drach nannte als Beispiel: „In der Nacht, als alles schlief, flüchtete er heimlich aus der Stadt.“
Das Mittelfeld
Zwischen den Klammerteilen liegt das Mittelfeld. Es kann in allen Satztypen besetzt sein und nimmt meist den größten Teil des Satzes auf. Darum sind die Regeln für die Reihenfolge im Mittelfeld nach grammis besonders wichtig. Hier stehen Subjekt (wenn es nicht im Vorfeld steht), Objekte und Angaben zu Zeit, Ort und Art.
Das Nachfeld
Rechts von der rechten Klammer folgt das Nachfeld. Es ist relativ selten besetzt, zum Beispiel mit Vergleichen wie „wie sonst“ oder mit Nebensätzen. Davor und dahinter können noch Außenfelder stehen, die durch Komma oder Pause abgesetzt sind: „Also, Jeremies hat heute nicht gut gespielt.“
Warum steht das Verb im Nebensatz am Ende?
Im Feldermodell ergibt sich die Endstellung aus der Besetzung der linken Klammer. Dort steht im Nebensatz das Einleitungswort. Das finite Verb hat also vorn keinen Platz und steht mit allen anderen Verbteilen in der rechten Klammer. Im Hauptsatz ist die linke Klammer dagegen für das finite Verb frei.
| Hauptsatz (V2) | Nebensatz (VL) |
|---|---|
| Er hat viel gearbeitet. | …, weil er viel gearbeitet hat. |
| Ich komme um acht an. | …, dass ich um acht ankomme. |
| Sie wird das Flugzeug landen sehen. | …, dass sie das Flugzeug landen sehen wird. |
Innerhalb der rechten Klammer gilt eine feste Reihenfolge: Das regierende Verb folgt dem regierten, wie in „gerufen worden sein wird“. Das finite Verb steht also ganz am Ende. Es gibt eine bekannte Ausnahme. Hat haben zwei Infinitive bei sich, rückt es nach vorn: „…, weil er nicht hat kommen dürfen“. Die Form „…, weil er nicht kommen dürfen hat“ gilt als ungrammatisch. Bei werden ist die Voranstellung möglich, aber nicht nötig: „…, dass sie das Flugzeug wird landen sehen“.
Woher stammt das Feldermodell? Herling und Drach
Die Beobachtungen sind alt. Der Grammatiker Johann Christoph Adelung behielt schon 1782 die zweite Stelle im Aussagesatz dem finiten Verb vor und sah Partizip und Infinitiv als dessen Bestimmungen an. Das zeigt der Sprachwissenschaftler Tilman N. Höhle in seiner Arbeit „Topologische Felder“ von 1983.
Besonders klar formulierte die Regel nach Höhle Simon Heinrich Adolf Herling 1821. Herling erklärte, warum in „Er hat mir gestern mein Verfahren vorgeschrieben“ und „Er schrieb mir gestern mein Verfahren vor“ das vor an derselben Stelle steht: Die mit dem Verb verbundenen Adverbien und Präpositionen, heute Verbpartikeln genannt, „bleiben an der ursprünglichen Stelle zurück“, wenn Präsens oder Präteritum das Verb nach vorn holen. Höhle hebt die „Luzidität und Prägnanz“ dieser Analyse hervor.
Die Wörter Vorfeld und Nachfeld stammen von Erich Drach. Er führte sie 1937 in seinen postum erschienenen „Grundgedanken der deutschen Satzlehre“ ein. Drachs Modell hatte drei Teile: Vorfeld (vor dem finiten Verb), Mitte (das finite Verb) und Nachfeld (alles danach). Das heutige Modell mit fünf Feldern ist feiner. Nach Just und Masiero, die sich auf Höhle stützen, wurde Drachs Ansatz in den folgenden Jahrzehnten vor allem von Johannes Erben und Heinz Griesbach erweitert. Höhles eigene Arbeit von 1983 kursierte lange nur als Manuskript und erschien erst 2019 im Druck.
Trennbare Verben in der Satzklammer
Bei trennbaren Verben wie ankommen, abreisen oder vorschreiben wird die Satzklammer besonders sichtbar. Das finite Verb geht nach links, die Partikel bleibt rechts. Diese DistanzstellungDistanzstellung: Die getrennte Stellung zweier Teile eines Verbs, etwa komme … an. gibt es nach grammis nur im Präsens und Präteritum Aktiv. In allen anderen Formen bleibt das Verb zusammen:
- Hauptsatz, Präsens: Ich komme um acht an.
- Nebensatz: …, dass ich um acht ankomme.
- Perfekt: Ich bin um acht angekommen.
- zu-Infinitiv: Ich hoffe, pünktlich anzukommen.
Gleiche Schreibung, zwei Verben
Einige Vorsilben kommen trennbar und untrennbar vor, etwa durch-, über-, um- und unter-. Der Duden führt zwei Verben umfahren:
| Verb | Bedeutung | Formen |
|---|---|---|
| úmfahren (trennbar) | beim Fahren umwerfen | fährt um, fuhr um, umgefahren, umzufahren |
| umfáhren (untrennbar) | um etwas herumfahren | umfährt, umfuhr, umfahren, zu umfahren |
Tabea Becker und Corinna Peschel stellten fest, dass alle von ihnen ausgewerteten Grammatiken die Trennbarkeit an die Betonung knüpfen: Betonte Vorsilben werden abgetrennt, unbetonte nicht. In ihrer Befragung von 120 Studierenden zeigte sich aber, dass auch Muttersprachler bei seltenen Verben schwanken. Formen wie „um nicht zu übergeneralisieren“ und „um nicht überzugeneralisieren“ fanden die Autorinnen sogar in Hausarbeiten von Germanistikstudierenden. Mehr zu Stolpersteinen für Lernende steht im Beitrag über schwierige deutsche Wörter.
Mark Twain und das Verb am Ende
Am bekanntesten ist der Spott von Mark Twain. Sein Reisebuch „A Tramp Abroad“ erschien 1880; Anhang D trägt den Titel „The Awful German Language“. Darin beschreibt er den durchschnittlichen Satz einer deutschen Zeitung als Gebilde aus Klammern in Klammern:
„finally, all the parentheses and reparentheses are massed together between a couple of king-parentheses, one of which is placed in the first line of the majestic sentence and the other in the middle of the last line of it—AFTER WHICH COMES THE VERB, and you find out for the first time what the man has been talking about“
Übersetzt: Alle Klammern und Unterklammern werden zwischen zwei „Königsklammern“ gepackt, die eine in der ersten Zeile, die andere mitten in der letzten, „danach kommt das Verb, und man erfährt zum ersten Mal, wovon der Mann überhaupt geredet hat“. Als Beleg übersetzt Twain einen Satz aus einem Roman Wort für Wort, den er als „The Old Mamselle’s Secret, by Mrs. Marlitt“ angibt. Das deutsche Original gibt er in einer Fußnote: „Wenn er aber auf der Strasse der in Sammt und Seide gehuellten jetz sehr ungenirt nach der neusten mode gekleideten Regierungsrathin begegnet.“
Auch die trennbaren Verben nimmt Twain aufs Korn. Er nennt sie eine weitere Art von Klammer:
„The Germans have another kind of parenthesis, which they make by splitting a verb in two and putting half of it at the beginning of an exciting chapter and the OTHER HALF at the end of it.“
Sein Beispiel ist „reiste ab“. In einer gespielten Romanstelle steht „he DE-“ am Anfang und „PARTED“ erst nach einem langen Einschub über Gretchen, ihr Musselinkleid und ihr Haar.
Das oft zitierte Bild vom Deutschen, der mit dem Verb im Mund wieder auftaucht, steht nicht in diesem Essay. Es stammt aus Twains Roman „A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court“ von 1889, Kapitel 22:
„Whenever the literary German dives into a sentence, that is the last you are going to see of him till he emerges on the other side of his Atlantic with his verb in his mouth.“
Im selben Essay spottet Twain auch über lange Zusammensetzungen, die „ohne Fuge oder Naht“ gebaut seien. Dazu mehr im Beitrag über Komposita.
Ausklammerung und „weil“ in der gesprochenen Sprache
Ausklammerung
Nicht alles muss in die Klammer. Wer einen Satzteil hinter die rechte Klammer stellt, besetzt das Nachfeld. Man spricht dann von Ausklammerung. grammis nennt als Beispiel „Ich habe eigentlich das ganze Turnier über nicht so gut gespielt wie sonst“. Der Vergleich „wie sonst“ steht hinter dem Partizip. Auch Nebensätze, etwa Relativsätze, können im Nachfeld stehen.
„weil“ mit Verbzweitstellung
In der geschriebenen Standardsprache verlangt weil die Verbendstellung. Im Gespräch hört man oft: „…, weil der hat Geld wie Heu.“ Die Münsteraner Sprachwissenschaftlerin Susanne Günthner hat solche Sätze in Alltagsgesprächen untersucht. Nach ihren Ergebnissen sind beide Varianten nicht gleichwertig:
- Mit Verbendstellung zeigt weil eine enge inhaltliche Verbindung zum Hauptsatz an. Der weil-Satz kann vor oder nach dem Hauptsatz stehen.
- Mit Verbzweitstellung steht der weil-Satz nur nach dem Hauptsatz. Er gibt oft den Grund für eine Schlussfolgerung an: „der hat sicher wieder gsoffen. weil sie läuft total deprimiert durch die gegend.“
- Außerdem kann weil mit Verbzweitstellung eine längere Erzählung einleiten.
Ähnliches gilt für obwohl, das mit Verbzweitstellung eine Aussage nachträglich einschränkt: „Ich nehm noch ein Stück Kuchen. Obwohl, ich hab schon zwei gegessen.“ Günthner hält die Nebensatzstellung insgesamt nicht für gefährdet, weil die Verbzweitstellung nur nach wenigen Bindewörtern auftritt. Belege gibt es nach ihr schon in Briefen des 19. Jahrhunderts.
Wer die Verbstellung im Zusammenhang mit anderen Eigenheiten der deutschen Grammatik sehen möchte, findet sie im Beitrag über starke und schwache Verben und über die vier Fälle.
Häufige Fragen
- Warum steht das Verb im deutschen Nebensatz am Ende?
- Im eingeleiteten Nebensatz besetzt das Einleitungswort, etwa dass, weil oder ob, die linke Satzklammer. Das finite Verb rückt deshalb mit allen übrigen Verbteilen in die rechte Satzklammer am Satzende: …, weil er viel gearbeitet hat.
- Was ist die Satzklammer?
- Die Satzklammer besteht aus zwei Teilen. Im Hauptsatz steht links das finite Verb, rechts stehen die übrigen Verbteile wie Partizip, Infinitiv oder abgetrennte Verbpartikel. Dazwischen liegt das Mittelfeld.
- Was ist das Vorfeld?
- Das Vorfeld ist der Abschnitt vor dem finiten Verb im Verbzweitsatz. Es enthält in der Regel ein einziges Satzglied, das aber lang sein kann. Den Begriff führte Erich Drach 1937 ein.
- Ist „weil“ mit Verbzweitstellung falsch?
- In der geschriebenen Standardsprache verlangt weil die Verbendstellung. In der gesprochenen Sprache ist weil mit Verbzweitstellung gut belegt. Die Sprachwissenschaftlerin Susanne Günthner hat gezeigt, dass beide Varianten dort unterschiedliche Aufgaben erfüllen.
- Wann wird ein trennbares Verb getrennt?
- Wenn das finite Verb im Präsens oder Präteritum Aktiv in der linken Satzklammer steht: Ich komme um acht an. Im Nebensatz und in zusammengesetzten Zeiten bleibt es ungetrennt: …, dass ich um acht ankomme; ich bin angekommen.
- Woher stammt Mark Twains Spott über das Verb am Satzende?
- Aus dem Essay „The Awful German Language“, Anhang D seines Reisebuchs „A Tramp Abroad“ von 1880. Das Bild vom Deutschen, der mit dem Verb im Mund wieder auftaucht, steht in seinem Roman „A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court“ von 1889.