Grammatik · · 7 Minuten Lesezeit
Die vier Fälle im Deutschen: Kasus, Fragen und Genitiv
Das Deutsche hat vier Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Man erkennt sie an Fragen wie „Wer?“, „Wessen?“, „Wem?“ und „Wen?“ und vor allem an den Formen von Artikel und Adjektiv. Am meisten diskutiert wird der Genitiv.
Die vier Fälle und ihre Fragen
Ein KasusKasus: Grammatischer Fall; zeigt an Artikel, Adjektiv und Substantiv, welche Rolle ein Wort im Satz spielt. ist eine Form, an der man die Aufgabe eines Wortes im Satz erkennt. Der Duden beschreibt den Nominativ als den Fall, in dem vor allem das Subjekt steht, den Akkusativ als Fall „besonders“ des Objekts transitiver Verben. Die deutschen Ersatznamen, die der Duden mitführt, enthalten bereits die Fragen: Werfall, Wesfall, Wemfall und Wenfall.
| Fall | Deutscher Name | Frage | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Nominativ | Werfall, 1. Fall | Wer oder was? | Der Hund bellt. |
| Genitiv | Wesfall, 2. Fall | Wessen? | Das Haus des Lehrers. |
| Dativ | Wemfall, 3. Fall | Wem? | Ich helfe dem Kind. |
| Akkusativ | Wenfall, 4. Fall | Wen oder was? | Sie sieht den Baum. |
Die Fragen sind eine Hilfe, keine Regel. Bei Präpositionen hilft die Frage oft nicht weiter, denn der Fall hängt dort von der Präposition ab (siehe unten).
Deklination: Artikel und Substantiv in allen Fällen
Die DeklinationDeklination: Beugung von Substantiv, Artikel, Adjektiv und Pronomen nach Fall, Zahl und Geschlecht. zeigt sich vor allem am Artikel. Das Substantiv selbst verändert sich im Singular nur wenig: Männliche und sächliche Wörter bekommen im Genitiv meist ein -s oder -es. Welcher Artikel zu welchem Wort gehört, erklärt der Beitrag über der, die, das.
Bestimmter Artikel
| Fall | Maskulinum | Femininum | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | der Mann | die Frau | das Kind | die Kinder |
| Genitiv | des Mannes | der Frau | des Kindes | der Kinder |
| Dativ | dem Mann | der Frau | dem Kind | den Kindern |
| Akkusativ | den Mann | die Frau | das Kind | die Kinder |
Unbestimmter Artikel
| Fall | Maskulinum | Femininum | Neutrum |
|---|---|---|---|
| Nominativ | ein Mann | eine Frau | ein Kind |
| Genitiv | eines Mannes | einer Frau | eines Kindes |
| Dativ | einem Mann | einer Frau | einem Kind |
| Akkusativ | einen Mann | eine Frau | ein Kind |
Beim Femininum sind Genitiv und Dativ im Singular gleich (der Frau). Korpusstudien zum Genitiv, etwa die von Maňák (2021), sortieren solche Belege deshalb aus: Man sieht ihnen den Fall nicht an.
Welcher Fall nach welchem Verb?
Nicht nur Präpositionen, auch Verben bestimmen den Fall ihrer Ergänzungen. Der Duden beschreibt den Akkusativ als Fall „besonders“ des Objekts transitiver Verben, den Dativ als Fall, in dem „häufig“ das Objekt eines intransitiven Verbs steht. Für den Genitiv nennt er das Objekt „bestimmter intransitiver Verben“. Daraus ergeben sich vier typische Muster:
| Muster | Fall des Objekts | Beispiel |
|---|---|---|
| sehen, kaufen, lesen | Akkusativ | Sie liest den Brief. |
| helfen, danken, folgen | Dativ | Er hilft dem Nachbarn. |
| geben, schenken, zeigen | Dativ und Akkusativ | Sie gibt dem Kind einen Apfel. |
| gedenken, bedürfen | Genitiv | Sie gedenken der Toten. |
Der Genitiv steht also nur nach bestimmten Verben. Daneben steht er als Beifügung zu einem Substantiv: das Haus des Lehrers, der Name der Straße.
Präpositionen und ihre Fälle
Präpositionen legen fest, in welchem Fall das folgende Wort steht. Der Duden sagt etwa, die Präposition „gegen“ regiere den Akkusativ, „bei“ heute ausschließlich den Dativ und „jenseits“ den Genitiv.
| Fall | Präpositionen (Auswahl) | Beispiel |
|---|---|---|
| Akkusativ | durch, für, gegen, ohne, um | durch den Tunnel |
| Dativ | aus, bei, mit, nach, seit, von, zu | mit dem Auto |
| Dativ oder Akkusativ | an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor, zwischen | auf dem Tisch / auf den Tisch |
| Genitiv | während, wegen, trotz, jenseits | während der Nacht |
Wechselpräpositionen: wo oder wohin?
Einige Präpositionen stehen mit Dativ oder Akkusativ. Der Duden erklärt das am Beispiel „auf“: Mit Dativ bezeichnet es die Lage (wo?), etwa „die Vase steht auf dem Tisch“. Mit Akkusativ bezeichnet es die Richtung (wohin?), etwa „die Vase auf den Schrank stellen“.
„Wegen dem“ oder „wegen des“? Was der Duden sagt
Nach dem Duden ist „wegen“ eine Präposition mit Genitiv: wegen eines Diebstahls, wegen der hohen Preise. Weiter heißt es dort, „wegen“ stehe „mündlich standardsprachlich und schriftlich umgangssprachlich auch mit Dativ“, etwa wegen dem Kind. Das DWDS führt den Dativ als umgangssprachlich, süddeutsch und österreichisch.
- Dativ ist richtig, wenn der Genitiv im Plural nicht erkennbar ist: wegen Geschäften.
- Ohne Artikel bleibt ein Substantiv im Singular manchmal ungebeugt: wegen Umbau(s) geschlossen.
- Mit Pronomen: „wegen mir“ ist umgangssprachlich; standardsprachlich heißt es meinetwegen. Die Form „wegen meiner“ kommt laut Duden noch landschaftlich vor.
Herkunft von „wegen“
Nach Pfeifers Etymologischem Wörterbuch ist „wegen“ seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts belegt. Es ist aus der mittelhochdeutschen Wendung von … wegen verkürzt, etwa von unser beider wegen (13. Jahrhundert). „Wegen“ ist eigentlich ein Dativ Plural von mittelhochdeutsch wec „Weg“ in der Bedeutung „Seite“. Die alte Form lebt in von Amts wegen weiter.
Ähnliche Fälle: während und trotz
Auch nach „während“ steht der Genitiv: während der Nacht. Das DWDS nennt den Dativ (während dem Essen) umgangssprachlich. Bei „trotz“ lässt der Duden den Dativ besonders im Süden Deutschlands, in der Schweiz und in Österreich zu: trotz dem Regen. Fest geworden ist er in trotz allem.
„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“: Bastian Sick
Der Satz stammt vom Journalisten Bastian Sick. Er schrieb seit Mai 2003 die Kolumne „Zwiebelfisch“ für Spiegel Online. Im Herbst 2004 erschien bei Kiepenheuer & Witsch das Taschenbuch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ und erreichte nach Angaben des Verlags innerhalb weniger Wochen die Bestsellerlisten. Bis 2015 folgten fünf weitere Bände.
Der Titel ahmt selbst eine umgangssprachliche Form nach: Statt des Genitivs („des Genitivs Tod“) steht ein Dativ mit Possessivpronomen („dem Genitiv sein Tod“).
Aus der Sprachwissenschaft kam Kritik. Der Berliner Sprachwissenschaftler André Meinunger veröffentlichte 2008 das Buch „Sick of Sick?“ als Antwort auf den „Zwiebelfisch“. Nach einer Rezension von 2009 wirft er Sick vor allem falsche Regeln und fehlende wissenschaftliche Fundierung vor. Unter anderem weist Meinunger darauf hin, dass Sick den s-Genitiv empfiehlt, eine Form, die er für eher englisch als deutsch hält.
Stirbt der Genitiv aus? Was die Forschung sagt
Die Forschung zeigt ein gemischtes Bild. Bei Präpositionen gibt es Bewegung in beide Richtungen: Nach „wegen“, „während“ und „trotz“ kommt umgangssprachlich oder regional der Dativ vor. Bei anderen Präpositionen tritt umgekehrt der Genitiv an die Stelle des Dativs.
- Die Duden-Grammatik (2016) nennt nach Maňák mehrere ursprüngliche Dativpräpositionen, bei denen auch der Genitiv vorkommt: entgegen, gemäß, laut, mitsamt, samt, entsprechend, nahe und dank.
- Jennifer Engemann (2013) stellte fest, dass der Genitiv nach Präpositionen nicht zurückgeht und nicht auf die Schriftsprache beschränkt ist. Der „neue“ Genitiv werde zudem eher als standardsprachlich akzeptiert als der „neue“ Dativ bei Genitivpräpositionen.
- Radim Maňák zählte 2021 in deutschen Zeitungen: Bei „entsprechend“ standen 83 Belege im Dativ und 25 im Genitiv, also fast ein Viertel. Bei „gemäß“ waren es 304 zu 29. Bei „nahe“ war mehr als ein Drittel der eindeutigen Belege ein Genitiv.
Die Wörterbücher folgen dieser Entwicklung nur zum Teil. Nach Maňák führen Duden und Wahrig „gemäß“ weiter als Präposition mit Dativ. Der Duden wertet den Genitiv dort als Zeichen von HyperkorrektheitHyperkorrektur: Fehler, der entsteht, wenn jemand eine vermeintlich bessere Form auch dort verwendet, wo sie nicht gilt., der Wahrig als standardsprachlich nicht korrekt. Bei „entsprechend“ deutet Maňák den hohen Anteil an Genitiven dagegen als Zeichen eines Wandels vom Dativ zum Genitiv, den die Wörterbücher noch nicht abbilden. Die Sorge, der Genitiv verschwinde, trifft also zumindest bei den Präpositionen nicht allgemein zu.
Auch beim Substantiv selbst gibt es Schwankungen. Wolfgang Krischke untersuchte Genitive wie des Studentens oder des Polizists bei sogenannten schwachen Maskulina, deren Standardform auf -en endet (des Studenten). Solche Formen kommen vor, machen aber bei den meisten Wörtern nur wenige Prozent der Genitive aus.
Das Dativ-e: „dem Manne“, „im Hause“
Manche männliche und sächliche Substantive können im Dativ Singular ein -e haben: dem Manne, im Hause, im Wege. Heute gilt dieses Dativ-eDativ-e: Endung -e im Dativ Singular bei manchen männlichen und sächlichen Substantiven, etwa in „dem Manne“. als freiwillig. Der dänische Germanist Ken Farø verweist 2013 auf die Duden-Grammatik (2005) und auf Peter Eisenbergs Grammatik, die es als fakultativ beschreiben.
- Feste Wendungen bewahren es: zu Hause, nach Hause, in diesem Sinne, sich zu Tode langweilen.
- Fremdwörter nehmen es nach der Duden-Grammatik in der Regel nicht an; ihr Beispiel ist „mit dem Resultate“.
- Im übrigen Gebrauch überwiegt die Form ohne -e deutlich. Bei „am Weg(e)“ zählte Farø im Zeit-Korpus des DWDS ein Verhältnis von etwa 5 : 1 zugunsten der Form ohne -e; unter den e-Formen überwog altertümlicher und gehobener Stil.
Ein Rückgang über zwei Jahrhunderte
Farøs Zahlen zeigen, wie stark sich der Gebrauch verändert hat. Im Zeit-Korpus fand er bei „Resultat“ unter 150 Belegen keinen einzigen mit -e. In älteren Büchern, die er über Google Books durchsuchte, scheint die Form mit -e im 19. Jahrhundert dagegen die übliche gewesen zu sein, etwa 1834: „mit dem Resultate der Beobachtungen“.
Wer Bücher in Fraktur oder Briefe in Kurrent liest, begegnet deshalb Formen wie „im Hause“ oder „dem Manne“. Übungstexte gibt es auf der Seite Lesen.
Häufige Fragen
- Welche vier Fälle gibt es im Deutschen?
- Nominativ (Wer oder was?), Genitiv (Wessen?), Dativ (Wem?) und Akkusativ (Wen oder was?). Ältere Namen sind Werfall, Wesfall, Wemfall und Wenfall.
- Heißt es „wegen des“ oder „wegen dem“?
- Standardsprachlich steht nach wegen der Genitiv: wegen des Wetters. Der Duden lässt den Dativ im mündlichen Standarddeutsch zu; in geschriebenen Texten gilt er als umgangssprachlich.
- Stirbt der Genitiv aus?
- Nach Studien nicht allgemein. Nach Präpositionen wie wegen kommt umgangssprachlich auch der Dativ vor, bei anderen wie entsprechend, gemäß oder nahe tritt umgekehrt häufiger ein Genitiv an die Stelle des Dativs.
- Von wem stammt „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“?
- Von Bastian Sick. Unter diesem Titel erschienen im Herbst 2004 bei Kiepenheuer & Witsch seine Kolumnen „Zwiebelfisch“, die er seit 2003 für Spiegel Online schrieb.
- Ist „dem Manne“ falsch?
- Nein. Das Dativ-e ist bei manchen männlichen und sächlichen Substantiven möglich, aber nicht nötig. Heute wirkt es meist gehoben oder altertümlich; fest ist es nur in Wendungen wie zu Hause oder nach Hause.