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Vergessene deutsche Wörter: Fisimatenten, Hagestolz & Co.
Viele deutsche Wörter sind aus der Alltagssprache verschwunden oder auf dem Weg dorthin: Muhme und Oheim, Hagestolz, Backfisch, Sommerfrische, Fernsprecher. Wörterbücher markieren sie als „veraltet“ oder „veraltend“. Ihre Geschichte reicht oft bis ins Althochdeutsche zurück.
Was bedeutet „veraltet“ im Wörterbuch?
Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) und der Duden kennzeichnen Wörter, die aus dem Gebrauch kommen. Das DWDS unterscheidet dabei zwei Stufen: Hagestolz, Sommerfrische und Lichtspiel sind als „veraltend“ markiert, also auf dem Rückzug. Muhme, Oheim und Backfisch im Sinn von „junges Mädchen“ sind als „veraltet“ markiert.
Bodo Mrozek hat solche Wörter gesammelt. Nach dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek erschien bei Rowohlt 2005 sein Lexikon der bedrohten Wörter (218 Seiten), 2006 ein zweiter Band und 2008 Das große Lexikon der bedrohten Wörter(380 Seiten).
Fisimatenten: Herkunft und Legende
Fisimatenten sind nach dem DWDS „unnötige, störende, behindernde Schwierigkeiten oder Umständlichkeiten“, auch „törichter Unfug“. Das Wort kommt nur im Plural vor, meist in „keine Fisimatenten machen“. Ganz vergessen ist es nicht; DWDS und Duden führen es als umgangssprachlich.
Die Legende von den französischen Soldaten
Verbreitet ist eine Erklärung aus dem Französischen. Der Duden nennt zwei Fassungen: Ein Soldat habe den Wachtposten gesagt „je visite ma tante“ (ich besuche meine Tante), oder Offiziere hätten junge Frauen mit „visitez ma tente“ (besuchen Sie mein Zelt) eingeladen. Der Duden bezieht diese Deutung auf den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und nennt sie ausdrücklich „volksetymologisch“ und „fälschlich“.
Was die Wörterbücher sagen
Gegen die Legende spricht vor allem das Alter des Wortes. Das Grimmsche Wörterbuch zitiert die 1499 gedruckte Kölner Chronik: „it is ein viserunge ind ein visimetent“, also eine nichtige Erfindung. Das ist Jahrhunderte vor jedem der Kriege, auf die sich die Legende beruft.
Für die tatsächliche Herkunft gibt es zwei Ansätze, die das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer zusammenführt:
- Im 16. Jahrhundert ist visepatenten „dummes Zeug, Nichtigkeiten“ belegt. Das lässt an eine Kanzleiformel denken, mittellateinisch visae patentes (litterae), „ordnungsgemäß geprüfte Patente“. Die abschätzige Bedeutung könnte aus dem Spott über Bürokratie entstanden sein.
- Die Form mit m (visimetent, 1499) kann durch mittelhochdeutsch visament beeinflusst sein, „kunstgerechte Beschreibung eines Wappens“. Schon Hildebrand deutete das Wort laut Grimm als Streckform davon.
Pfeifer nennt die Herkunft insgesamt „unklar“, der Duden „ungeklärt“. Sicher ist nur, dass die französische Erklärung nicht stimmt.
Base, Vetter, Muhme, Oheim: alte Verwandtschaftswörter
Die althochdeutschen Formen dieser Wörter unterschieden nach Pfeifer, ob jemand zur Familie des Vaters oder der Mutter gehörte. Heute sagt man für beide Seiten Tante und Onkel, Cousine und Cousin.
| Wort | Ursprüngliche Bedeutung | Heute |
|---|---|---|
| Base | ahd. basa (9. Jh.): Schwester des Vaters | seit dem 18. Jh. „Kusine“, heute veraltet |
| Vetter | ahd. fetiro (8. Jh.): Bruder des Vaters | Cousin; durch „Cousin“ seltener geworden |
| Muhme | ahd. muoma (9. Jh.): Schwester der Mutter | veraltet; im 18. Jh. durch Tante, Cousine, Nichte verdrängt |
| Oheim | ahd. ōheim (9. Jh.): Bruder der Mutter | veraltet für Onkel |
Vetter ist von Vater abgeleitet; Pfeifer vergleicht lateinisch patruus „Vaterbruder“. Der erste Teil von Oheim gehört zu lateinisch avus „Großvater“. Muhme geht auf das Lallwort für „Mutter“ zurück, das auch in Mama steckt. Für Base ist die Herkunft nicht geklärt; Pfeifer hält ein kindliches Lallwort für wahrscheinlich.
Alle vier Wörter haben ihre Bedeutung im Lauf der Zeit ausgeweitet. Base galt im Mittelhochdeutschen auch für die Schwester der Mutter und allmählich für entferntere weibliche Verwandte, bevor sie im 18. Jahrhundert auf „Kusine“ eingeengt wurde. In Zusammensetzungen leben die Wörter weiter: Vetternwirtschaft ist nach Pfeifer seit Anfang des 20. Jahrhunderts belegt, dazu kommen Namensvetter und Klatschbase. Pfeifer nennt außerdem regionale Formen wie schwäbisch Vetterleswirtschaft und schweizerisch Vetterliwirtschaft. Auch die Kinderliteratur hat die alten Wörter bewahrt: Unter den Belegen des DWDS steht die „Muhme Rumpumpel“ aus Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ (1957). In alten Kirchenbüchern und Briefen können die Wörter begegnen; dazu mehr im Beitrag Kirchenbücher lesen.
Kemenate und Hagestolz
Kemenate
Das DWDS beschreibt die Kemenate historisch als „Wohngemach in einer Burg für die Frauen, das mit einer Feuerstätte versehen war“, heute scherzhaft als kleines, behagliches Zimmer. Das Wort ist seit dem 8. Jahrhundert als althochdeutsch kemināta belegt. Es ist aus mittellateinisch caminata entlehnt, „mit einem Kamin versehener Raum, heizbares Zimmer“, zu lateinisch camīnus „Feuerstätte“. Der Name bezeichnete also zuerst den beheizbaren Raum.
Hagestolz
Ein Hagestolz ist nach dem DWDS ein „älterer, etwas wunderlich gewordener Junggeselle“; das Wort gilt als veraltend. Mit „stolz“ hat es ursprünglich nichts zu tun. Althochdeutsch hagustalt bezeichnete im 9. Jahrhundert jemanden, der gegen Lohn arbeitet; als Adjektiv bedeutete es „ehelos, in Lohn stehend“.
Pfeifer setzt als Ausgangsbedeutung „Hagbesitzer“ an, also Besitzer eines Hags, eines eingehegten Stücks Land. Nach seiner Erklärung erbte der älteste Sohn den Hof, ein jüngerer nur ein kleines eingefriedetes Grundstück. Damit konnte er keinen eigenen Hausstand gründen und blieb unverheiratet. Pfeifer verweist auch auf eine abweichende Erklärung von Jan de Vries. Die Form Hagestolz gilt seit dem 13. Jahrhundert; sie ist volksetymologisch an das Adjektiv stolz angelehnt.
Am Schlafittchen packen
Schlafittchen kommt fast nur noch in der Wendung „jemanden am (beim) Schlafittchen packen“ vor: jemanden festhalten und zur Rede stellen. Die Wendung ist nach Pfeifer seit dem 18. Jahrhundert belegt, wohl aber älter.
Das Wort ist aus Schlagfittich zusammengezogen, der Schwungfeder eines Gänseflügels. Übertragen wurde daraus ein Kleiderzipfel oder Rockschoß. Die Form Schlafittchen war ursprünglich ein Dativ Plural. Sprecher hielten das -chen für eine Verkleinerung, und so entstand das heutige Substantiv. Das Wort Fittich für „Flügel“ selbst ist laut Pfeifer heute fast nur noch dichterisch.
Backfisch, Sommerfrische, Lichtspielhaus
Backfisch
Im Sinn von „junges Mädchen im Alter von dreizehn bis siebzehn Jahren“ führt das DWDS Backfisch als veraltet. Nach Pfeifer bezeichnete das Wort im 16. Jahrhundert einen jungen, noch nicht ausgewachsenen Fisch, der nur zum Backen taugte. Die Übertragung auf ein „junges Mädchen in der Pubertät“ ist seit der Mitte des 16. Jahrhunderts belegt. Thomas Mann verwendet das Wort noch 1924:
„… ausgelassen lustig konnte sie sein, so dalberig, recht wie ein Backfisch.“
Als Fischgericht ist der Backfisch dagegen bis heute üblich.
Sommerfrische
Sommerfrische bezeichnet nach dem DWDS den sommerlichen Aufenthalt an einem Erholungsort und den Ort selbst, und gilt als veraltend. Pfeifer zufolge wurde das Wort um 1800 aus süddeutschen Mundarten in die Literatursprache aufgenommen. Vereinzelt ist schon im 17. Jahrhundert Frische in diesem Sinn belegt.
Lichtspielhaus
Lichtspielhaus und Lichtspiel sind ältere deutsche Wörter für das Kino und den Film. Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache erklärte beide 1969 mit „Filmtheater“ und markierte Lichtspiel als veraltend. Eine Datierung der Entstehung nennt das DWDS nicht.
Fernsprecher: ein Amtswort
Das Wort Fernsprecher war nicht von Anfang an ein Telefon. Nach Pfeifer wurde es 1795 für den optischen Telegrafen gebildet. 1875 führte die Post es als deutschen Ausdruck für Telefon ein. Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache erklärte es 1967 schlicht mit „Telefon“. Das DWDS verzeichnet außerdem Zusammensetzungen wie Münzfernsprecher.
Fernsprecher gehört zu einer Reihe von Wörtern mit fern-, die Pfeifer zusammen behandelt: Fernschreiber, Ferngespräch (um 1900) und Fernsehen (wohl Anfang des 20. Jahrhunderts).
Alte Wörter in alten Texten
Wer alte Briefe, Bücher oder Urkunden liest, begegnet diesen Wörtern, oft in KurrentKurrent: Die alte deutsche Schreibschrift, mit der bis ins 20. Jahrhundert Briefe, Urkunden und Kirchenbücher geschrieben wurden. oder in FrakturFraktur: Gebrochene Druckschrift, die im deutschen Sprachraum rund 400 Jahre lang die übliche Schrift für Bücher und Zeitungen war.. Eine Einführung in das Lesen bietet die Seite Alte Schriften lesen lernen. Wie sich das Deutsche über die Jahrhunderte verändert hat, beschreibt der Beitrag Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch. Viele Wörter aus diesem Beitrag sind im Grimmschen Wörterbuch mit alten Belegen verzeichnet.
Häufige Fragen
- Woher kommt das Wort Fisimatenten?
- Die Herkunft ist ungeklärt. Das Wort ist schon 1499 in einer Kölner Chronik belegt und wird von Wörterbüchern meist auf eine lateinische Kanzleiformel oder auf mittelhochdeutsch visament („Wappenbeschreibung“) zurückgeführt. Die Erklärung über französische Soldaten ist eine Volksetymologie.
- Was ist eine Kemenate?
- Ursprünglich ein beheizbarer Raum, später vor allem das Frauengemach einer Burg. Das Wort kommt über althochdeutsch kemināta aus mittellateinisch caminata, „Raum mit Kamin“.
- Was ist ein Hagestolz?
- Ein älterer Junggeselle. Das Wort geht auf althochdeutsch hagustalt zurück, ursprünglich etwa „Besitzer eines kleinen eingehegten Grundstücks“; an „stolz“ wurde es erst nachträglich angelehnt.
- Was bedeuten Muhme und Oheim?
- Muhme war ursprünglich die Schwester der Mutter, Oheim vor allem der Bruder der Mutter. Beide Wörter wurden durch Tante und Onkel verdrängt und gelten heute als veraltet.
- Was heißt jemanden am Schlafittchen packen?
- Jemanden am Kragen packen, festhalten und zur Rede stellen. Schlafittchen kommt von Schlagfittich, der Schwungfeder eines Gänseflügels.
- Gibt es ein Lexikon der bedrohten Wörter?
- Ja. Bodo Mrozek veröffentlichte bei Rowohlt 2005 ein „Lexikon der bedrohten Wörter“, 2006 einen zweiten Band und 2008 „Das große Lexikon der bedrohten Wörter“.