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Deutsche Wörter im Ausland: von kindergarten bis arubaito
Deutsche Wörter sind in viele Sprachen gewandert: Englisch spricht von kindergarten und angst, Japanisch von arubaito, Russisch von buterbrod, Polnisch von fajrant. Oft hat sich dabei die Bedeutung verschoben.
Was sind ausgewanderte Wörter?
Wenn eine Sprache ein Wort aus einer anderen übernimmt, entsteht ein LehnwortLehnwort: Wort, das aus einer anderen Sprache übernommen wurde und sich mehr oder weniger an die aufnehmende Sprache angepasst hat.. Stammt es aus dem Deutschen, spricht man von einem GermanismusGermanismus: Aus dem Deutschen übernommenes Wort oder eine deutsche Wendung in einer anderen Sprache.. Die übernommenen Wörter passen sich an: Sie bekommen eine neue Schreibung (Japanisch アルバイト, Russisch бутерброд), eine neue Aussprache und oft eine neue Bedeutung. Der umgekehrte Weg, also Wörter, die ins Deutsche gekommen sind, ist Thema des Beitrags Lehnwörter im Deutschen.
Deutsche Wörter im Englischen
Englische Wörterbücher verzeichnen zahlreiche Wörter aus dem Deutschen. Die folgende Tabelle nennt die Bedeutung im Englischen und den Zeitraum der ersten Aufzeichnung nach Dictionary.com, das auf dem Random House Unabridged Dictionary beruht.
| Englisch | Deutsche Herkunft | Bedeutung im Englischen | Erstbeleg |
|---|---|---|---|
| angst | Angst | unbestimmtes Gefühl von Unruhe oder Furcht, oft ohne klaren Grund | 1840–50 |
| zeitgeist | Zeitgeist | Geist einer Zeit, typische Denk- und Geschmacksrichtung | 1840–50 |
| poltergeist | Poltergeist | Geist, der sich durch Klopfen und Lärm bemerkbar macht | 1840–50 |
| kindergarten | Kindergarten | Kindergarten | 1850–55 |
| wanderlust | Wanderlust | starker Drang zu reisen | 1850–55 |
| doppelganger | Doppelgänger | geisterhafter Doppelgänger eines Lebenden | 1850–55 |
| ersatz | Ersatz | künstlicher Ersatz; als Adjektiv: unecht | 1870–75 |
| rucksack | Rucksack | Rucksack (wörtlich „back sack“) | 1890–95 |
| wunderkind | Wunderkind | Wunderkind | 1890–95 |
| schadenfreude | Schadenfreude | Freude am Unglück anderer | 1890–95 |
| gesundheit | Gesundheit | Wunsch nach einem Niesen | 1905–10 |
| kitsch | Kitsch | geschmackloses, auf Massengeschmack zielendes Werk | 1925–30 |
Einige Wörter haben sich verengt. Gesundheit ist im Englischen kein Wort für den Gesundheitszustand, sondern nur der Zuruf nach dem Niesen. Angst bezeichnet dort laut Dictionary.com ein vages Unbehagen, oft ohne konkreten Anlass, und ist damit enger als das deutsche Wort. Die Bedeutung von doppelganger erklärt das Wörterbuch wörtlich als „double-walker“, also „Doppelgänger“.
Kindergarten
Das Wort geht auf den Pädagogen Friedrich Fröbel (1782–1852) zurück. Nach der Neuen Deutschen Biographie rief er 1840 zur Gründung eines Vereins „Kindergarten“ auf. Die NDB hält fest, dass seine Bezeichnung für diese Form der Kleinkindererziehung „in andere Sprachen als Fremdwort“ einging. Die ältere Allgemeine Deutsche Biographie von 1878 nennt 1843 als Jahr, in dem in Blankenburg der „erste wirkliche Kindergarten“ eröffnet wurde.
Wie alt sind die Wörter im Deutschen?
Einige der ausgewanderten Wörter waren im Deutschen selbst noch jung, als sie übernommen wurden. Das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer im DWDS nennt:
- Zeitgeist: belegt bei Johann Gottfried Herder 1769; älter ist die Wendung „Genius unserer Zeit“ bei Zinzendorf (1739).
- Doppelgänger: 19. Jahrhundert, zuerst als „Doppeltgänger“ bei Jean Paul 1796: „so heißen Leute, die sich selber sehen“.
- Kitsch: seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, zuerst für eine süßliche Richtung der Malerei. Die Herkunft ist unklar. Erwogen werden englisch sketch und ein mundartliches Verb kitschen „Straßenschlamm zusammenscharren“.
- Rucksack: in der Standardsprache seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aus den oberdeutschen Alpenmundarten; schweizerisch ruggsack ist schon Mitte des 16. Jahrhunderts belegt.
Nicht immer wird das deutsche Wort selbst übernommen. Das Grimmsche Wörterbuch vermerkt zu Weltschmerz, dass nach seinem Vorbild eigene Bildungen entstanden: niederländisch wereldsmart, schwedisch världssmärta, dänisch verdenssmerte und englisch world-woe. Man spricht dann von einer LehnübersetzungLehnübersetzung: Glied-für-Glied-Übersetzung eines fremden Wortes mit eigenen Wörtern, z. B. niederländisch wereldsmart für Weltschmerz.. Das Englische kennt daneben auch das deutsche Wort weltschmerz; Dictionary.com datiert es auf 1860–65.
Arubaito: Arbeit auf Japanisch
Das japanische アルバイト (arubaito) stammt nach den Wörterbüchern auf Kotobank aus dem Deutschen. Das Heibonsha-Lexikon „Sekai Daihyakka Jiten“ erklärt, dass sich das Wort aus deutsch Arbeit („Arbeit, Leistung“) entwickelt hat. Im Japanischen bezeichnet es laut „Digital Daijisen“ eine Arbeit, mit der man neben dem Hauptberuf oder dem Studium Geld verdient. Das „Daigaku Jiten“ (Hochschullexikon) vermerkt, dass das Wort in diesem Sinn schon vor dem Zweiten Weltkrieg verwendet wurde, damals für Studierende, die ihr Studium selbst finanzierten.
Die Bedeutung hat sich also verengt: Aus der Arbeit im Allgemeinen ist der Nebenjob geworden.
Buterbrod und andere Wörter in slawischen Sprachen
Russisch: бутерброд
Das Wörterbuch von Uschakow führt бутерброд (buterbrod) auf deutsch Butterbrot zurück, wörtlich „Brot mit Butter“. Seine Bedeutung ist aber weiter: eine Scheibe Brot mit Butter oder mit einem Belag wie Wurst oder Käse. Das Portal deutschland.de beschreibt ein russisches Buterbrod als Brot mit Käse, Wurst oder Kaviar, das auch ohne Butter auskommt.
Polnisch: szlafrok und fajrant
Das Große Wörterbuch der polnischen Sprache der Polnischen Akademie der Wissenschaften (WSJP PAN) verzeichnet für szlafrok(Morgenmantel) die Herkunft „niem. Schlafrock“ und einen Erstbeleg von 1773. Fajrant, umgangssprachlich für das Ende des Arbeitstages, kommt nach demselben Wörterbuch von Feierabend; der dort genannte Erstbeleg stammt von 1900. Das deutsche Wort, das oft als unübersetzbar gilt, hat im Polnischen also eine eigene Form gefunden. Mehr dazu im Beitrag Unübersetzbare deutsche Wörter.
Bulgarisch: Anzug
Nach deutschland.de bezeichnet das bulgarische Wort anzug keinen Anzug, sondern einen Trainingsanzug. Es ist ein Beispiel dafür, dass ein Lehnwort einen Teil der ursprünglichen Bedeutung übernimmt und einen anderen verliert.
Französisch: vasistas und „le Waldsterben“
Das französische vasistas bezeichnet nach Larousse ein kleines, zu öffnendes Glasfenster in einer Tür oder einem Fenster. Larousse nennt als Herkunft eine „altération de l’allemand was ist das?“, also eine Verformung der deutschen Frage. Die Herleitung war nicht immer unbestritten: Brachets etymologisches Wörterbuch von 1868 nannte die Herkunft „inconnue“. Der älteste bisher gefundene Beleg stammt nach einer Zusammenstellung des Sprachblogs Grammarphobia aus dem Jahr 1760, aus den Haushaltsbüchern der Duchesse de Mazarin in Versailles. Das Wort ist damit älter als die deutsch-französischen Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts, mit denen es manchmal in Verbindung gebracht wird.
Jünger ist Waldsterben. Der französische Forstbeamte Christian Barthod berichtet in einem Interview der Fachzeitschrift VertigO (2016), dass in Deutschland ab 1981 der journalistische Ausdruck „Waldsterben“ aufkam. Ab Anfang 1984 erschienen auch in der französischen Presse zunehmend Artikel über das Waldsterben. Im französischen Text steht dafür das deutsche Wort: „le « Waldsterben »“.
Hebräisch: Spachtel, Wischer, Strudel
Die Jüdische Allgemeine berichtete 2015 über deutsche Wörter im Hebräischen. Genannt werden Handwerks- und Autowörter wie Spachtel, Dibel (Dübel), Wischer und Kupplung, Speisen wie Schnitzel, Kohlrabi und Kompott sowie die Schlafstunde für die Mittagsruhe. Das Zeichen @ heißt im Hebräischen nach dem Artikel Strudel.
Der Wettbewerb „Ausgewanderte Wörter“ (2006)
Im September 2006 rief der Deutsche Sprachrat dazu auf, deutsche Wörter in anderen Sprachen einzusenden. Nach einer Buchbesprechung der VerkehrsRundschau vom Januar 2007 schickten rund 6.000 Menschen ihre Funde ein. Eine Auswahl erschien im selben Jahr als Buch:
- Jutta Limbach (Hrsg.): Ausgewanderte Wörter. Hueber, Ismaning 2006, 133 Seiten.
Die Besprechung nennt als Beispiele das Schiebedach, das man in Iran an Autos kennt, den Poltergeist in England sowie Autobahn, Lederhose und Gesundheit als in den USA beliebte Wörter. Fingerspitzengefühl, Gratwanderung und Zeitgeist seien in viele Sprachen übernommen worden. Das Portal deutschland.de stützt sich bei seiner Übersicht ebenfalls auf die Einsendungen und nennt unter anderem Weltanschauung und das amerikanische Kaffeeklatsch.
Nach Angaben der Jüdischen Allgemeinen folgte 2008 ein Wettbewerb von Goethe-Institut und Deutschem Sprachrat zum schönsten Wort mit „Migrationshintergrund“, also zu Wörtern, die ins Deutsche eingewandert sind. Er erhielt 3.500 Vorschläge aus 42 Ländern.
Wie sich die Bedeutung unterwegs ändert
Die Beispiele zeigen drei häufige Muster:
- Verengung: Aus Arbeit wird der Nebenjob (arubaito), aus Gesundheit der Zuruf nach dem Niesen, aus Anzug der Trainingsanzug.
- Erweiterung: Das russische buterbrod braucht keine Butter mehr.
- Fachwort mit Herkunftsangabe: Waldsterben oder Zeitgeist werden als deutsche Ausdrücke für eine bestimmte Sache oder Debatte zitiert.
Wer die Wörter in ihrer ursprünglichen Schreibweise sehen will, kann sie im Schriftstudio in Fraktur oder Kurrent setzen. Wie weit Deutsch insgesamt verbreitet ist, behandelt der Beitrag Deutsch weltweit.
Häufige Fragen
- Welche deutschen Wörter gibt es im Englischen?
- Bekannte Beispiele sind kindergarten, angst, zeitgeist, wanderlust, doppelganger, gesundheit, rucksack, kitsch, ersatz, poltergeist, wunderkind und schadenfreude. Englische Wörterbücher führen sie als Entlehnungen aus dem Deutschen.
- Was bedeutet „arubaito“ auf Japanisch?
- アルバイト (arubaito) geht auf das deutsche Wort Arbeit zurück. Im Japanischen bezeichnet es einen Nebenjob, besonders die Arbeit von Studierenden neben dem Studium.
- Was ist ein „buterbrod“?
- Das russische бутерброд stammt von Butterbrot. Es bezeichnet eine Brotscheibe mit Butter oder mit einem Belag wie Wurst oder Käse; Butter muss nicht darauf sein.
- Kommt das französische „vasistas“ wirklich von „Was ist das?“?
- Larousse und der Trésor de la langue française führen das Wort auf die deutsche Frage zurück. Ältere Wörterbücher wie Brachet (1868) nannten die Herkunft unbekannt; das Wort ist in Frankreich seit 1760 belegt.
- Was war der Wettbewerb „Ausgewanderte Wörter“?
- Der Deutsche Sprachrat sammelte 2006 international deutsche Wörter, die in andere Sprachen übernommen wurden. Rund 6.000 Menschen schickten Funde ein; eine Auswahl erschien 2006 als Buch, herausgegeben von Jutta Limbach.