Sprachgeschichte · · 7 Minuten Lesezeit
Grimms Wörterbuch: Geschichte des Deutschen Wörterbuchs
Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm ist das umfangreichste Wörterbuch der deutschen Sprache. Die Brüder begannen es 1838. Abgeschlossen wurde es erst 1960/61, nach 122 Jahren und mit 32 Bänden.
Was ist das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm?
Das Deutsche Wörterbuch, abgekürzt DWB, ist ein historisches Wörterbuchhistorisches Wörterbuch: Ein Wörterbuch, das nicht nur die heutige Bedeutung eines Wortes angibt, sondern seine Geschichte mit datierten Belegen zeigt.. Es erfasst nach Angabe der Göttinger Akademie den Wortschatz des Neuhochdeutschen „von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“. Zu jedem Wort gibt es Herkunft, Bedeutungen und Zitate aus Texten von Luther bis Goethe.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Beginn der Arbeit | 1838 |
| Erste Lieferung | 1852 (A bis Allverein) |
| Erster Band | 1854 |
| Abschluss | 1960 (letzte Lieferung), Erscheinen 1961 |
| Umfang | 32 Bände, ca. 350.000 Stichwörter |
| Quellenverzeichnis | 1971, ca. 25.000 Titel |
| Neubearbeitung A–F | 1957 beschlossen, 2016 abgeschlossen |
Wie entstand das Wörterbuch?
Der Anlass war politisch. 1837 protestierten sieben Göttinger Professoren gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover. Unter diesen „Göttinger Sieben“ waren Jacob und Wilhelm Grimm. Sie verloren ihre Ämter. Jacob Grimm kehrte im Dezember 1837 nach Kassel zurück, Wilhelm folgte im September 1838. Jacob Grimm beginnt die Vorrede des ersten Bandes mit diesem Hinweis: Auch wissenschaftliche Unternehmungen hingen „von äuszeren anlassen ab“.
Nach Angaben der Göttinger Arbeitsstelle bot der Verleger Karl Reimer den Brüdern auf Anregung des Philologen Moriz Haupt ein Wörterbuch an. Am 29. August 1838 kündigte Jacob Grimm es in der Leipziger Allgemeinen Zeitung an. Geplant war ein Werk in sechs Bänden. Wilhelm Grimm rechnete damals: „Wenn wir beide vier Jahre der Sache täglich zwei Stunden widmen“, sei es zu schaffen.
Die Brüder arbeiteten nicht allein. Nach der Allgemeinen Deutschen Biographie lieferten 83 Gelehrte Auszüge aus Texten, sogenannte ExzerpteExzerpte: Auszüge aus Texten, hier Belegzettel mit einem Wort und seinem Satzzusammenhang.. 1841 zogen die Brüder nach Berlin, wo sie Mitglieder der Akademie der Wissenschaften wurden.
Erste Lieferung 1852, erster Band 1854
Das Wörterbuch erschien in einzelnen Heften, den LieferungenLieferungen: Einzelne Hefte eines großen Werks, die nacheinander erscheinen und später zu Bänden gebunden werden.. Die erste Lieferung kam 1852 heraus und reichte von „A“ bis „Allverein“. 1854 lag der erste Band vollständig vor, Verlag war S. Hirzel in Leipzig. Die Vorrede unterzeichnete Jacob Grimm am 2. März 1854 in Berlin.
Nach der ADB gab Jacob Grimm mit der ersten Lieferung „Ton und äußere Einrichtung des Ganzen“ vor. Von ihm stammen die Buchstaben A, B, C, E und F. Den Buchstaben D bearbeitete Wilhelm.
Welche Quellen werteten die Grimms aus?
In der Vorrede nennt Jacob Grimm als wichtigste Zeugen der Sprache unter anderem Geiler von Kaysersberg, Luther, Hans Sachs, Fischart und Goethe. Keiner von ihnen sei zuvor in einem Wörterbuch auch nur annähernd ausgewertet worden. Luthers Bibel sei „unter allen quellen am zugänglichsten“ gewesen; seine übrigen Schriften hätten in den Wörterbüchern „fast gar keine berücksichtigung gefunden“. Wie Luther übersetzte, beschreibt der Beitrag zur Lutherbibel.
Das Ziel des Werks fasst Grimm am Ende der Vorrede so zusammen:
es galt unsern wortschatz zu heben, zu deuten und zu läutern, denn samlung ohne verständnis läszt leer, unselbständige deutsche etymologie vermag nichts, und wem lautere schreibung ein kleines ist, der kann auch in der sprache das grosze nicht lieben und erkennen.
Warum endet Jacob Grimms Arbeit bei „Frucht“?
Wilhelm Grimm starb 1859. Jacob Grimm arbeitete allein weiter. Er starb am 20. September 1863 in Berlin. Sein letzter Artikel war „Frucht“. Karl Weigand setzte die Arbeit an dieser Stelle fort. Im Wörterbuch steht dazu der Vermerk:
Mit diesem worte sollte Jacob Grimm seine feder von dem werke leider für immer niederlegen. das übrige bis zu ende des so weit geführten buchstabens ist meine arbeit.
Wie wurde das Wörterbuch fertig?
Nach den Grimms übernahmen mehrere Gelehrte einzelne Buchstaben, darunter Rudolf Hildebrand, Moriz Heyne und Matthias Lexer. 1864 erschien Hildebrands Lieferung „K“ bis „Kartenbild“. Ab 1868 wurde das Wörterbuch aus Staatsmitteln gefördert. Trotzdem war um 1900 erst etwa die Hälfte des Wortschatzes bearbeitet.
- 1908 übernahm die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin die Leitung.
- 1906 bis 1930 erschienen nur drei Bände.
- Gegen Kriegsende wurden die Belegzettel in ein Bergwerk ausgelagert.
- 1947 richtete die Göttinger Akademie eine zweite Arbeitsstelle ein.
- 1960 wurde die letzte Lieferung „widrig“ bis „Wiking“ gedruckt.
- 1971 folgte das Quellenverzeichnis, 1984 eine Taschenbuchausgabe.
Die Teilung Deutschlands verlief mitten durch das Projekt: Berlin lag im Osten, Göttingen im Westen. Die Arbeitsstellen arbeiteten dennoch zusammen. Das Ergebnis waren nach Angaben der Göttinger Arbeitsstelle rund 350.000 Stichwörter auf etwa 70.000 Spalten.
Antiqua und Kleinschreibung
Wer das Wörterbuch aufschlägt, bemerkt zwei Dinge. Es ist in AntiquaAntiqua: Runde Druckschrift, wie sie heute üblich ist, im Gegensatz zu den gebrochenen Schriften wie der Fraktur. gedruckt, nicht in FrakturFraktur: Gebrochene Druckschrift, die im deutschen Sprachraum rund 400 Jahre lang die übliche Schrift für Bücher und Zeitungen war.. Und Substantive beginnen mit kleinen Buchstaben. Beides begründet Jacob Grimm in der Vorrede, Abschnitt 19 „Schreibung und druck“:
Es verstand sich fast von selbst, dasz die ungestalte und häszliche schrift, die noch immer unsere meisten bücher gegenüber denen aller übrigen gebildeten völker von auszen barbarisch erscheinen läszt, und einer sonst allgemeinen edlen übung untheilhaftig macht, beseitigt bleiben muste.
Die gebrochene Schrift sei auch nicht „deutsch“. Im Mittelalter habe in ganz Europa nur die lateinische Schrift gegolten. Grimm zählt Nachteile der Fraktur auf, unter anderem:
- Sie habe „den albernen gebrauch groszer buchstaben für alle substantiva veranlaszt“.
- Kinder müssten in der Schule doppelt so viele Alphabete lernen.
- Druckereien müssten deutsche und lateinische Lettern vorrätig halten.
- Sie behindere die Verbreitung deutscher Bücher im Ausland.
Die Großschreibung aller Substantive nennt Grimm einen Missbrauch, der sich im 16. Jahrhundert eingeführt habe. Nach der Allgemeinen Deutschen Biographie hatte er die großen Anfangsbuchstaben der Substantive schon 1822 „verbannt“. Wie der Streit um die Schriftart weiterging, beschreibt der Beitrag zum Antiqua-Fraktur-Streit. Die Geschichte der Großbuchstaben erklärt der Beitrag zur Großschreibung im Deutschen.
Auffällig ist auch das „sz“ in Wörtern wie „dasz“ oder „läszt“. Grimm schrieb für das ß „sz“. Die Auflösung in „fs“ oder „ss“ hielt er für falsch und führte sie in der Vorrede auf die Fraktur zurück.
Die Neubearbeitung der Buchstaben A bis F
Als das Wörterbuch fertig war, waren die ältesten Teile über hundert Jahre alt. Die von den Grimms bearbeiteten Buchstaben A bis F galten als veraltet und wichen im Aufbau vom Rest ab. 1957 wurde eine Neubearbeitung dieser Teile beschlossen. 1965 erschien die erste Lieferung „A“ bis „Abenteuer“.
Die Arbeit teilten sich zwei Arbeitsstellen: Berlin übernahm A bis C, Göttingen D bis F. Göttingen schloss seinen Teil 2006 ab. Die gesamte Neubearbeitung wurde 2016 abgeschlossen. Der Unterschied im Umfang ist groß: Für A bis C hatte die Erstausgabe nach dem Tagesspiegel rund 23.850 Stichwörter, die Neubearbeitung etwa 120.000, gestützt auf drei Millionen Belege.
Das Grimmsche Wörterbuch online
Von 1998 bis 2003 digitalisierte das Trier Center for Digital Humanities die Erstausgabe. Die 32 Teilbände wurden miteinander und mit dem Quellenverzeichnis verknüpft. Das Ergebnis ist kostenlos im Trierer Wörterbuchnetz abrufbar. Man kann im Volltext suchen und Artikelteile gezielt durchsuchen. Auch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) der Berlin-Brandenburgischen Akademie bindet den „Grimm“ ein.
Tipp zum Nachschlagen
Weil das Wörterbuch kleinschreibt und ältere Schreibungen verwendet, lohnt es sich, auch nach Varianten zu suchen, etwa mit „sz“ statt „ß“. Viele Belege stammen aus Drucken in Fraktur. Wer diese im Original lesen möchte, findet Hilfe auf der Seite Alte Schriften lesen lernen.
Die Kinder- und Hausmärchen
Bekannter als das Wörterbuch sind die „Kinder- und Hausmärchen“. Der erste Band erschien 1812, der zweite 1815. Die Brüder überarbeiteten die Sammlung in mehreren Auflagen. Ihre Handexemplare mit handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen liegen in Kassel. 2005 wurden sie in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen. Die fünf Bände sind heute in der GRIMMWELT Kassel ausgestellt.
Für die Sprachwissenschaft war Jacob Grimm noch auf einem anderen Gebiet wichtig: In der „Deutschen Grammatik“ beschrieb er die Regeln der Lautverschiebung, die das Germanische und das Hochdeutsche von verwandten Sprachen trennt.
Häufige Fragen
- Wie viele Bände hat das Grimmsche Wörterbuch?
- Die Erstausgabe umfasst 32 Bände. 1971 kam ein Quellenverzeichnis mit etwa 25.000 Titeln hinzu. Die Neubearbeitung der Buchstaben A bis F ist ein eigenes Werk.
- Wie lange haben die Grimms am Wörterbuch gearbeitet?
- Die Brüder begannen 1838. Wilhelm Grimm starb 1859, Jacob Grimm 1863 während der Arbeit am Stichwort „Frucht“. Fertig wurde das Wörterbuch erst 1960/61, nach 122 Jahren.
- Warum schreibt das Grimmsche Wörterbuch Substantive klein?
- Jacob Grimm hielt die Großschreibung aller Substantive für einen Missbrauch, der im 16. Jahrhundert aufgekommen sei. Er ließ das Wörterbuch deshalb in Antiqua und mit kleinen Anfangsbuchstaben drucken.
- Wo kann man das Grimmsche Wörterbuch online nutzen?
- Das Trier Center for Digital Humanities hat die Erstausgabe digitalisiert. Sie ist kostenlos im Trierer Wörterbuchnetz unter woerterbuchnetz.de abrufbar.
- Was ist die Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs?
- Die Akademien in Berlin und Göttingen haben die am stärksten veralteten Teile A bis F vollständig neu erarbeitet. Beschlossen wurde das 1957, abgeschlossen 2016.