Schriftgeschichte · · 8 Minuten Lesezeit

Kirchenbücher lesen: Latein, Abkürzungen und Datierung

Kirchenbücher verzeichnen Taufen, Trauungen und Begräbnisse einer Pfarrei. In Bayern etwa waren die Pfarrmatrikeln drei Jahrhunderte lang die einzige vollständige Erfassung von Geburt, Heirat und Tod, bis 1876 die Standesämter kamen. Wer sie lesen will, braucht drei Dinge: die alte Schrift, einige Dutzend lateinische Wörter und den kirchlichen Kalender.

Was steht in Kirchenbüchern?

Taufbücher, Trauungsbücher und Sterbebücher bilden nach dem Münchner Diözesanarchiv „von Anfang an die drei Hauptgattungen“. Dazu kamen später Firmbücher, Verlobungsbücher und Familienbücher sowie SeelenstandsregisterSeelenstandsregister: Verzeichnis aller Bewohner einer Pfarrei mit Alter und Stand, lateinisch liber de statu animarum.. Der Umfang der Einträge wuchs mit der Zeit. Frühe Einträge sind oft sehr knapp.

Taufbuch

  • Vor- und Familienname des Kindes
  • Name, Beruf und Wohnort der Eltern, Angaben zur Ehelichkeit
  • Datum der Geburt und der Taufe, Name des Priesters
  • Namen der Paten, später auch der Hebamme

Trauungsbuch

  • Datum und Ort der Trauung
  • Namen, Herkunft, Stand und Beruf von Braut und Bräutigam, ggf. verstorbene frühere Ehepartner
  • Namen der Eltern, Namen der Trauzeugen
  • Befreiungen von Ehehindernissen, etwa bei naher Verwandtschaft

Sterbebuch

  • Name, Alter, Stand und Wohnort der verstorbenen Person
  • Datum von Tod und Begräbnis
  • später auch Todesursache und Empfang der Sterbesakramente

Für die Familienforschung sind Traueinträge besonders ergiebig, weil sie oft beide Elternpaare nennen. Viele Bände haben zeitgenössische oder nachträglich angelegte alphabetische Namensregister.

Seit wann gibt es Kirchenbücher?

Im deutschen Sprachraum gelten die Taufregister von St. Theodor in Basel (1490), Annaberg in Sachsen (1498) und Augsburg (1504) als frühe Ansätze. Eine obrigkeitliche Pflicht kam erst mit der Reformation. Als älteste Landesgesetze dieser Art nennt der Kirchenhistoriker Heinrich Löber die Konstanzer Zuchtordnung von 1531 und die Brandenburg-Nürnbergische Kirchenordnung von 1533. Sie sollten unter anderem die Kindertaufe gegenüber den Täufern und die rechtmäßige Ehe nachweisen.

Für die katholische Kirche schrieb das Konzil von Trient am 11. November 1563 die Führung von Matrikelbüchern vor. Das Ehedekret „Tametsi“ verlangte ein Buch mit den Namen der Eheleute und Zeugen sowie Tag und Ort der Trauung. Weil die Patenschaft ein Ehehindernis begründen konnte, waren auch Taufen mit den Paten einzutragen. Sterbe- und Firmbücher sowie Seelenstandsregister schrieb erst das Rituale Romanum von 1614 vor.

Die Umsetzung dauerte. Im Bistum Freising wurden die ersten Matrikelbände 1576 angelegt. In Baden sind nach Löber nur wenige Kirchenbücher aus der Zeit vor 1650 erhalten; viele gingen im Dreißigjährigen Krieg verloren. Am 1. Januar 1876 trat im ganzen Deutschen Reich das Gesetz über die Beurkundung des Personenstands in Kraft. Seitdem beurkunden staatliche Standesämter Geburten, Ehen und Sterbefälle.

Wie ist ein Eintrag aufgebaut?

Die Sprache der Einträge war in Altbayern bis um 1800 in der Regel Latein, danach Deutsch. Besonders viel Latein findet man nach Conitzer in katholischen Kirchenbüchern. Die Form war lange uneinheitlich. Das Freisinger Rituale von 1673 schrieb für Taufen erstmals eine Tabelle vor, mit Spalten für Jahr, Tag, Name des Kindes, Eltern, Paten und Taufpriester. Gedruckte Formulare setzten sich erst nach 1800 durch.

Lateinische Einträge folgen festen Mustern. Die Vornamen werden latinisiert, die Namen der Eltern stehen oft im Genitiv: „Anna Antonii Schulz filia“ heißt „Anna, die Tochter des Anton Schulz“. Ein Traueintrag lautet etwa: „Petrus L., filius Francisci L. et Catharinae M., contraxit matrimonium cum Barbara, filia Antonii H.“ Beide Beispiele stammen aus Martin Conitzers Vortrag „Latein für den Familienforscher“.

Lateinische Begriffe im Kirchenbuch

Die folgende Auswahl stützt sich auf die Wortlisten des Staatsarchivs Aargau und von Martin Conitzer.

LateinDeutschWo
baptizatus / baptizatagetauft (Junge / Mädchen)Taufbuch
natus / natageborenTaufbuch
filius / filiaSohn / Tochterüberall
legitimus / illegitimusehelich / unehelichTaufbuch
parentesElternüberall
patrini, compatresTaufpatenTaufbuch
obstetrixHebammeTaufbuch
gemini / geminaeZwillingeTaufbuch
copulati, matrimonium contraxitgetraut, hat die Ehe geschlossenTraubuch
obtenta dispensationenach erlangtem DispensTraubuch
viduus / viduaWitwer / WitweTraubuch, Sterbebuch
coelebsledigSterbebuch
obiit, defunctus est, mortuus estist gestorbenSterbebuch
denatusgestorbenSterbebuch
sepultus estist begraben wordenSterbebuch
aetatis suaeseines / ihres AltersSterbebuch
sacramentis provisusmit den Sakramenten versehenSterbebuch

Conitzer nennt dazu ein Wortspiel: natus, renatus, denatus – geboren, wiedergeboren (also getauft), gestorben. Die Paten werden oft mit einer Verbform umschrieben: „levaverunt eum“, „sie hoben ihn (aus der Taufe)“, oder „levantibus eum“.

Häufige Abkürzungen

  • ob. = obiit, ist gestorben
  • æ. s. = aetatis suae, im Alter von
  • NN = nomen nescitur, Name unbekannt
  • p. l. = parochus loci, der hiesige Pfarrer
  • p. d. = pie defunctus / defuncta, fromm (selig) verstorben, etwa bei bereits verstorbenen Eltern
  • 7bris, 8bris, 9bris, Xbris = September, Oktober, November, Dezember

Die Monatsabkürzungen sind eine häufige Fehlerquelle. 7bris bedeutet nicht Juli, sondern September: Das römische Jahr begann ursprünglich im März, der September war der siebte Monat. Xbris mit der römischen Zahl X steht entsprechend für Dezember.

Datierung nach Sonn- und Festtagen

Viele Einträge nennen statt eines Datums einen Sonn- oder Festtag. Die Sonntage vor und nach Ostern tragen lateinische Namen nach dem Anfangswort ihres Messtextes. Dominica Laetare ist nach Grotefend der vierte Fastensonntag, benannt nach dem Vers „Laetare Hierusalem“. Weitere Beispiele sind Invocabit, Reminiscere, Oculi und Judica in der Fastenzeit sowie Quasimodogeniti, Misericordias Domini, Jubilate, Cantate, Rogate und Exaudi nach Ostern.

Die Sonntage nach Pfingsten werden nach dem Trinitatisfest gezählt. Conitzer zitiert ein Aufgebot: „Dom. 21, 22 et 23 p. Trin. procl.“, also verkündet am 21., 22. und 23. Sonntag nach Trinitatis. Weil Ostern beweglich ist, hängt das Datum dieser Sonntage vom Jahr ab und muss umgerechnet werden.

Heiligentage dagegen haben ein festes Datum. Grotefend nennt etwa Lichtmess (2. Februar), Michaelis (29. September) und Martini (11. November). Für die Umrechnung ist Hermann Grotefends „Zeitrechnung des Deutschen Mittelalters und der Neuzeit“ das übliche Hilfsmittel; eine HTML-Fassung mit Heiligenverzeichnis und Rechner ist online verfügbar.

Julianischer und gregorianischer Kalender

1582 führte Papst Gregor XIII. einen neuen Kalender ein. Die Tage zwischen dem 4. und dem 15. Oktober 1582 entfielen. Die katholischen Gebiete übernahmen die Reform, die evangelischen Reichsstände lehnten sie ab. Über ein Jahrhundert lang galten im Reich deshalb zwei Daten nebeneinander.

Am 23. September 1699 beschloss das Corpus Evangelicorum in Regensburg einen „verbesserten Kalender“. Im Jahr 1700 entfielen die elf Tage nach dem 18. Februar; auf den 18. Februar folgte also der 1. März. Ostern wurde aber zunächst weiter astronomisch berechnet und fiel etwa 1724 und 1744 auf einen anderen Tag als im gregorianischen Kalender. 1776 wurde der gregorianische Kalender als allgemeiner Kalender des Reichs angenommen.

Für die Familienforschung heißt das: Ein evangelisches Datum vor März 1700 ist in der Regel julianisch („alter Stil“). Manche Schreiber gaben beide Daten übereinander an. Auch der Jahresanfang war nicht überall der 1. Januar; Conitzer nennt den 25. Dezember und den 25. März als ältere Jahresanfänge.

Wo findet man Kirchenbücher?

Ursprünglich lagen die Bücher im Pfarrarchiv. Heute sind die älteren Bände vielerorts in den Archiven der Bistümer und Landeskirchen zentralisiert. Das Archiv des Erzbistums München und Freising etwa verwahrt rund 10.000 Bände historischer Pfarrmatrikeln.

  • Archion wurde 2013 von der Evangelischen Kirche in Deutschland und elf Landeskirchen gegründet und zeigt seit März 2015 Digitalisate. Nach eigenen Angaben bietet es über 175.000 Kirchenbücher aus mehr als 25 Archiven, darunter inzwischen auch Bistumsarchive. Die Suche ist kostenlos, das Ansehen erfordert einen kostenpflichtigen Zugangspass.
  • Matricula Online zeigt Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher aus Deutschland, Österreich, Italien, Luxemburg, Slowenien, Serbien sowie Bosnien und Herzegowina. Die Bücher des Bistums Dresden-Meißen sind dort nach Angaben des Vereins für Computergenealogie kostenlos zugänglich.

Für die Zeit ab 1876 sind die Register der Standesämter die erste Quelle. Ob ein bestimmtes Buch digitalisiert ist, lässt sich auf beiden Portalen nachsehen; sonst hilft eine Anfrage beim zuständigen Archiv.

Die Schrift: Kurrent lesen lernen

Die KurrentKurrent: Die alte deutsche Schreibschrift, mit der bis ins 20. Jahrhundert Briefe, Urkunden und Kirchenbücher geschrieben wurden. war über Jahrhunderte die deutsche Schrift für den täglichen Gebrauch und wurde an Schulen bis 1941 gelehrt. Deutschsprachige Kirchenbucheinträge sind deshalb meist in dieser Schrift abgefasst. Wer ihre Buchstabenformen kennt, kommt schneller voran. Einen Überblick gibt der Beitrag Sütterlin und Kurrent; Übungen mit Alphabeten und Lesetexten gibt es unter Alte Schriften lernen und Texte lesen.

Praktisch hilft es, zuerst bekannte Wörter zu suchen: den eigenen Familiennamen, Ortsnamen, Zahlen und die immer gleichen Formeln wie baptizatus oder copulati. Von dort aus lassen sich die übrigen Buchstabenformen desselben Schreibers vergleichen.

Häufige Fragen

Seit wann gibt es Kirchenbücher?
Einzelne Taufregister im deutschen Sprachraum reichen bis 1490 zurück. Evangelische Kirchenordnungen schrieben Kirchenbücher ab 1531 vor, für die katholische Kirche das Konzil von Trient 1563. Vor 1650 sind wegen des Dreißigjährigen Krieges nur wenige Bücher erhalten.
Was bedeutet „copulati“ im Kirchenbuch?
Copulati heißt „getraut“ oder „verheiratet“ und steht in Traueinträgen. Häufig ist auch die Formel „matrimonium contraxit cum“, „hat die Ehe geschlossen mit“.
Was bedeutet „Xbris“?
Xbris steht für Decembris, also Dezember. Ebenso bedeuten 7bris September, 8bris Oktober und 9bris November.
Wo kann ich Kirchenbücher online einsehen?
Evangelische und zunehmend auch katholische Kirchenbücher stellt das kostenpflichtige Portal Archion bereit. Viele katholische Bistümer zeigen ihre Bücher auf Matricula Online. Nicht digitalisierte Bücher liegen in den Archiven der Bistümer und Landeskirchen.
In welcher Schrift sind Kirchenbücher geschrieben?
Deutschsprachige Einträge sind meist in Kurrent geschrieben, der deutschen Alltagsschrift, die an Schulen bis 1941 gelehrt wurde.

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