Schriftgeschichte · · 7 Minuten Lesezeit

Rudolf Koch: Schriftgestalter in Offenbach und seine Schriften

Rudolf Koch (1876–1934) war einer der bekanntesten deutschen Schriftgestalter des 20. Jahrhunderts. Fast sein ganzes Berufsleben verbrachte er in Offenbach am Main bei der Schriftgießerei Gebr. Klingspor. Von ihm stammen gebrochene Schriften wie die Deutsche Schrift und Wallau, aber auch die serifenlose Kabel.

Wer war Rudolf Koch?

Rudolf Koch wurde am 20. November 1876 in Nürnberg geboren und starb am 9. April 1934 in Offenbach am Main. Sein Vater Paul Koch war Bildhauer und Museumsbeamter. So steht es in der Neuen Deutschen Biographie (NDB).

Seine Ausbildung verlief über Umwege. Koch lernte zunächst Ziseleur in einer Hanauer Metallwarenfabrik. Danach besuchte er die Kunstgewerbeschule in Nürnberg und die Technische Hochschule München. In Leipzig entwarf er Bucheinbände und Kalender, einige Monate verbrachte er in London. Um 1903 entdeckte er nach der NDB seine Begabung für die Schrift. Das Kulturportal Frankfurt RheinMain beschreibt ihn in dieser Zeit als weitgehend Autodidakten, der mit der Breitfeder Buchstaben abschrieb und entwarf.

Koch war evangelisch und eng mit seiner Kirchengemeinde verbunden. Für die Offenbacher Friedenskirche, geweiht 1912, gestaltete er nach Angaben der Stadt Offenbach unter anderem die Urkunde zur Grundsteinlegung, Glockeninschriften, Altarsymbole, einen Wandteppich und Fenster. 1930 verlieh ihm die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Münster die Ehrendoktorwürde.

Rudolf Koch und die Schriftgießerei Klingspor

1906 wandte sich Koch an die Offenbacher Schriftgießerei Gebr. Klingspor. Dort arbeitete er bis zu seinem Tod. Klingspor war damals eine der führenden Anbieter moderner Druckschriften. Karl Klingspor arbeitete gezielt mit Künstlern zusammen. Die Gießerei stellte deren Schriften als LetternLetter: Einzelner Metallkörper mit einem spiegelverkehrten, erhabenen Buchstaben darauf. Aus vielen Lettern wird eine Druckzeile gesetzt. Auch „Type“ genannt. aus Metall und Holz her, vor allem für den HandsatzHandsatz: Der Setzer nimmt jede Letter einzeln aus dem Setzkasten und reiht sie im Winkelhaken zu Zeilen..

Die NDB nennt rund 30 Druckschriften von Koch. Das Klingspor Museum spricht von „über 20 Druckschriften“, die Stadt Offenbach von etwa drei Dutzend. Die Zahl hängt davon ab, ob man Varianten und Zierschriften einzeln zählt.

Welche Schriften hat Rudolf Koch entworfen?

Die folgende Tabelle nennt eine Auswahl. Die Zeiträume stammen aus der Werkliste von Luc Devroye und reichen meist vom Entwurf bis zur Herausgabe. Wo die NDB ein eigenes Jahr nennt, steht es in der dritten Spalte.

SchriftDevroyeNDB
Deutsche Schrift1908–1921–
Frühling1913–1917–
Maximilian (Gotisch)1914–1917–
Koch-Antiqua1920–19221916
Wilhelm-Klingspor-Schrift1920–19261926
Neuland1923–
Jessen-Schrift1924–19301925
Kabel1927, weitere Schnitte bis 1930–
Wallau1924–19321933
Marathon1930–1938–

Einzelne Schnitte kamen erst nach Kochs Tod heraus. Die Markenrechte an Kabel, Neuland, Koch Antiqua und Wilhelm Klingspor Gotisch liegen heute bei der Heidelberger Druckmaschinen AG und werden über Linotype lizenziert.

Weitere Schriften

Devroyes Werkliste nennt zahlreiche weitere Schriften und Schnitte. Eine Auswahl:

  • Deutsche Anzeigenschrift (1913–1914) mit späteren schmalen und breiten Schnitten.
  • Deutsche Zierschrift (1919–1921).
  • Prisma (1928–1931) und Zeppelin (1929).
  • Holla (1932) und Claudius (1931–1934, 1937).
  • Koch-Kurrent (1933), eine Schreibschrift, die auf die Offenbacher Schrift zurückgeht.
  • Offenbach (1928–1934), nach Devroye für Kirchenfenster gedacht; Kochs Schüler Hans Kühn vollendete Schnitte nach Kochs Tod.

Die Wilhelm-Klingspor-Schrift

Die Wilhelm-Klingspor-Schrift trug nach Devroye ursprünglich den Namen „Missal“. Heute wird sie als Wilhelm Klingspor Gotisch angeboten. Das Kulturportal Frankfurt RheinMain hebt ihren Umfang hervor: Mehr als 170 Buchstaben und Ligaturen wurden für sie geschnitten. Die NDB zählt sie zu Kochs Hauptwerken.

Die Deutsche Schrift („Koch-Fraktur“)

Die Deutsche Schrift war Kochs erste Druckschrift. Der Schriftforscher Dan Reynolds beschreibt sie als Verbindung früher Textura- und Schwabacher-Drucke mit Kochs eigener Handschrift mit der Breitfeder. Über drei Jahrzehnte wuchs die Familie auf mehr als 15 Schnitte. Devroye datiert den fetten Schnitt auf 1910, den halbfetten auf 1912, den schmalen auf 1913 und den mageren auf 1918.

Unter dem Namen „Koch-Fraktur“ ist die Schrift heute vor allem in digitalen Nachbildungen verbreitet. Im Schriftstudio kannst du eigene Texte darin setzen.

Kabel und Neuland: Koch jenseits der Fraktur

Koch ist nicht nur ein Gestalter gebrochener Schriften. Neuland (1923) ist neben Kabel seine bekannteste Schrift außerhalb der Fraktur. 1928 folgte der Schnitt Neuland licht.

Kabel erschien 1927, im selben Jahr wie Paul Renners Futura bei der Bauerschen Gießerei. Beide sind serifenlose Schriften. Bis 1930 entstanden laut Devroye weitere Schnitte, darunter Kabel fett, Kabel kursiv und Kabel schmal. Die Stadt Offenbach berichtet, dass an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung eine „Kabel Neu“ auf Grundlage von Kochs Kabel entwickelt wurde.

Wallau: eine Rundgotisch aus Offenbach

Die Wallau ist eine gebrochene Schrift mit runden Formen nach dem Vorbild der Rotunda. Benannt ist sie nach dem Mainzer Drucker Heinrich Wallau (1852–1925). Dan Reynolds datiert die Arbeit an der Schrift auf 1924 bis 1930. Devroye nennt für den halbfetten Schnitt 1930, für den schmalen 1934 und den fetten 1935, also Jahre nach Kochs Tod. 1939 gab Klingspor eine 55-seitige Schriftprobe der Wallau heraus.

Lehrer und Werkstatt in Offenbach

Neben der Arbeit für Klingspor unterrichtete Koch. Er leitete den Schriftunterricht an der Kunstgewerbeschule Offenbach. 1921 wurde an der Technischen Lehranstalt Offenbach unter seiner Leitung eine Schreibwerkstatt eingerichtet. Die Stadt Offenbach verwendet für den Kreis um Koch den Namen „Offenbacher Werkstatt“.

Schüler und Mitarbeiter

Die NDB nennt unter anderem:

  • Fritz Kredel, der die Holzschnitte für „Das Schreibbüchlein“ (1930) schuf.
  • Berthold Wolpe.
  • Paul Koch, Kochs Sohn, ebenfalls Schriftkünstler.
  • Karl Vollmer und Kurt Jobst.

Nach Kochs Tod übernahm Hans Kühn die Leitung der Schreibwerkstatt. Die Stadt Offenbach berichtet außerdem, Koch habe 1931 ein Mitglied der Werkstatt wegen antisemitischer Äußerungen ausgeschlossen. Nach 1945 wurde sein Werk von Kritikern teils in die Nähe der NS-Ideologie gerückt; die Stadt nennt beide Sichtweisen.

Bücher, Schreibblätter und das Zeichenbuch

Koch schrieb viele Texte von Hand, oft mit religiösem Inhalt. Das Klingspor Museum zeigt etwa eine Handschrift des Matthäusevangeliums (1921) und den Schriftteppich „In der Welt habt ihr Angst …“ (1922). Ab 1922 entstanden Wandteppiche mit Psalmtexten für evangelische Kirchen.

TitelJahr
Das Schreiben als Kunstfertigkeit1921
Die Offenbacher Schrift. Eine Anweisung zum Schreiben1928
Das Blumenbuch1928
Das Schreibbüchlein (Holzschnitte: Fritz Kredel)1930
Christliche Symbole1932
Das ABC-Büchlein1934

Zusammen mit Rudolf Gerstung entstanden außerdem die „Rudolfinischen Drucke“, eine Reihe von 1911 bis 1917. Nach der NDB folgten von 1919 bis 1924 weitere Bände.

Das Zeichenbuch sammelt Zeichen, Monogramme und Runen aus der Frühzeit und dem Mittelalter, von Koch gezeichnet und erläutert. Eine englische Übersetzung von Vyvyan Holland erschien 1930. Der Verlag Dover druckt sie seit 1955 unter dem Titel „The Book of Signs“ nach; Devroye nennt 493 Zeichen.

Mit dem Pädagogen Martin Hermersdorf arbeitete Koch an einer Schulschrift, die die Sütterlinschrift verbessern sollte. Die NDB datiert die „Offenbacher Schrift“ auf 1927. Für eine Ausgabe der vier Evangelien in Luthers Übersetzung entstand außerdem die „Bibelschrift“.

Nachlass im Klingspor Museum

Kochs Töchter übergaben den künstlerischen Nachlass ihres Vaters dem Klingspor Museum in Offenbach, kurz nach dessen Gründung 1953. Er umfasst Kalligrafie, liturgische Geräte und Wandteppiche. Das Museum zeigt Werke Kochs in der Bibliothek; Besuche sind nach telefonischer Anmeldung möglich. Sein Grab liegt auf dem Waldfriedhof in Oberrad.

Mehr zur Gießerei, für die Koch arbeitete, und zum Museum steht im Beitrag über das Klingspor Museum und die Gebr. Klingspor. Die gebrochenen Schriften Kochs ordnet der Beitrag zum Antiqua-Fraktur-Streit in ihre Zeit ein. Weiterführend: die Monografie von Gerald Cinamon, zitiert bei Devroye.

Häufige Fragen

Wer war Rudolf Koch?
Rudolf Koch (1876–1934) war ein deutscher Schriftkünstler und Schriftgestalter. Er arbeitete von 1906 bis zu seinem Tod für die Schriftgießerei Gebr. Klingspor in Offenbach am Main und leitete dort den Schriftunterricht an der Kunstgewerbeschule.
Welche Schriften hat Rudolf Koch entworfen?
Zu seinen bekanntesten Schriften gehören die Deutsche Schrift, die Wilhelm-Klingspor-Schrift, Neuland, Kabel und Wallau. Insgesamt werden ihm je nach Quelle über 20 bis etwa drei Dutzend Druckschriften zugeschrieben.
Ist Kabel von Rudolf Koch?
Ja. Kabel ist eine serifenlose Schrift, die Koch 1927 für die Gebr. Klingspor herausbrachte. Bis etwa 1930 kamen weitere Schnitte hinzu, darunter fette und kursive Varianten.
Wo ist der Nachlass von Rudolf Koch?
Der künstlerische Nachlass liegt im Klingspor Museum in Offenbach. Kochs Töchter übergaben ihn dem Museum kurz nach dessen Gründung 1953.
Was ist das Zeichenbuch von Rudolf Koch?
Das Zeichenbuch ist eine von Koch gezeichnete und erläuterte Sammlung alter Zeichen und Symbole. Eine englische Übersetzung erschien 1930 und wird seit 1955 als „The Book of Signs“ nachgedruckt.

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