Schriftgeschichte · · 7 Minuten Lesezeit
Klingspor Museum Offenbach: Geschichte, Sammlung, Gießerei
Das Klingspor Museum in Offenbach am Main sammelt Buchkunst, Schriftkunst und Typografie des 20. und 21. Jahrhunderts. Es wurde 1953 eröffnet und geht auf die Sammlung von Karl Klingspor zurück, der mit seinem Bruder Wilhelm die Schriftgießerei Gebr. Klingspor leitete.
Was ist das Klingspor Museum?
Das Klingspor Museum ist ein Museum der Stadt Offenbach. Es nennt sich selbst ein Museum für internationale Buchkunst, Typografie und Kalligrafie des 20. und 21. Jahrhunderts. Ein Faltblatt des Museums fasst es kürzer: Es „sammelt moderne Buch- und Schriftkunst ab 1900“.
Benannt ist es nach Karl Klingspor (1868–1950). Seine Sammlung von Pressendrucken, illustrierten Büchern und Fachliteratur bildet den Grundstock. Weltweit bekannt ist der Name Klingspor aber vor allem durch die Schriftgießerei, die Karl Klingspor mit seinem Bruder leitete.
Die Schriftgießerei Gebr. Klingspor
Die Geschichte beginnt mit einer älteren Firma. Die Rudhardsche Gießerei in Offenbach bestand seit 1842. 1892 kaufte sie der Gießener Zigarrenfabrikant Carl Klingspor (1839–1903). Im selben Jahr trat sein Sohn Karl in die Firma ein, 1895 folgte der jüngere Sohn Wilhelm.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1842 | Gründung der Rudhardschen Gießerei in Offenbach |
| 1892 | Kauf durch Carl Klingspor; Karl Klingspor tritt ein |
| 1895 | Wilhelm Klingspor übernimmt die kaufmännische Leitung |
| 1897 | Neubauten im Blockinneren der Ludwigstraße |
| 1906 | Umbenennung in „Gebrüder Klingspor“ |
| 1907 | Karl Klingspor ist Mitbegründer des Deutschen Werkbundes |
| 1917 | D. Stempel (Frankfurt) erwirbt 60 Prozent der Anteile |
| 1925 | Tod Wilhelm Klingspors |
| 1956 | Stempel übernimmt die restlichen 40 Prozent; Stilllegung |
Die Aufgaben waren verteilt. Wilhelm führte das Kaufmännische, Karl die technische und künstlerische Arbeit. Er holte gezielt Künstler in die Firma, die neue Druckschriften entwarfen. Die Gießerei stellte daraus LetternLetter: Einzelner Metallkörper mit einem spiegelverkehrten, erhabenen Buchstaben darauf. Aus vielen Lettern wird eine Druckzeile gesetzt. Auch „Type“ genannt. aus Metall und Holz her. Nach Angaben des Museums wurde Klingspor so zu einem führenden Anbieter moderner Schriften.
Welche Schriftgestalter arbeiteten für Klingspor?
Die NDB und das Museum nennen eine Reihe von Künstlern. Einige Namen und Schriften:
| Gestalter | Beitrag laut Quellen |
|---|---|
| Otto Eckmann | Eckmann-Schrift, vorgestellt 1900 |
| Peter Behrens | Behrens-Schrift, Behrens-Antiqua, Behrens-Mediäval |
| Heinz König | Druckschriften |
| Heinrich Vogeler | Schmuckmaterial |
| Rudolf Koch | ab 1906 rund 30 Druckschriften, darunter Kabel, Neuland, Wallau |
| Walter Tiemann | Druckschriften |
| Otto Hupp | Druckschriften |
| Rudo Spemann, Imre Reiner, Hans Bohn, Karlgeorg Hoefer | Schriften für Klingspor (Kulturportal Frankfurt RheinMain) |
Rudolf Koch
Der wichtigste Name ist Rudolf Koch. Er arbeitete von 1906 bis zu seinem Tod 1934 für Klingspor. Von ihm stammen etwa die Deutsche Schrift und die Wallau. Mehr dazu im Beitrag über Rudolf Koch.
Die Schriften der Gießerei entstanden in der Zeit des Antiqua-Fraktur-Streits. Klingspor goss beides: gebrochene Schriften wie Kochs Deutsche Schrift und Antiqua-Schriften wie die Behrens-Antiqua.
Das Ende der Gießerei und die Verbindung zu Stempel
Schon 1917 erwarb die Frankfurter Schriftgießerei D. Stempel 60 Prozent der Anteile. Die Familie Klingspor blieb beteiligt und führte die Firma weiter. Nach Wilhelms Tod 1925 übernahm sein Schwiegersohn Ernst Keller (1897–1939) die kaufmännische Leitung. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Firmengebäude zerstört.
Nach dem Krieg arbeitete die Firma als grafischer Betrieb. Ein Neffe Karl Klingspors, Karl Hermann (geboren 1903), war von 1951 bis 1956 Teilhaber. 1956 kaufte Stempel die restlichen 40 Prozent und legte die Gießerei still. Die Gebäude nutzten danach zeitweise die Firmen Stempel-Hermetik und Danfoss zur Fertigung von Kühlaggregaten. Zur Geschichte der Frankfurter Firma siehe den Beitrag über die D. Stempel AG.
Wer war Karl Klingspor?
Karl Klingspor wurde am 25. Juni 1868 in Gießen geboren und starb am 1. Januar 1950 in Kronberg im Taunus. Die NDB nennt ihn Schriftgießer, Schriftkünstler, Ingenieur und Buchkünstler. 1902 heiratete er in Berlin Else Bötticher; die Ehe blieb kinderlos. Sein Bruder Wilhelm (1871–1925) starb an den Spätfolgen einer Kriegsverwundung.
Neben der Gießerei sammelte Karl Klingspor Bücher. Zu seiner Sammlung gehörten Pressendrucke, vor allem aus Deutschland und Großbritannien, illustrierte Bücher und Fachliteratur zur Buch- und Schriftkunst. Nach dem Kulturportal Frankfurt RheinMain war die Sammlung 1927 auf einer internationalen Buchausstellung in Leipzig zu sehen. Die Stadt Offenbach nennt 84 Bände englischer und deutscher Pressendrucke aus seinem Besitz.
Wie entstand das Klingspor Museum?
Karl Klingspor starb am 1. Januar 1950. Seine Nachkommen beschlossen, seine Sammlung von etwa 3000 Bänden der Stadt Offenbach zu übergeben. Die Bedingung war, sie öffentlich zugänglich zu machen. Nach Angaben des Museums bilden Karl Klingspors erhaltener Nachlass und seine Buchsammlung den Grundstock des Hauses.
Am 7. November 1953 wurde das Klingspor Museum eröffnet. Zwölf Tage später besuchte Bundespräsident Theodor Heuss Offenbach und besichtigte das Klingspor Museum und das Ledermuseum. 1958 entstand die Vereinigung „Freunde des Klingspor Museums“, die bis heute vor allem Ankäufe unterstützt.
Kurz nach der Gründung überließen die Töchter Rudolf Kochs dem Museum den künstlerischen Nachlass ihres Vaters. Es folgte der fast vollständige Nachlass des Schriftkünstlers Rudo Spemann.
Was zeigt und sammelt das Museum?
Die Wandtexte der Dauerausstellung gliedern die Sammlung in mehrere Bereiche:
- Schrift: Schriftproben der Gebr. Klingspor, BleisatzBleisatz: Text, der aus einzelnen Metalllettern zusammengesetzt wird – von Hand oder mit der Setzmaschine. Bis in die 1970er Jahre die übliche Art, Bücher und Zeitungen zu setzen., Handschriften, Kalligrafie bis zum Computersatz.
- Pressendrucke: aufwendig gesetzte, gedruckte und gebundene Bücher seit dem Ende des 19. Jahrhunderts.
- Malerbücher: Bücher, in denen Künstler wie Picasso, Matisse oder Miró Bilder zu Texten schufen.
- Künstlerbücher: Bücher, die Künstler in freien Formen und Materialien gestalten.
- Illustration: Originalillustrationen zu Buchprojekten.
- Plakate aus Europa, Japan und den USA, darunter eine große Sammlung zu Uwe Loesch, der seit Jahrzehnten die Ausstellungsplakate des Museums gestaltet.
Nachlässe und Sammlungen
Neben Koch und Spemann nennt die Stadt Offenbach den Nachlass von Wilhelm Neufeld sowie Bestände zu Frans Masereel und Hendrik Werkman. Das Kulturportal Frankfurt RheinMain erwähnt zusätzlich Bestände zu Rudolf von Larisch. Aus der Sammlung Siegfried Guggenheim stammen Handschriften und Ritualgegenstände, darunter Kochs Arbeit „Vom Judentum“ (1915). Die Bibliothek hält außerdem Schriftproben vieler Schriften bis zum Ende des BleisatzesBleisatz: Text, der aus einzelnen Metalllettern zusammengesetzt wird – von Hand oder mit der Setzmaschine. Bis in die 1970er Jahre die übliche Art, Bücher und Zeitungen zu setzen..
Schriftgeschichte an den Wänden
Die Wandtexte der Dauerausstellung sind selbst ein kleines Schriftmuster. Jeder Bereich ist in einer anderen Schrift des 20. Jahrhunderts gesetzt, und eine Fußnote nennt Gestalter und Jahr:
| Bereich | Schrift | Angabe im Wandtext |
|---|---|---|
| Dauerausstellung | Akzidenz-Grotesk | Berthold, 1898, Entwerfer unbekannt |
| Museumsgeschichte | Futura | Paul Renner, Bauersche Gießerei, 1927 |
| Schrift | Gill Sans | Eric Gill, Monotype, 1928 |
| Illustration | DIN 1451 Mittelschrift | Deutsches Institut für Normung, 1931 |
| Plakat | Times | Stanley Morison mit Victor Lardent, 1932/1933 |
| Pressendruck | Letter Gothic | Roger Roberson, IBM, 1956 |
| Malerbuch | Helvetica | Max Miedinger mit Eduard Hoffmann, Haas, 1957 |
| Künstlerbuch | Univers | Adrian Frutiger, Deberny et Peignot, 1957 |
Lage und Besuch
Das Museum liegt in der Herrnstraße 80, 63065 Offenbach. Die Dauerausstellung befindet sich laut den Wandtexten im Südflügel des Büsing-Palais und reicht vom Erdgeschoss bis in den zweiten Stock. Im Obergeschoss gibt es einen Lesesaal. Werke von Rudolf Koch können nach telefonischer Anmeldung in der Bibliothek angesehen werden.
Stand Oktober 2025: Nach einer Pressemeldung vom 17. Oktober 2025 zeigte das Museum die Ausstellung „Gefördert, gesammelt, gezeigt“ mit Werken, die mit Hilfe des Freundeskreises erworben wurden, angekündigt bis März 2026. Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise stehen auf der Website der Stadt Offenbach.
Wer Schriften aus dem Umfeld von Klingspor selbst ausprobieren möchte, findet einige davon im Schriftstudio.
Häufige Fragen
- Was ist das Klingspor Museum?
- Das Klingspor Museum in Offenbach am Main ist ein städtisches Museum für Buchkunst, Schriftkunst und Typografie des 20. und 21. Jahrhunderts. Es wurde am 7. November 1953 eröffnet.
- Wo ist das Klingspor Museum?
- Das Museum liegt in der Herrnstraße 80 in 63065 Offenbach am Main, im Südflügel des Büsing-Palais.
- Wer waren die Gebrüder Klingspor?
- Karl Klingspor (1868–1950) und Wilhelm Klingspor (1871–1925) leiteten die Schriftgießerei Gebr. Klingspor in Offenbach. Ihr Vater Carl Klingspor hatte 1892 die Rudhardsche Gießerei gekauft.
- Was wurde aus der Schriftgießerei Klingspor?
- Die Frankfurter Schriftgießerei D. Stempel erwarb 1917 eine Mehrheit von 60 Prozent und 1956 die restlichen Anteile. Danach wurde die Gießerei in Offenbach stillgelegt.
- Was sammelt das Klingspor Museum?
- Künstlerbücher, Pressendrucke, Malerbücher, illustrierte Bücher, Kalligrafie, Plakate und Schriftproben, darunter die Schriftproben der Gebr. Klingspor. Dazu kommen Nachlässe wie der von Rudolf Koch.