Schriftgeschichte · · 6 Minuten Lesezeit

Sütterlin und Kurrent: zwei Namen, nicht eine Schrift

„Sütterlin“ wird oft als Name für jede alte deutsche Handschrift verwendet. Die Sütterlinschrift ist aber nur eine späte Variante der KurrentschriftKurrent: Die alte deutsche Schreibschrift, mit der bis ins 20. Jahrhundert Briefe, Urkunden und Kirchenbücher geschrieben wurden., die im 20. Jahrhundert bis 1941 an Schulen gelehrt wurde.

Die Kurrentschrift

Im 16. Jahrhundert unterscheidet man im deutschen Sprachraum mehrere Schriftarten: Kurrentschrift, Kanzleischrift, FrakturFraktur: Gebrochene Druckschrift, die im deutschen Sprachraum rund 400 Jahre lang die übliche Schrift für Bücher und Zeitungen war. und lateinische Schrift. Die Kurrent war die Schrift für den täglichen Gebrauch. Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sie sich in vielen Formen weiter. Kirchenbücher und Stadtbücher sind seit Beginn der Neuzeit meist in Kurrent geschrieben.

Die lateinische Schreibschrift setzte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts stärker durch. In Amtsstuben blieb die Kurrent laut Landeshauptarchiv Rheinland-Pfalz trotzdem vorherrschend. Geschrieben wurde sie im 19. Jahrhundert meist mit der Spitzfeder. Je nach Druck entstehen dünne und dicke Striche; die Schrift ist stark nach rechts geneigt, nach Wikipedia bis etwa 45 Grad.

Ludwig Sütterlin und seine Schulschrift

Ludwig Sütterlin wurde am 23. Juli 1865 in Lahr in Baden geboren und starb am 20. November 1917 in Berlin. Er war Gebrauchsgrafiker und Schriftkünstler. Laut Neuer Deutscher Biographie legte er 1910 dem preußischen Kultusministerium Entwürfe für Schulschriften vor. Nach Schulversuchen entstanden 1914 zwei Normalalphabete: eine deutsche und eine lateinische Ausgangsschrift. Als „Sütterlinschrift“ bezeichnet man heute nur die deutsche.

Die Schrift steht aufrecht, hat kurze Ober- und Unterlängen und eine gleichmäßige Strichstärke. Sie war für Federn mit gleichmäßigem Strich gedacht, etwa die Gleichzugfeder. Seit Mitte der 1920er Jahre war sie an preußischen Grundschulen und kaufmännischen Schulen etabliert und wurde auch in anderen deutschen Ländern eingeführt. Nach Wikipedia ging sie 1935 in leicht veränderter, schräger Form als „Deutsche Volksschrift“ in den Lehrplan ein.

Das Ende 1941

Mit dem Rundschreiben Martin Bormanns vom 3. Januar 1941 wurde die Antiqua zur „Normalschrift“ erklärt. Ein Runderlass vom 1. September 1941 bestimmte: „Künftig soll an den Schulen nur eine Schrift, die Normalschrift, gelehrt werden.“ Damit endete der Unterricht in Sütterlin. Nach 1945 blieb die lateinische Schreibschrift der Standard.

Einen alten Brief entziffern

Einige Buchstaben unterscheiden sich stark von der heutigen Schreibschrift:

  • e besteht aus zwei eng stehenden Abstrichen und ähnelt einem heutigen n.
  • n und u sehen gleich aus. Über dem u steht deshalb ein Bogen; manche Schreiber lassen ihn weg.
  • h und z haben Schleifen unter der Grundlinie.
  • s hat zwei Formen: Das lange s steht am Wortanfang und im Wort, das runde s am Wort- oder Silbenende. Das ß entsteht aus langem s und z.

Archive und Universitäten geben folgende Hinweise:

  • Mit Wörtern beginnen, die man sicher erkennt, und daran die Buchstabenformen des Schreibers lernen.
  • Unsichere Buchstaben mit anderen Stellen im selben Dokument vergleichen.
  • Den Zusammenhang nutzen und bei Bedarf zeitgenössische Wörterbücher heranziehen.
  • Die Rechtschreibung wurde erst ab dem späten 19. Jahrhundert vereinheitlicht. Unterschiedliche Schreibweisen desselben Wortes, auch im selben Dokument, sind normal.
  • Ergebnisse automatischer Handschrifterkennung prüfen und nicht ungeprüft übernehmen.

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Häufige Fragen

Ist Sütterlin dasselbe wie Kurrent?
Nein. Kurrent ist die deutsche Schreibschrift, die seit dem 16. Jahrhundert verwendet wurde. Sütterlin ist eine Variante davon, die Ludwig Sütterlin Anfang des 20. Jahrhunderts als Schulschrift entwarf.
Wann wurde Sütterlin gelehrt?
Laut Neuer Deutscher Biographie war sie seit Mitte der 1920er Jahre an preußischen Grundschulen etabliert und wurde bis 1941 gelehrt. Andere Quellen nennen frühere Einführungsjahre (1915 bzw. 1917).
Wie unterscheidet man Sütterlin und Kurrent?
Kurrent ist meist stark nach rechts geneigt und mit der Spitzfeder geschrieben, die dünne und dicke Striche erzeugt. Sütterlin steht aufrecht, hat kurze Ober- und Unterlängen und eine gleichmäßige Strichstärke.
Warum sieht das e in Kurrent wie ein n aus?
Das e der Kurrentschrift hat eine eigene Form aus zwei eng stehenden Abstrichen. Damit u und n unterscheidbar bleiben, steht über dem u ein Bogen.

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