Sprachgeschichte · · 7 Minuten Lesezeit
Lautverschiebung: erste und zweite Lautverschiebung erklärt
Als Lautverschiebung bezeichnet man regelmäßige Veränderungen der Konsonanten. Die erste machte aus dem Indogermanischen das Germanische, die zweite aus dem Germanischen das Hochdeutsche. Sie erklärt, warum es im Deutschen Wasser, Apfel und machen heißt, im Englischen aber water, apple und make.
Was ist eine Lautverschiebung?
Gemeint ist ein Lautwandel, der nicht einzelne Wörter betrifft, sondern alle Wörter mit einem bestimmten Laut in einer bestimmten Stellung. Ändert sich etwa t nach einem Vokal, ändert es sich in „Wasser“, „essen“ und „lassen“ gleichermaßen. Deshalb lassen sich die Veränderungen als Regeln beschreiben.
Die Sprachwissenschaft unterscheidet zwei große Lautverschiebungen im Germanischen. Beide betreffen vor allem die VerschlusslauteVerschlusslaute: Laute, bei denen der Luftstrom kurz ganz gestoppt wird, etwa p, t, k, b, d, g..
Die erste Lautverschiebung (Grimmsches Gesetz)
Die erste oder germanische Lautverschiebung trennte das Germanische von den übrigen indogermanischen Sprachen wie Latein oder Griechisch. Jacob Grimm beschrieb sie in seiner „Deutschen Grammatik“; die Lautlehre kam mit der zweiten Auflage von 1822 hinzu. Im Englischen heißt die Regel deshalb „Grimm’s law“. Nach der Allgemeinen Deutschen Biographie fasste Grimm sie so: Die ursprünglichen p, t, k hätten sich im Germanischen zu f, th, h verschoben.
Die Bamberger Germanistin Stefanie Stricker beschreibt drei Teile:
| Veränderung | Beispiel |
|---|---|
| Stimmhafte b, d, g werden zu stimmlosen p, t, k | lateinisch labi „gleiten“ – englisch sleep |
| Stimmlose p, t, k werden zu Reibelauten f, th, h | lateinisch pater – englisch father, deutsch Vater |
| Behauchte bh, dh, gh werden zu b, d, g | indogermanisch *ghostis – deutsch Gast |
Nicht verschoben wurden p, t, k nach s, etwa in sp, st, sk. Ausnahmen in der Verteilung von stimmhaften und stimmlosen Reibelauten erklärt das Vernersche GesetzVernersche Gesetz: Regel, nach der die Betonung im Wort bestimmte, ob ein germanischer Reibelaut stimmlos oder stimmhaft wurde.. Den Beginn der Verschiebung setzt Stricker um 1200 bis 1000 v. Chr. an, den Abschluss um 500 bis 300 v. Chr. Ursachen und Verlauf sind umstritten.
Die zweite Lautverschiebung: p, t, k im Hochdeutschen
Die zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung betraf vor allem die stimmlosen Verschlusslaute p, t und k. Was aus ihnen wurde, hängt von ihrer Stellung im Wort ab:
- Nach Vokal wurden sie zu Reibelauten ff, ss und hh (später ch). Altsächsisch opan, etan, makon entsprechen althochdeutsch offan, ezzan, mahhōn: offen, essen, machen.
- Am Wortanfang, nach Konsonant und bei Verdopplung wurden sie zu AffrikatenAffrikaten: Verbindungen aus Verschluss- und Reibelaut, etwa pf und ts (geschrieben z oder tz).: pf, tz und kh. Nur die Verschiebung von t zu tz erfasste das ganze hochdeutsche Gebiet.
- b, d, g wurden regional sehr unterschiedlich zu p, t, k verschoben. Im Standarddeutschen zeigt sich das bei d zu t: englisch daughter, deutsch Tochter.
Die Unterschiede zeigen sich bis heute im Vergleich mit dem Englischen, das die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht hat. Auch im Niederdeutschen heißt es nach Jürgen Erich Schmidt „bis heute pund für Pfund, water für Wasser und maken für machen“.
| Laut und Stellung | Englisch | Hochdeutsch |
|---|---|---|
| p nach Vokal | open | offen |
| p am Wortanfang | pound | Pfund |
| p nach Konsonant | apple | Apfel |
| t nach Vokal | water | Wasser |
| t nach Vokal | eat | essen |
| t am Wortanfang | ten | zehn |
| k nach Vokal | make | machen |
| d am Wortanfang | daughter | Tochter |
Beispiele aus älteren Sprachstufen
Das Duden-Schülerlexikon nennt weitere Beispiele, die den Weg vom unverschobenen zum verschobenen Wort zeigen: Aus germanisch settian wurde setzen, aus Perd wurde Pferd. Bei den stimmhaften Lauten zeigen einige althochdeutsche Mundarten die Verschiebung: bairan „tragen“ erscheint als peran, giban „geben“ als kepan. Diese Formen setzten sich in der späteren Schriftsprache nicht durch; dort heißt es wieder geben. Die Verschiebung von b und g ist deshalb heute vor allem in alten Texten zu sehen.
Wann fand die zweite Lautverschiebung statt?
Darüber gibt es keine Einigkeit. Sicher ist nur, dass die Verschiebung abgeschlossen war, bevor die schriftliche Überlieferung des Althochdeutschen im 8. Jahrhundert einsetzt. Die Angaben in der Fachliteratur weichen voneinander ab:
- 5. bis 7. Jahrhundert (Stefanie Stricker, Bamberg),
- etwa 450 bis 760 (Jürgen Erich Schmidt, Deutscher Sprachatlas Marburg),
- etwa 500 bis 800 (Duden-Schülerlexikon),
- zweite Hälfte des ersten Jahrtausends (Cornelissen und Denkler, LVR).
Von Süden nach Norden?
Lange galt die sogenannte monogenetische These: Die Verschiebung sei im Süden entstanden, etwa im Alpenraum, und habe sich nach Norden mit abnehmender Kraft ausgebreitet. Stricker hält diese These für widerlegt, weil im Mitteldeutschen schon früh verschobene Formen belegt sind, im Ripuarischen bereits aus dem 7. Jahrhundert. Wahrscheinlicher sei eine eigenständige Entwicklung in mehreren Räumen zugleich. Der Sprachwissenschaftler Theo Vennemann vertrat außerdem die Ansicht, Hoch- und Niederdeutsch hätten sich jeweils eigenständig aus dem Urgermanischen entwickelt. Eine abschließende Erklärung der Ursachen fehlt.
Die Benrather Linie: maken oder machen
Die wichtigste Grenze der zweiten Lautverschiebung ist die Benrather Linie. Nördlich von ihr sagt man maken, südlich machen. Sie quert bei Benrath, heute ein Stadtteil von Düsseldorf, den Rhein. Nach dem Duden-Schülerlexikon verläuft sie über Aachen, Düsseldorf, Kassel, Aschersleben, Wittenberg und Lübben bis Frankfurt an der Oder.
Die Linie betrifft nicht nur ein Wort. Nach Georg Cornelissen und Markus Denkler fällt hier eine große Zahl weiterer Lautgegensätze zusammen. Ihre Beispiele aus Nordrhein-Westfalen:
| Hochdeutsch | nördlich der Linie | südlich der Linie |
|---|---|---|
| machen | make/n | mache/n |
| laufen | lope/n | lofe/n |
| weiß | witt | wies |
| schwarz | schwatt | schwatz |
| Buch | Buuk | Booch |
Die Benrather Linie gilt deshalb als Grenze zwischen dem Niederdeutschen im Norden und dem Hochdeutschen im Süden. Im Rheinland trennt sie das Niederfränkische vom Ripuarischen. Weiter östlich trennt sie nach Cornelissen und Denkler die westfälischen Dialekte vom Moselfränkischen im Siegerland und vom Rheinfränkischen in Wittgenstein.
Eine Sprachinsel am Niederrhein
Dass die Linien an Mundarten und nicht an Orte gebunden sind, zeigt ein Beispiel aus demselben Begleitheft. Am unteren Niederrhein, also weit nördlich der Benrather Linie, liegen die Orte Pfalzdorf, Louisendorf und Neulouisendorf. Dort wird bis heute ein rheinfränkischer Dialekt gesprochen. Er geht auf Menschen aus dem Hunsrück zurück, die im 18. Jahrhundert nach Amerika auswandern wollten, aber am Niederrhein blieben. Sprachlich gehört ihre Mundart damit zu einem Raum südlich der Benrather Linie, obwohl die Orte im niederfränkischen Gebiet liegen.
Die Uerdinger Linie: ik oder ich
Etwas weiter nördlich verläuft die Uerdinger Linie. Sie trennt ik von ich und quert den Rhein bei Uerdingen, heute Teil von Krefeld. Zwischen Uerdinger und Benrather Linie sagt man also ich, aber maken.
Wie wichtig diese Linie als Dialektgrenze ist, wird diskutiert. Frens Bakker und Roeland van Hout haben 2015 die Daten des Wenker-Atlas ausgewertet. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Uerdinger Linie in Deutschland keine bedeutende Dialektgrenze ist und auf niederländischer Seite nur eine schwächere.
Die Speyerer Linie: Appel oder Apfel
Im Süden trennt eine weitere Linie unverschobenes Appel von verschobenem Apfel. Sie wird nach der Stadt Speyer auch Speyerer Linie genannt; der Sprachatlas von Unterfranken spricht von der „appel-apfel-Linie“. Nach der Sprachwissenschaftlerin Sabine Krämer-Neubert vom Unterfränkischen Dialektinstitut trennt sie im westlichen Unterfranken die oberdeutschen von den mitteldeutschen Mundarten.
Daraus ergibt sich eine Gliederung in drei Räume:
| Raum | Lage | Durchführung der Verschiebung |
|---|---|---|
| Niederdeutsch | nördlich der Benrather Linie | nicht durchgeführt (maken, Water, Appel) |
| Mitteldeutsch | zwischen Benrather und Speyerer Linie | teilweise (machen, Wasser, aber Appel) |
| Oberdeutsch | südlich der Speyerer Linie | weitgehend (machen, Wasser, Apfel) |
Der Rheinische Fächer
Besonders deutlich wird die Staffelung im Rheinland. Dort laufen die Linien nicht gebündelt, sondern fächerförmig auseinander. Jürgen Erich Schmidt beschreibt das Rheinische als Sprachraum, der die Lautverschiebung „partiell, genauer: gestaffelt (= ,Rheinischer Fächer‘)“ durchgeführt hat.
Ein Beispiel ist das Kölsche. Es liegt südlich der Benrather Linie und sagt machen, hat aber p am Wortanfang und nach Konsonant nicht verschoben. Ein Seminar der Universität zu Köln nennt als Beispiele Pääd (Pferd), Appel (Apfel) und Kopp (Kopf), dazu dat und wat. Weiter südlich trennt die dorp/dorf-Linie das Ripuarische vom Moselfränkischen.
Traditionell wird das Rheinische deshalb dem Hochdeutschen zugeordnet, genauer dem Westmitteldeutschen. Schmidt berichtet, dass diese Einordnung erst im letzten Jahrzehnt durch neue quantitative Studien in Frage gestellt wurde.
Was die Lautverschiebung heute zeigt
Die Grenzen der Lautverschiebung sind bis heute in den Dialekten hörbar. Im Plattdeutschen heißt es ik und dat, im Kölschen Appel und Kopp, im Süden dagegen Apfel und Kopf. Mehr zu den heutigen Mundarten steht im Beitrag über Dialekte im Deutschen.
Wer alte Texte liest, begegnet den Lautverschiebungen ebenfalls: In althochdeutschen Handschriften steht zz für den neuen s-Laut, etwa in ezzan „essen“. Die Regeln selbst hat Jacob Grimm formuliert, der auch das Deutsche Wörterbuch begründete.
Häufige Fragen
- Was ist die zweite Lautverschiebung?
- Eine Veränderung der Konsonanten p, t, k (und teilweise b, d, g), die das Hochdeutsche von den anderen germanischen Sprachen trennt. Aus p wurde pf oder ff, aus t wurde tz oder ss, aus k wurde ch. Darum heißt es im Deutschen Wasser und machen, im Englischen water und make.
- Wann fand die zweite Lautverschiebung statt?
- Die Angaben schwanken. Genannt werden das 5. bis 7. Jahrhundert, die Zeit von etwa 450 bis 760 oder von etwa 500 bis 800. Sicher ist, dass sie vor Beginn der althochdeutschen Überlieferung abgeschlossen war.
- Was ist die Benrather Linie?
- Eine Sprachgrenze, die nördliches maken von südlichem machen trennt. Sie gilt als Grenze zwischen dem Niederdeutschen und dem Hochdeutschen und quert bei Benrath, heute ein Stadtteil von Düsseldorf, den Rhein.
- Was ist der Unterschied zwischen erster und zweiter Lautverschiebung?
- Die erste (germanische) Lautverschiebung trennte das Germanische von den anderen indogermanischen Sprachen, etwa lateinisch pater und englisch father. Die zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung trennte später das Hochdeutsche vom Niederdeutschen, Englischen und Niederländischen.
- Warum sagt man im Rheinland Appel und Kopp?
- Das Rheinland hat die zweite Lautverschiebung nur teilweise mitgemacht. Im Kölschen blieb etwa p am Wortanfang und nach Konsonant unverschoben, deshalb Appel, Kopp und Pääd statt Apfel, Kopf und Pferd.