Rechtschreibung und Zeichen · · 6 Minuten Lesezeit
Großschreibung im Deutschen: Warum Substantive groß sind
Im Deutschen werden alle Substantive großgeschrieben. Diese Regel entstand im 16. und 17. Jahrhundert, wurde von Druckern durchgesetzt und ist seither immer wieder umstritten. Außer im Deutschen gilt sie heute auch im Luxemburgischen; das Dänische hat sie 1948 aufgegeben.
Die Regel heute
Das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung fasst die Regel in einem Satz:
Substantive werden großgeschrieben.
Daneben schreibt man nach dem Regelwerk groß: Überschriften und Werktitel, Satzanfänge, Substantivierungen (das Laufen), Eigennamen, bestimmte feste Wortgruppen sowie Anredepronomen wie Sie. Die Großschreibung dient nach den Vorbemerkungen dazu, den Anfang bestimmter Texteinheiten und Wörter bestimmter Gruppen „für die Lesenden hervorzuheben“.
Schwierig wird es an den Rändern. Wörter anderer Wortarten werden groß, wenn sie als Substantiv gebraucht werden; Substantive verlieren in manchen Wendungen ihre Großschreibung. Das Regelwerk lässt deshalb in einigen Fällen beide Schreibungen zu. Seit 2017 gilt das etwa für die goldene/Goldene Hochzeit, seit 2024 für guten/Guten Tag sagen.
Groß oder klein? Beispiele aus dem Regelwerk
| Fall | Schreibung | Regel |
|---|---|---|
| Substantiv | der Tisch, die Freiheit | immer groß (§ 55) |
| Substantivierung | das Laufen, das Wenn und Aber | groß |
| Zusammensetzung mit Bindestrich | die Ad-hoc-Entscheidung, die S-Kurve | erstes Wort groß |
| Abkürzung im Wort | die km-Zahl, der dass-Satz | bleibt unverändert |
| feste Verbindung | die goldene/Goldene Hochzeit | beides erlaubt (seit 2017) |
| Gruß mit Verb des Sagens | guten/Guten Tag sagen | beides erlaubt (seit 2024) |
| Fachbezeichnung | die innere/Innere Medizin | beides erlaubt (seit 2024) |
Wie entstand die Großschreibung der Substantive?
Im Mittelalter markierten Großbuchstaben nach Michael Schneider (Universität Marburg) den Beginn von Absätzen, Strophen oder Versen, teilweise auch schon den Satzanfang. Im 16. Jahrhundert dienten sie vor allem der Hervorhebung: Satzanfänge, Eigennamen, wichtige Substantive, aber auch Wörter anderer Wortarten. Schreiblehrbücher wie der anonyme „Schryfftspiegel“ (1527) und das „Enchiridion“ von Johannes Kolross (1529/30) forderten die Großschreibung von Eigennamen, teils aus ästhetischen Gründen, teils aus Ehrerbietung, wie in GOTT oder HERR.
Drucker vor Grammatikern
Die Ausweitung auf alle Substantive geschah nach Schneider „offenbar ohne Beteiligung der Grammatiker und Schulleute“; sie wurde von den Druckern eingeführt und durchgesetzt. Schon in der Lutherbibel von 1542 sind etwa 80 Prozent aller Substantive großgeschrieben. Die Grammatiker zogen nach:
| Jahr | Werk | Stellung zur Großschreibung |
|---|---|---|
| 1527 | Schryfftspiegel (anonym) | Großschreibung von Eigennamen |
| 1653 | Johann Girbert: Deutsche Grammatica | Substantivgroßschreibung erstmals ausdrücklich als Regel |
| 1722 | Hieronymus Freyer: Anweisung zur teutschen Orthographie | Großschreibung beruht nur auf dem Schreibgebrauch |
| 1748 | Johann Christoph Gottsched: Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst | befürwortet die Substantivgroßschreibung entschieden |
| 1788 | Johann Christoph Adelung: Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie | verbindliche Substantivgroßschreibung |
Wer Drucke aus dem 16. Jahrhundert liest, sollte deshalb keine heutige Regel erwarten: Großbuchstaben stehen dort auch bei anderen Wortarten und fehlen bei manchen Substantiven. Texte in FrakturFraktur: Gebrochene Druckschrift, die im deutschen Sprachraum rund 400 Jahre lang die übliche Schrift für Bücher und Zeitungen war. und anderen gebrochenen Schriften stellt die Seite Schriften vor.
Die Regeln von 1901
Die II. Orthographische Konferenz in Berlin 1901 schuf eine einheitliche Rechtschreibung für das Deutsche Reich; Österreich und die Schweiz schlossen sich 1902 an. Die Großschreibung der Substantive wurde beibehalten. Nach Schneider enthielt das Regelwerk aber keine systematische Regelung der Groß- und Kleinschreibung, sondern nur Festlegungen im Einzelfall. Nach Klaus Heller (IDS) haben die vielen Auflagen des Duden die Regelung von 1902 danach „in vielen Bereichen unsystematisch aufgeschwellt“. Mehr dazu im Beitrag über die Rechtschreibreformen.
Die Debatte um die gemäßigte Kleinschreibung
Die wichtigste Gegenposition heißt gemäßigte Kleinschreibunggemäßigte Kleinschreibung: Reformvorschlag: Großgeschrieben werden nur Satzanfänge, Eigennamen und bestimmte Anredeformen, Substantive dagegen klein.. Nach ihr werden Substantive kleingeschrieben, Satzanfänge und Eigennamen weiter groß.
Jacob Grimm
Jacob Grimm lehnte die Großschreibung der Substantive ab. Nach Schneider legte er seine Grundsätze in der zweiten Auflage seiner Deutschen Grammatik (1822), in der Schrift „Über das pedantische in der deutschen sprache“ (1847) und ausführlich in der Vorrede zum ersten Band des Deutschen Wörterbuchs (1854) dar. Zu seinen Forderungen gehörte die Substantivkleinschreibung. Wegen ihrer Radikalität drangen diese Vorschläge kaum über wissenschaftliche Kreise hinaus. Mehr über das Wörterbuch im Beitrag über das Grimmsche Wörterbuch.
Bauhaus und Reformvereine
In den 1920er-Jahren wurde die Kleinschreibung auch in der Gestaltung aufgegriffen. Mehrere Drucksachen des Bauhauses sind durchgehend klein geschrieben, etwa die Collage „sie brauchen das bauhaus“ (1928) oder der Werbeprospekt „der bauhaustapete gehört die zukunft“ (1931). Josef Albers beschrieb seine Kombinationsschrift um 1928 ebenfalls in Kleinbuchstaben. Ebenfalls in den 1920er-Jahren wurde in Olten in der Schweiz der „Bund für vereinfachte rechtschreibung“ gegründet, der als Minimalprogramm die Kleinschreibung außer bei Eigennamen und Satzanfängen forderte.
Pläne in der Zeit des Nationalsozialismus
Auch im Nationalsozialismus wurde über die Kleinschreibung verhandelt. Nach Schneider legte Reichserziehungsminister Bernhard Rust Vorschläge vor, zu denen die Abschaffung der Substantivgroßschreibung gehörte. 1944 ließ er ein überarbeitetes Regelwerk drucken, das unter anderem eine „liberalisierte Groß- und Kleinschreibung“ vorsah. Hitler ordnete im August 1944 an, die Arbeiten bis Kriegsende zurückzustellen. Der größte Teil der bereits gedruckten Regelbücher wurde eingestampft, die Reform nach 1945 nicht wieder aufgegriffen.
Empfehlungen nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg schlugen mehrere Gremien die Kleinschreibung vor. Keiner der Vorschläge wurde umgesetzt:
- Stuttgarter Empfehlungen (1954): Abschaffung der Substantivgroßschreibung. Presse, Akademien und Schriftsteller wie Thomas Mann, Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt protestierten.
- Wiesbadener Empfehlungen (17. Dezember 1958): Ein von Bundesinnenministerium und Kultusministerkonferenz eingesetzter Arbeitskreis empfahl die Kleinschreibung. Auch hier gab es Widerstand; Baden-Württemberg und Bayern sprachen sich dagegen aus.
- Frankfurter Kongress „vernünftiger schreiben“ (1973): Die Resolution forderte die Abschaffung der Substantivgroßschreibung.
Die Reform von 1996
Auch die Reform von 1996 begann mit einem Vorschlag zur Kleinschreibung. Klaus Heller schrieb dazu im Sprachreport des Instituts für deutsche Sprache:
Da sich für die vom Internationalen Arbeitskreis für Orthographie ursprünglich vorgeschlagene Kleinschreibung der Substantive keine mehrheitliche Zustimmung finden ließ, wurde in Wien über den Vorschlag einer modifizierten Großschreibung entschieden.
Die „modifizierte Großschreibung“ behielt die Großschreibung der Substantive bei und regelte schwierige Einzelfälle neu. Ein Beispiel dafür sind Schreibungen wie heute Abend oder im Voraus, die nach Schneider seither großgeschrieben werden.
Welche Sprachen schreiben Substantive groß?
Das Deutsche ist mit dieser Regel fast allein. Der Sprachreport des IDS formulierte 1996, die Großschreibung diene im Deutschen „im Gegensatz zu allen anderen Sprachen“ auch der Markierung einer Wortart. Eine Ausnahme ist das Luxemburgische: Die amtliche Rechtschreibung, die die Regierung im November 2019 annahm, regelt erstmals offiziell die Groß- und Kleinschreibung. Sie sagt:
Substantiven, Nimm an de Sazufank gi groussgeschriwwen.
Übersetzt: Substantive, Namen und der Satzanfang werden großgeschrieben. Die Beispiele ähneln dem Deutschen: Buch, Haus, Kaffistaass (Kaffeetasse). Wie im Deutschen wird ein Infinitiv groß, wenn er als Substantiv gebraucht wird: D’Schreiwen ass him ëmmer liichtgefall (das Schreiben ist ihm immer leichtgefallen). Auch Substantive aus anderen Sprachen schreibt das Luxemburgische groß, selbst wenn sie sonst in ihrer Originalschreibung übernommen werden.
Das Dänische bis 1948
Auch das Dänische schrieb Substantive groß. Henrik Galberg Jacobsen beschreibt in Den Store Danske, wie die Frage dort lange umstritten war. Schon 1663 trat Peder Syv mit dem Grundsatz „Mand bør saa at skrive, som mand taler“ (man soll so schreiben, wie man spricht) für eine lautnahe Schreibung ein; dazu gehörten kleine Anfangsbuchstaben bei Substantiven. Im 19. Jahrhundert stritten Anhänger der traditionellen und der von Rasmus Rask vorgeschlagenen Schreibung.
| Jahr | Ereignis im Dänischen |
|---|---|
| 1663 | Peder Syv will Substantive klein schreiben |
| 1869 | Nordisches Rechtschreibtreffen in Stockholm empfiehlt kleine Anfangsbuchstaben bei Substantiven |
| 1872 | Svend Grundtvigs Wörterbuch verzichtet wieder darauf, um amtlich anerkannt zu werden |
| 1948 | Reform unter Unterrichtsminister Hartvig Frisch schafft die Großschreibung der Substantive ab und führt å ein |
Rechtsgrundlage war eine Bekanntmachung des Unterrichtsministeriums vom 22. März 1948. Mit derselben Reform ersetzte das Dänische die Formen kunde, skulde und vilde durch kunne, skulle und ville.
Häufige Fragen
- Warum schreibt man im Deutschen Substantive groß?
- Die Großschreibung entstand im 16. und 17. Jahrhundert, zunächst zur Hervorhebung wichtiger Wörter. Nach Michael Schneider haben die Drucker die generelle Großschreibung der Substantive eingeführt; die Grammatiker formulierten die Regel erst danach.
- Welche Sprachen schreiben Substantive groß?
- Vor allem das Deutsche und das Luxemburgische. Die amtliche luxemburgische Rechtschreibung von 2019 schreibt vor, Substantive großzuschreiben. Das Dänische hat die Großschreibung 1948 abgeschafft.
- Was ist die gemäßigte Kleinschreibung?
- Ein Reformvorschlag, nach dem nur noch Satzanfänge, Eigennamen und bestimmte Anredeformen großgeschrieben werden. Er wurde im 20. Jahrhundert mehrfach vorgeschlagen, etwa in den Wiesbadener Empfehlungen von 1958, aber nie eingeführt.
- Wollten die Brüder Grimm die Kleinschreibung?
- Jacob Grimm trat für die Kleinschreibung der Substantive ein. Er begründete das unter anderem in der Vorrede zum ersten Band des Deutschen Wörterbuchs von 1854.
- Hat die Rechtschreibreform 1996 die Großschreibung geändert?
- Die Substantivgroßschreibung blieb. Ein Vorschlag zur Kleinschreibung fand keine Mehrheit. Stattdessen wurden schwierige Einzelfälle neu geregelt, was zum Teil zu mehr Großschreibung führte.