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Unübersetzbare deutsche Wörter: Bedeutung und Herkunft
Schadenfreude, Feierabend, Fernweh, Weltschmerz: Diese Wörter gelten als unübersetzbar. Gemeint ist nicht, dass man ihren Inhalt in anderen Sprachen nicht ausdrücken kann, sondern dass es dort kein einzelnes Wort mit genau derselben Bedeutung gibt.
Was heißt „unübersetzbar“?
Übersetzen heißt nicht, Wort für Wort zu ersetzen. Fehlt in der Zielsprache ein passendes Einzelwort, greift man zu einer Umschreibung. Das Englische hat für Schadenfreude kein eigenes Wort, aber „pleasure at someone else’s misfortune“ gibt den Inhalt wieder. Deshalb ist „unübersetzbar“ eine Kurzform für „ohne Einzelwort-Entsprechung“.
Auch die Wissenschaft spricht von Unübersetzbarem, meint damit aber Begriffe, deren Übertragung schwierig ist. Das „Dictionary of Untranslatables“, herausgegeben von Barbara Cassin, Emily Apter, Jacques Lezra und Michael Wood (Princeton 2014), versammelt nach Angabe des Verlags fast 400 philosophische, literarische und politische Begriffe, die sich einer einfachen Übersetzung widersetzen.
Dass das Deutsche viele solche Wörter zu haben scheint, hängt oft mit der ZusammensetzungZusammensetzung: Bildung eines neuen Wortes aus zwei oder mehr Wörtern, z. B. Fern + Weh. zusammen: Aus Kummer und Speck entsteht ein neues Wort, wo andere Sprachen mehrere Wörter brauchen. Wie das funktioniert, erklärt der Beitrag Komposita: Wie deutsche Wörter so lang werden.
Schadenfreude
Das DWDS definiert Schadenfreude nach dem Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache als „Vergnügen an dem Missgeschick, Unglück eines anderen“. Das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer datiert das Wort und das Adjektiv schadenfroh ins 16. Jahrhundert.
Im Englischen wird schadenfreude als Lehnwort verwendet. Dictionary.com setzt die erste Aufzeichnung auf 1890–95 an und erklärt es mit „satisfaction or pleasure felt at someone else’s misfortune“. Mehr zu deutschen Wörtern in anderen Sprachen steht im Beitrag Deutsche Wörter im Ausland.
Feierabend
Feierabend hat im DWDS zwei Hauptbedeutungen: „Arbeitsschluss, Dienstschluss“ und die „Zeit zwischen Arbeitsschluss, Dienstschluss und Nachtruhe“. Dazu kommen Wendungen wie „Feierabend machen“ und „damit ist Feierabend“ für das Ende einer Sache.
Die Wortgeschichte ist länger als die heutige Bedeutung. Nach Pfeifer bezeichnete mittelhochdeutsch vīrābent den Vorabend eines Festtages. Die Bedeutung „abendliche Ruhezeit nach dem Arbeitstag“ ist seit dem 16. Jahrhundert belegt. Das Wort Feier selbst ist aus spätlateinisch fēria entlehnt, einer Einzahlform zu lateinisch fēriae „Feiertage, Ruhetage“.
Ganz ohne Gegenstück ist das Wort nicht geblieben: Das Polnische hat es als fajrant übernommen. Das Wörterbuch der Polnischen Akademie der Wissenschaften erklärt es als umgangssprachlich „koniec dnia pracy“, Ende des Arbeitstages.
Fernweh und Heimat
Fernweh
Das DWDS beschreibt Fernweh als „starke Sehnsucht nach der Ferne“, ausdrücklich „in gegensätzlicher Bedeutung zu Heimweh“. Es bildet also das Gegenstück zu Heimweh. Eine Datierung nennt das DWDS nicht, und im Grimmschen Wörterbuch fehlt ein Eintrag. Der Duden führt es als gehobenes Wort mit der Bedeutung „Sehnsucht nach der Ferne, nach fernen Ländern“.
Heimat
Heimat bedeutet nach dem DWDS „Ort, Gegend, Land, wo jemand zu Hause ist, sich heimisch fühlt“, aber auch den Ort, „woher etwas stammt“. Pfeifer betont, dass die Formen althochdeutsch heimōti (11. Jahrhundert) und mittelhochdeutsch heimuot(e) „nur auf das deutsche Sprachgebiet beschränkt“ sind. Die Form Heimat begegnet seit dem 15. Jahrhundert und setzt sich im 16. Jahrhundert durch. Bis ins 17. Jahrhundert war das Wort auch sächlich: das Heimat.
Gemütlichkeit
Gemütlichkeit wird im DWDS über das Adjektiv erklärt: gemütlich heißt „behaglich, zwanglos-heiter“. Pfeifer zeichnet einen langen Bedeutungswandel nach. Mittelhochdeutsch gemüetlich meinte „angenehm“. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das Wort in pietistischen Kreisen als Gegensatz zu „verstandesmäßig“ verwendet, also für das, was das Gemüt anspricht. Daraus entstand gegen Ende des 18. Jahrhunderts die heutige Bedeutung. Das Substantiv Gemütlichkeit ist seit dem 18. Jahrhundert belegt.
Auch englische Wörterbücher verzeichnen gemutlichkeit als Wort aus dem Deutschen. Dictionary.com erklärt es mit „warm cordiality; comfortable friendliness; congeniality“. Die Umschreibung braucht drei Ausdrücke für ein Wort.
Weltschmerz
Das DWDS beschreibt Weltschmerz als Schmerz und Trauer, die jemand über die eigene Unzulänglichkeit empfindet und zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt betrachtet. Das Grimmsche Wörterbuch nennt Jean Paul als frühesten Beleg. Der Text wurde 1827 gedruckt und entstand vermutlich 1823/24:
„… diesen weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den anblick der seeligkeit, die nachher vergütet“
Gemeint ist dort Gott, der alle Qualen der Menschen sieht. Nach dem Grimmschen Wörterbuch griffen die Autoren des Jungen Deutschland das Wort als Modewort und Schlagwort auf. Nach seinem Vorbild entstanden Bildungen in anderen germanischen Sprachen, etwa niederländisch wereldsmart, schwedisch världssmärta und dänisch verdenssmerte. Das Englische übernahm daneben das deutsche Wort selbst; Dictionary.com datiert weltschmerz auf 1860–65.
Torschlusspanik
Das DWDS erklärt Torschlusspanik als „Angst, eine wichtige Angelegenheit nicht mehr oder zu spät zu erledigen“. Der Duden nennt als Beispiel, jemand heirate „aus Torschlusspanik“, also aus Furcht, keinen Partner mehr zu finden.
Das Bild stammt aus der Zeit der Stadtmauern. Das Grimmsche Wörterbuch erklärt Thorschluss als „das Schließen des (Stadt-)Thors“ und zitiert Johann Gottfried Seume, der fürchtete, man möchte das Tor von Syrakus schließen, und „so eben vor thorschlusz“ hereinkam. Sprichwörtlich bedeutete „noch vor Thorschluss“ schon damals „im letzten Augenblicke“. Die Zusammensetzung mit Panik ist im Grimmschen Wörterbuch nicht verzeichnet.
Fingerspitzengefühl, Kummerspeck, verschlimmbessern
Fingerspitzengefühl
Das DWDS erklärt das Wort knapp als „feines Gefühl, feines Verständnis“, der Duden als „Feingefühl; Einfühlungsgabe im Umgang mit Menschen und Dingen“. Das Bild der empfindlichen Fingerspitzen wird auf den Umgang mit Menschen übertragen, etwa im „politischen Fingerspitzengefühl“.
Kummerspeck
Kummerspeck ist nach dem Duden ein umgangssprachliches Wort für ein „durch vieles Essen aus Trostbedürfnis bei seelischen Problemen hervorgerufenes äußerlich sichtbares Fettpolster“. Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache verzeichnete es 1969 als scherzhaft. Die typische Verbindung lautet „Kummerspeck ansetzen“.
Verschlimmbessern
Das Verb ist eine Kreuzung aus verschlimmern und verbessern und bedeutet nach dem DWDS, „eine Sache trotz gutgemeinten Handelns verschlimmern“. Pfeifer schreibt die Prägung Georg Christoph Lichtenberg zu (zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts). Das Substantiv Verschlimmbesserung folgt Mitte des 19. Jahrhunderts.
Wie übersetzt man solche Wörter?
Die Beispiele in diesem Beitrag zeigen vier Wege, auf denen andere Sprachen mit diesen Wörtern umgehen:
- Umschreiben: Das Englische erklärt Gemütlichkeit mit „warm cordiality; comfortable friendliness“, Torschlusspanik lässt sich als „fear of missing the last chance“ wiedergeben. Der Inhalt geht nicht verloren, nur die Kürze.
- Übernehmen: Englisch schadenfreude, weltschmerz und gemutlichkeit stehen als Wörter aus dem Deutschen in englischen Wörterbüchern.
- Anpassen: Das Polnische hat Feierabend an die eigene Aussprache und Schreibung angepasst: fajrant.
- Glied für Glied nachbilden: Niederländisch wereldsmart, schwedisch världssmärta und dänisch verdenssmerte bilden Weltschmerz mit eigenen Wörtern nach, wie das Grimmsche Wörterbuch festhält.
Auch im Deutschen selbst haben sich die Bedeutungen verschoben. Mittelhochdeutsch vīrābent war der Vorabend eines Festes, nicht das Ende des Arbeitstages. Gemütlich bedeutete lange „angenehm“, bevor es im 18. Jahrhundert seine heutige Färbung bekam. Wer ein „unübersetzbares“ Wort erklären will, muss also auch seine Geschichte kennen.
Ein weiteres oft genanntes Beispiel ist Zeitgeist. Pfeifer datiert es auf Johann Gottfried Herder (1769); das Englische hat es als zeitgeist übernommen.
Übersicht: Bedeutung und Herkunft
| Wort | Bedeutung | Herkunft, Erstbeleg |
|---|---|---|
| Schadenfreude | Freude am Unglück anderer | 16. Jh. (Pfeifer) |
| Feierabend | Arbeitsschluss; Zeit danach | heutige Bedeutung 16. Jh.; mhd. vīrābent „Vorabend eines Festes“ |
| Heimat | Ort, wo man zu Hause ist | ahd. heimōti, 11. Jh. |
| Gemütlichkeit | Behaglichkeit, zwanglose Heiterkeit | 18. Jh. |
| Weltschmerz | Schmerz über die Unzulänglichkeit der Welt | Jean Paul, gedruckt 1827 |
| Torschlusspanik | Angst, etwas zu versäumen | zu Torschluss „Schließen der Stadttore“ |
| Fernweh | Sehnsucht nach der Ferne | Gegenbildung zu Heimweh; keine Datierung in DWDS und Duden |
| Fingerspitzengefühl | Feingefühl | keine Datierung in DWDS und Duden |
| Kummerspeck | Fettpolster durch Kummeressen | im Wörterbuch der Gegenwartssprache 1969 |
| verschlimmbessern | durch Verbessern verschlechtern | Lichtenberg, 2. Hälfte 18. Jh. |
Wer diese Wörter so sehen will, wie sie in alten Büchern gedruckt wurden, kann sie im Schriftstudio in Fraktur setzen. Weitere alte und seltene Wörter stellt der Beitrag Vergessene deutsche Wörter vor.
Häufige Fragen
- Gibt es wirklich unübersetzbare deutsche Wörter?
- Nein, nicht im wörtlichen Sinn. Jedes dieser Wörter lässt sich umschreiben. „Unübersetzbar“ heißt nur, dass die Zielsprache kein einzelnes Wort mit genau derselben Bedeutung hat.
- Was bedeutet Schadenfreude?
- Das DWDS definiert Schadenfreude als „Vergnügen an dem Missgeschick, Unglück eines anderen“. Das Wort ist seit dem 16. Jahrhundert belegt und wurde ins Englische übernommen.
- Woher kommt das Wort Weltschmerz?
- Laut Grimmschem Wörterbuch taucht es zuerst bei Jean Paul auf, in einem 1827 gedruckten Text. Die Schriftsteller des Jungen Deutschland machten es zum Modewort.
- Was ist Torschlusspanik?
- Die Angst, etwas Entscheidendes zu versäumen oder zu spät zu erledigen. Das Wort geht auf den Torschluss zurück, das abendliche Schließen der Stadttore.
- Was heißt Feierabend auf Englisch?
- Es gibt kein gleichwertiges Einzelwort. Man umschreibt es etwa mit „end of the working day“ oder „after work“. Im Polnischen wurde das Wort als „fajrant“ übernommen.
- Wer hat das Wort verschlimmbessern erfunden?
- Nach dem Etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer wurde es von Georg Christoph Lichtenberg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geprägt.