Rechtschreibung und Zeichen · · 7 Minuten Lesezeit

Das ß: Herkunft, Regeln und das große ẞ

Das ß ist ein Buchstabe, den von den Sprachen mit lateinischer Schrift heute nur das Deutsche verwendet. Es ist aus einer Verbindung zweier Buchstaben entstanden, folgt seit 1996 neuen Regeln und hat seit 2008 einen eigenen Großbuchstaben: das ẞ.

Woher kommt das ß?

Das ß ist eine LigaturLigatur: Zwei oder mehr Buchstaben, die zu einem einzigen Zeichen verbunden sind., die zu einem eigenen Buchstaben wurde. Welche Buchstaben darin stecken, ist nicht abschließend geklärt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) nennt zwei Erklärungen:

  • ſ + z: In den gebrochenen Schriften wie der FrakturFraktur: Gebrochene Druckschrift, die im deutschen Sprachraum rund 400 Jahre lang die übliche Schrift für Bücher und Zeitungen war. verband sich das lange ſ mit einem z, das eine Unterlänge hat (ʒ). Darauf deutet auch der Name „Eszett“.
  • ſ + s: In der Antiqua gilt das ß als Verbindung aus langem ſ und rundem s. Die Universität Jena beschreibt diese Ligatur als Form der humanistischen Kursivschriften, aus der sich die heutige Antiquaform entwickelt habe.

Eine dritte Vermutung, das ß sei ein lateinisches Abkürzungszeichen gewesen, ist nach der GfdS nicht belegt. Die Schweizerische Bundeskanzlei führt das Zeichen auf das Althochdeutsche zurück: Durch die zweite Lautverschiebung wurde aus t in bestimmten Stellungen ein s-Laut, in anderen ein ts-Laut. Beide schrieb man zunächst zz. Manche Schreiber unterschieden später sz für den s-Laut und tz für den ts-Laut. In den gebrochenen Schriften seien ſ und ʒ dann zum ß verschmolzen.

Die ältesten Belege

Rennie Wyß nennt als frühen Beleg eine Handschrift des Heldenepos „Wolfdietrich“ um 1300 und schreibt ausdrücklich, die Ligatur „soll“ dort belegt sein. Die Zürcher Germanistin Christa Dürscheid wird mit der Aussage zitiert, das ß lasse sich bis in Dokumente des späten 13. Jahrhunderts zurückverfolgen. Im 15. Jahrhundert kam das Zeichen in den Buchdruck mit gebrochenen Schriften. In der Antiqua erscheint die Ligatur aus ſ und s nach Wyß 1522 im Schreiblehrbuch des Ludovico degli Arrighi in Rom. Außerhalb des deutschen Sprachraums setzte sie sich nicht durch.

Eszett oder scharfes s: der Name

Beide Namen sind richtig. Nach der GfdS sagt man in Nord- und Mitteldeutschland meist „Eszett“, in Süddeutschland und Österreich „scharfes S“. Daneben gibt es Umgangsnamen wie Buckel-S, Rucksack-S oder Ringel-S. In der Schweiz hört man auch „Doppel-S“, was die GfdS als missverständlich bezeichnet. Der Unicode-Standard führt den Buchstaben unter dem Namen LATIN SMALL LETTER SHARP S mit dem Beinamen „Eszett“.

Das ß in Fraktur und Antiqua

Solange Deutsch überwiegend in Fraktur gedruckt wurde, war das ß dort selbstverständlich. Für die Antiqua fehlte lange eine feste Form. Nach der Bundeskanzlei gab man das scharfe s im Antiquasatz des 19. Jahrhunderts meist mit ss oder sz wieder. Das eigentliche ß kam im Antiquasatz erst im späten 19. Jahrhundert auf. Mit der Vereinheitlichung der Rechtschreibung 1901 galten die beiden ursprünglich verschiedenen Zeichen als ein Buchstabe. Schriftgießereien mussten nun auch Antiquaschriften mit ß liefern.

Jacob Grimm schrieb zeitweise sz statt ß. Nach der GfdS begründete er das unter anderem damit, dass man so ganze Wörter in Großbuchstaben setzen könne, etwa STRASZE.

ß oder ss: die Regeln vor und nach 1996

Über die Verteilung von s, ss und ß wurde im 18. und 19. Jahrhundert lange gestritten. Zwei Regeln prägten die Diskussion. Sie sind nach dem Sprachgelehrten Johann Christoph Adelung und nach dem Schulmann Johann Christian August Heyse (1764–1829) benannt. Heyse war Gymnasiallehrer und Verfasser von Schulgrammatiken; seine „Theoretisch-praktische deutsche Grammatik“ erschien 1814.

Die Regel nach Adelung (bis 1996)

Nach der älteren Regel stand ß am Wortende und am Ende von Wortteilen, auch nach kurzem Vokal. Nur zwischen zwei Vokalen richtete sich die Schreibung nach der Aussprache: nach langem Vokal ß, nach kurzem ss. So erklärt es Rennie Wyß mit Beispielen wie Schluß, Nußbaum, eßbar, aber essen und Pässe. Michael Schneider (Universität Marburg) führt die im 20. Jahrhundert übliche Verteilung von ss und ß auf Johann Christoph Gottsched zurück.

Die Regel nach Heyse (seit 1996)

Die Regel nach Heyse richtet sich nur nach der Länge des Vokals. In Österreich war sie vor 1901 bereits in Gebrauch; die Orthographische Konferenz von 1901 übernahm sie nicht. Erst die Reform von 1996 führte sie für den ganzen Sprachraum ein. Das heutige Regelwerk sagt in § 25:

Für das scharfe (stimmlose) [s] nach langem Vokal oder Diphthong wird ß geschrieben, wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt.
Amtliches Regelwerk der deutschen Rechtschreibung, Fassung 2024, § 25

Als Ausnahme nennt § 25 das Wort aus. Nach kurzem Vokal wird nach § 2 der Konsonant verdoppelt, also ss. Wechselt die Vokallänge innerhalb einer Wortfamilie, wechselt auch die Schreibung: fließen – floss – Fluss – Floß.

Bis 1996 (Adelung)Seit 1996 (Heyse)Grund
daßdasskurzer Vokal
FlußFlusskurzer Vokal
mißverstehenmissverstehenkurzer Vokal
StraßeStraßelanger Vokal
heißenheißenDoppellaut
FußFußlanger Vokal

Für Texte in Fraktur ist wichtig, welche der beiden Regeln gilt, denn danach richtet sich auch der Gebrauch des langen ſ. Mehr dazu im Beitrag über das lange s. Den größeren Zusammenhang behandelt der Beitrag über die Rechtschreibreformen.

Warum gibt es in der Schweiz kein ß?

Das amtliche Regelwerk erlaubt in § 25 E2: „In der Schweiz und in Liechtenstein kann immer ss geschrieben werden: Straße – Strasse.“ Für die Schweizer Bundesverwaltung ist das Pflicht. Ihr Leitfaden zur Rechtschreibung weicht hier ausdrücklich vom Regelwerk ab: Man schreibt ss und trennt zwischen den beiden s, etwa Stras-se.

Die Entwicklung verlief nach den Quellen schrittweise:

  • Das Bundesblatt der Eidgenossenschaft verwendete das ß noch im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.
  • 1938 beschloss der Kanton Zürich, das ß in den Schulen nicht mehr zu lehren. Nach Wyß blieb sein Gebrauch aber zulässig.
  • Als letzte Schweizer Tageszeitung verzichtete die Neue Zürcher Zeitung am 4. November 1974 auf das ß.

Für die Ursache gibt es verschiedene Erklärungen. Christa Dürscheid nennt die Vermutung, das ß sei auf der Schweizer Schreibmaschinentastatur eingespart worden, weil Französisch und Italienisch es nicht brauchen. Der Sprachwissenschaftler Peter Gallmann hält das für einen vorgeschobenen Grund. Er verweist darauf, dass im Schweizer Deutsch das Doppel-s nicht wie in Deutschland an einen kurzen Vokal gebunden ist. Verwechslungen sind selten. Die Bundeskanzlei nennt als Beispiele Masse und Maße, Busse und Buße sowie Flosse und Floße.

Das große ẞ

Weil ein Wort nie mit ß beginnt, brauchte man lange keinen Großbuchstaben. Schwierig wurde es nur bei Wörtern in Großbuchstaben. Nach der GfdS empfahl die Regelung von 1901 dafür SZ. Der Duden stellte 1941 in seiner 12. Auflage, der letzten in Fraktur, auf SS um.

Unicode 2008

Am 4. April 2008 erschien die Version 5.1 des Unicode-Standards. Sie enthält das Zeichen U+1E9E LATIN CAPITAL LETTER SHARP S, ausdrücklich „for use in German“. Unicode legt aber fest, dass die Standardumwandlung von ß in Großbuchstaben weiterhin „SS“ ergibt. Das ẞ ist nach dem Standard für besondere Fälle gedacht, etwa für Ladenschilder oder Buchtitel in Großbuchstaben.

Amtlich seit 2017

Am 29. Juni 2017 gab der Rat für deutsche Rechtschreibung eine aktualisierte Fassung des Regelwerks bekannt. Die zuständigen Stellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Südtirol und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens hatten sie bestätigt. Die Änderungen lassen den Großbuchstaben ẞ neben SS zu. Der Rat nannte als Grund vor allem die korrekte Schreibung von Namen in Pässen und Ausweisen. Die Schreibung mit SS bleibt erlaubt.

Seit 2024 führt das Regelwerk das ẞ sogar im Alphabet auf: Jeder Buchstabe existiere „als Kleinbuchstabe und als Großbuchstabe“, und zu ß gehört ẞ. In § 25 E3 heißt es: „Straße – STRAẞE – STRASSE“.

Wie gibt man ß und ẞ am Computer ein?

Das kleine ß hat auf deutschen Tastaturen eine eigene Taste. Steht es nicht zur Verfügung, schreibt man nach § 25 E2 des Regelwerks ss. Für das große ẞ gibt es auf den meisten Tastaturen keine eigene Taste.

ZeichenUnicodeHinweis
ßU+00DFeigene Taste auf deutschen Tastaturen
ẞU+1E9Eüber Zeichentabelle oder Unicode-Eingabe

Nach einem Bericht von PC Games Hardware aus dem Jahr 2017 lag das ẞ auf Tastaturen nach der erweiterten Norm DIN 2137 (Belegung T2) auf der Kombination AltGr + H. Solche Tastaturen waren damals selten. Ob eine Schrift das ẞ enthält, hängt von der Schrift ab. Keine der historischen Schriften auf dieser Website enthält es; als sie entstanden, gab es das Zeichen noch nicht. Im Schriftenstudio lässt sich ausprobieren, wie das kleine ß in alten Schriften aussieht.

Häufige Fragen

Wann schreibt man ß und wann ss?
Nach heutiger Rechtschreibung steht ß nach langem Vokal oder Doppellaut, wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt: Straße, groß, heißen. Nach kurzem Vokal steht ss: Fluss, dass, Kuss.
Gibt es ein großes ß?
Ja. Das große ẞ steht seit 2008 im Unicode-Standard (U+1E9E). Seit 2017 erlaubt das amtliche Regelwerk bei Großschreibung wahlweise ẞ oder SS, also STRAẞE oder STRASSE.
Warum gibt es in der Schweiz kein ß?
Das ß verschwand in der Schweiz im 20. Jahrhundert schrittweise aus Schule und Presse. Die Neue Zürcher Zeitung gab es als letzte große Tageszeitung 1974 auf. Das amtliche Regelwerk erlaubt in der Schweiz und in Liechtenstein, immer ss zu schreiben.
Woher kommt das ß?
Es ist aus einer Ligatur entstanden. Diskutiert werden zwei Vorlagen: langes ſ mit z in den gebrochenen Schriften und langes ſ mit rundem s in der Antiqua. Die Forschung hält die Frage nicht für endgültig geklärt.
Heißt es Eszett oder scharfes s?
Beides ist richtig. Nach der Gesellschaft für deutsche Sprache ist Eszett in Nord- und Mitteldeutschland üblich, scharfes S in Süddeutschland und Österreich.

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