Rechtschreibung und Zeichen · · 7 Minuten Lesezeit
Umlaute: Woher die Punkte auf ä, ö und ü kommen
Das Wort Umlaut hat zwei Bedeutungen: einen Lautwandel in der Geschichte des Deutschen und die zwei Punkte über ä, ö und ü. Die Punkte gehen auf ein kleines e zurück, das Schreiber über den Vokal setzten.
Was ist ein Umlaut? Der Lautwandel
Das DWDS beschreibt den Umlaut als Lautwandel, bei dem ein hinterer Vokal zu einem vorderen wird, ursprünglich unter dem Einfluss eines Lautes wie i in der folgenden Silbe. In der Sprachgeschichte heißt dieser Vorgang i-Umlauti-Umlaut: Lautwandel, bei dem ein i oder j in der Folgesilbe den betonten Vokal davor an sich angleicht..
Jan Henning Schulze (Universität Bamberg) erklärt ihn so: Die Stammvokale werden an ein unbetontes i oder j der Folgesilbe teilweise angeglichen. Man unterscheidet zwei Stufen:
- Primärumlaut: kurzes a wird zu e. Er ist schon in frühen althochdeutschen Texten zu sehen: gast – gesti (Gast – Gäste), faru – feris (ich fahre – du fährst), kraft – kreftīg (Kraft – kräftig).
- Sekundärumlaut: die übrigen hinteren Vokale. Er wird erst in mittelhochdeutschen Texten geschrieben: swāri wird zu swære (schwer), rōtī zu rœte (Röte), sūrī zu siure (Säure).
Das i der Endung ist in den meisten Wörtern längst verschwunden, der veränderte Vokal ist geblieben. Deshalb trägt heute oft der Umlaut grammatische Information, etwa den Plural in Gast – Gäste oder Mutter – Mütter.
Umlaut in der heutigen Rechtschreibung
Das amtliche Regelwerk nutzt den Umlaut, um Verwandtschaft sichtbar zu machen. Nach § 13 schreibt man für kurzes [ɛ] ä statt e, wenn es eine Grundform mit a gibt: Bänder wegen Band, Kälte wegen kalt. Nach § 16 gilt dasselbe für äu: Häuser wegen Haus. Einige Wörter sind Ausnahmen, etwa März und Lärm mit ä ohne Grundform oder Eltern mit e trotz alt.
Woher kommen die Pünktchen? Vom e zu den Punkten
Das lateinische Alphabet hatte keine Buchstaben für die neuen Laute. Schreiber halfen sich mit einem e: entweder nach dem Vokal oder klein über ihm. Peter Wiesinger beschreibt in einer Untersuchung bairischer Handschriften des 15. Jahrhunderts, dass schon im Mittelhochdeutschen ü, ö und oe mit übergesetztem e bezeichnet wurden:
… mit übergesetztem e bezeichnet, aus dem sich dann vielfach das ebenfalls schon oben beschriebene Trema entwickelte.
Wiesinger beschreibt dieses Trema als zwei schräg gestellte Punkte, die sich aus dem übergeschriebenen e entwickelt haben. Manche Schreiber zogen die beiden Punkte zu einem Strich zusammen, der wie ein Akzent aussieht. Viele ließen das Zeichen auch weg. Dann war in der Schrift kein Unterschied zwischen Grundvokal und Umlaut zu sehen.
Michael Schneider (Universität Marburg) fasst die Entwicklung für das 15. und 16. Jahrhundert so zusammen: Die Umlaute erhielten endgültig eigene Zeichen, zunächst den Vokal mit darübergestelltem kleinem e, später ä, ö und ü.
Gesprochen anders als geschrieben
Wiesinger zeigt auch, dass Schreibung und Aussprache früh auseinandergingen. Im Bairischen wurden die gerundeten Umlaute ü und ö ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in der Mundart entrundet, also wie i und e gesprochen. Die Schreiber behielten trotzdem die traditionellen Schreibungen bei. Ließen sie das Umlautzeichen weg, war der Umlaut in der Schrift nicht mehr zu erkennen. Im Ostmittelbairischen entstanden so, zusammen mit mundartlichen a-Schreibungen, Formen, die Wiesinger „befremdend“ nennt: taten für „töten“ oder pas für „böse“.
Das übergeschriebene e im Druck
In vielen alten Drucken steht das kleine e noch über dem Vokal: aͤ, oͤ, uͤ. Das Deutsche Textarchiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, das historische Drucke digitalisiert, unterscheidet deshalb bei der Abschrift zwischen den heutigen Umlautbuchstaben und Vokalen mit übergeschriebenem e. Für dieses kleine e gibt es im Unicode-Standard ein eigenes Zeichen: U+0364 COMBINING LATIN SMALL LETTER E.
| Form | Wo | Beispiel |
|---|---|---|
| e nach dem Vokal | Handschriften, Ersatzschreibung | Muele, Baeume |
| kleines e über dem Vokal | Handschriften, frühe Drucke | Muͤle, Baͤume |
| zwei Striche oder Punkte | Handschriften, Kurrent | Mühle, Bäume |
| zwei Punkte | heutiger Druck | Mühle, Bäume |
Umlaute in der Kurrentschrift
In der deutschen Schreibschrift, der KurrentKurrent: Die alte deutsche Schreibschrift, mit der bis ins 20. Jahrhundert Briefe, Urkunden und Kirchenbücher geschrieben wurden., sehen sich manche Buchstaben sehr ähnlich. Das kleine u gleicht dem n. Deshalb erhält das u in Kurrent einen Bogen darüber, der nach unten geöffnet ist. Margarete Mücke weist in ihrem Schreibkurs darauf hin, dass dieser Bogen in alten Handschriften manchmal wie ein kleiner Kreis aussieht. Beim ü, so Mücke, sind die beiden Umlautpunkte sehr wichtig. Wer sie übersieht, liest leicht ein u oder sogar ein n.
Wer alte Briefe oder Kirchenbücher liest, sollte daher genau auf die Zeichen über dem Buchstaben achten. Übungen dazu bietet die Seite Alte Schriften lesen lernen, mehr zur Schrift selbst der Beitrag über Sütterlin und Kurrent.
Umlaute im Alphabet und beim Sortieren
Das amtliche Regelwerk führt ä, ö und ü in seiner Liste der Buchstaben nach dem z auf, zusammen mit ß. Für die Reihenfolge gilt aber: „Die Umlautbuchstaben ä, ö, ü werden im Folgenden mit den Buchstaben a, o, u zusammen eingeordnet.“ Als Umlaute bezeichnet es „die durch die Buchstaben ä, ö und ü wiedergegebenen Laute“.
Wichtig ist der Umlaut für das sogenannte StammprinzipStammprinzip: Rechtschreibgrundsatz, nach dem verwandte Wörter möglichst gleich geschrieben werden.: Die Schreibung eines Wortstamms soll in verwandten Wörtern gleich bleiben. Das Regelwerk nennt den Umlaut ausdrücklich als eine der Arten, wie sich ein Stamm verändern kann, mit Beispielen wie Hand – Hände, Not – nötig, Kunst – Künstler und rauben – Räuber. Wer das verwandte Wort kennt, kann deshalb oft ableiten, ob ä oder e richtig ist.
ae, oe, ue: Umlaute ersetzen
Die Schreibung mit e nach dem Vokal wird heute als Ersatz verwendet, wenn die Umlautbuchstaben fehlen, etwa auf Tastaturen ohne ä, ö und ü oder in Systemen, die nur die Grundbuchstaben kennen. Ein Beispiel ist der maschinenlesbare Teil von Reisepässen. Die Norm ICAO Doc 9303 der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation empfiehlt dort:
| Buchstabe | Empfohlene Umschrift (ICAO 9303) |
|---|---|
| Ä | AE oder A |
| Ö | OE oder O |
| Ü | UE, UXX oder U |
Beim Ersetzen gilt eine Vorsicht: Nicht jedes ae, oe oder ue ist ein Umlaut. In Wörtern wie Aerobic, Poet oder Duell stehen zwei getrennte Vokale. Wer ae, oe und ue automatisch zurückverwandelt, erzeugt hier Fehler.
Umlaut und Trema in anderen Sprachen
Die zwei Punkte gibt es in vielen Sprachen, aber nicht überall mit derselben Aufgabe. Man unterscheidet:
- Umlaut: Die Punkte zeigen einen veränderten Vokal an, wie im Deutschen.
- TremaTrema: Zwei Punkte über einem Vokal, die anzeigen, dass er getrennt vom vorhergehenden Vokal gesprochen wird. (Diärese): Die Punkte zeigen an, dass zwei Vokale getrennt gesprochen werden. Das flämische Sprachberatungsamt nennt Beispiele aus dem Niederländischen wie reëel, coördinatie und druïde. Im Englischen gibt es die Schreibung naïve.
Der Unicode-Standard unterscheidet die beiden nicht. Das Zeichen U+0308 COMBINING DIAERESIS steht nach dem Standard für Diärese, Trema und Umlaut zugleich. Solche Mehrfachbedeutungen werden „nicht separat codiert“. Ein ä ist im Computer also dasselbe Zeichen, ob es einen deutschen Umlaut oder ein Trema darstellt.
Manche englischsprachigen Bands der Hard-Rock- und Metal-Szene schreiben ihren Namen mit Umlaut, etwa Motörhead oder Mötley Crüe. Die Zeitung The Local hält fest, dass die Punkte dort keine sprachliche Funktion haben, sondern nur der Wirkung dienen.
Umlaut-Domains: Umlaute im Internet
Im November 2003 kündigten die Vergabestellen für .de (DENIC), .ch (SWITCH) und .at (nic.at) an, ab dem 1. März 2004 auch Domains mit Umlauten und anderen Sonderbuchstaben zu registrieren. Nach The Register kamen damit 92 zusätzliche Zeichen hinzu. Ausgenommen blieb zunächst das ß, weil es nach dem damaligen Standard als gleichwertig mit ss galt. Mehr zum ß im Beitrag über das Eszett.
Fachlich heißen solche Adressen IDNIDN: Internationalisierter Domainname: eine Internetadresse mit Buchstaben außerhalb des englischen Grundalphabets.. Ein Rechtsbericht der Kanzlei Gleiss Lutz vom Dezember 2003 bestätigt das Startdatum und nennt neben Umlauten auch andere Sonderzeichen.
Häufige Fragen
- Woher kommen die Punkte auf ä, ö und ü?
- Aus einem kleinen e, das man über den Vokal schrieb. In Handschriften wurde dieses e zu zwei Strichen oder Punkten verkürzt. In frühen Drucken steht oft noch das übergeschriebene e.
- Darf man ae, oe und ue statt ä, ö und ü schreiben?
- Als Ersatz, wenn die Umlautbuchstaben fehlen, ist das üblich. In maschinenlesbaren Pässen sieht die ICAO-Norm 9303 zum Beispiel AE, OE und UE oder A, O und U vor.
- Was ist der Unterschied zwischen Umlaut und Trema?
- Beide sehen gleich aus. Der Umlaut bezeichnet einen veränderten Vokal, das Trema zeigt an, dass zwei Vokale getrennt gesprochen werden, etwa im niederländischen ruïne. Unicode codiert beide mit demselben Zeichen U+0308.
- Seit wann gibt es Domains mit Umlauten?
- Unter der Endung .de können Domains mit Umlauten seit dem 1. März 2004 registriert werden. Die Vergabestellen für .ch und .at führten sie zur gleichen Zeit ein.
- Was ist der i-Umlaut?
- Ein Lautwandel im Althochdeutschen: Ein i oder j in der folgenden Silbe färbte den Vokal davor um. So wurde aus dem Plural gasti die Form gesti, heute Gäste.