Rothkäppchen
Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Nr. 26 (Ausgabe 1857) · Märchen · Fortgeschritten
Originale Rechtschreibung von 1857.
Andere Schrift wählen
Gotische Buchschriften des Mittelalters
Druckschriften der Renaissance
Gebrochene Schriften des 18. und 19. Jahrhunderts
Jugendstil und Reformschriften um 1900
Kunstschriften 1910–1940
Handschriften
Schulschriften
Es war einmal eine kleine ſüße Dirne, die hatte jedermann lieb, der ſie nur anſah, am allerliebſten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht was ſie alles dem Kinde geben ſollte. Einmal ſchenkte ſie ihm ein Käppchen von rothem Sammet, und weil ihm das ſo wohl ſtand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rothkäppchen. Eines Tages ſprach ſeine Mutter zu ihm „komm, Rothkäppchen, da haſt du ein Stück Kuchen und eine Flaſche Wein, bring das der Großmutter hinaus; ſie iſt krank und ſchwach und wird ſich daran laben. Mach dich auf bevor es heiß wird, und wenn du hinaus kommſt, ſo geh hübſch ſittſam und lauf nicht vom Weg ab, ſonſt fällſt du und zerbrichſt das Glas und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommſt, ſo vergiß nicht guten Morgen zu ſagen und guck nicht erſt in alle Ecken herum.“
„Ich will ſchon alles gut machen“ ſagte Rothkäppchen zur Mutter, und gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rothkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rothkäppchen aber wußte nicht was das für ein böſes Thier war und fürchtete ſich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rothkäppchen,“ ſprach er. „Schönen Dank, Wolf.“ „Wo hinaus ſo früh, Rothkäppchen?“ „Zur Großmutter.“ „Was trägſt du unter der Schürze?“ „Kuchen und Wein: geſtern haben wir gebacken, da ſoll ſich die kranke und ſchwache Großmutter etwas zu gut thun, und ſich damit ſtärken.“ „Rothkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ „Noch eine gute Viertelſtunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da ſteht ihr Haus, unten ſind die Nußhecken, das wirſt du ja wiſſen“ ſagte Rothkäppchen. Der Wolf dachte bei ſich „das junge zarte Ding, das iſt ein fetter Biſſen, der wird noch beſſer ſchmecken als die Alte: du mußt es liſtig anfangen, damit du beide erſchnappſt.“ Da gieng er ein Weilchen neben Rothkäppchen her, dann ſprach er „Rothkäppchen, ſieh einmal die ſchönen Blumen, die rings umher ſtehen, warum guckſt du dich nicht um? ich glaube du hörſt gar nicht, wie die Vöglein ſo lieblich ſingen? du gehſt ja für dich hin als wenn du zur Schule giengſt, und iſt ſo luſtig haußen in dem Wald.“
Rothkäppchen ſchlug die Augen auf, und als es ſah wie die Sonnenſtrahlen durch die Bäume hin und her tanzten, und alles voll ſchöner Blumen ſtand, dachte es „wenn ich der Großmutter einen friſchen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es iſt ſo früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,“ lief vom Wege ab in den Wald hinein und ſuchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es weiter hinaus ſtände eine ſchönere, und lief darnach, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber gieng geradeswegs nach dem Haus der Großmutter, und klopfte an die Thüre. „Wer iſt draußen?“ „Rothkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.“ „Drück nur auf die Klinke,“ rief die Großmutter, „ich bin zu ſchwach und kann nicht aufſtehen.“ Der Wolf drückte auf die Klinke, die Thüre ſprang auf und er gieng, ohne ein Wort zu ſprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verſchluckte ſie. Dann that er ihre Kleider an, ſetzte ihre Haube auf, legte ſich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.
Rothkäppchen aber war nach den Blumen herum gelaufen, und als es ſo viel zuſammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, el ihm die Großmutter wieder ein und es machte ſich auf den Weg zu ihr. Es wunderte ſich daß die Thüre aufſtand, und wie es in die Stube trat, ſo kam es ihm ſo ſeltſam darin vor, daß es dachte „ei, du mein Gott, wie ängſtlich wird mirs heute zu Muth, und bin ſonſt ſo gerne bei der Großmutter!“ Es rief „guten Morgen,“ bekam aber keine Antwort. Darauf gieng es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter, und hatte die Haube tief ins Geſicht geſetzt und ſah ſo wunderlich aus. „Ei, Großmutter, was haſt du für große Ohren!“ „Daß ich dich beſſer hören kann.“ „Ei, Großmutter, was haſt du für große Augen!“ „Daß ich dich beſſer ſehen kann.“ „Ei, Großmutter, was haſt du für große Hände!“ „Daß ich dich beſſer packen kann.“ „Aber, Großmutter, was haſt du für ein entſetzlich großes Maul!“ „Daß ich dich beſſer freſſen kann.“ Kaum hatte der Wolf das geſagt, ſo that er einen Satz aus dem Bette und verſchlang das arme Rothkäppchen.
Wie der Wolf ſein Gelüſten geſtillt hatte, legte er ſich wieder ins Bett, ſchlief ein und eng an überlaut zu ſchnarchen. Der Jäger gieng eben an dem Haus vorbei und dachte „wie die alte Frau ſchnarcht, du mußt doch ſehen ob ihr etwas fehlt.“ Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, ſo ſah er daß der Wolf darin lag. „Finde ich dich hier, du alter Sünder,“ ſagte er, „ich habe dich lange geſucht.“ Nun wollte er ſeine Büchſe anlegen, da el ihm ein der Wolf könnte die Großmutter gefreſſen haben, und ſie wäre noch zu retten: ſchoß nicht, ſondern nahm eine Scheere und eng an dem ſchlafenden Wolf den Bauch aufzuſchneiden. Wie er ein paar Schnitte gethan hatte, da ſah er das rothe Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da ſprang das Mädchen heraus und rief „ach, wie war ich erſchrocken, wie wars ſo dunkel in dem Wolf ſeinem Leib!“ Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum athmen. Rothkäppchen aber holte geſchwind große Steine, damit füllten ſie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortſpringen, aber die Steine waren ſo ſchwer, daß er gleich niederſank und ſich todt el.
Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und gieng damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein den Rothkäppchen gebracht hatte, und erholte ſich wieder, Rothkäppchen aber dachte „du willſt dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.“
Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rothkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugeſprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rothkäppchen aber hütete ſich und gieng gerade fort ſeines Wegs und ſagte der Großmutter daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünſcht, aber ſo bös aus den Augen geguckt hätte: „wenns nicht auf offner Straße geweſen wäre, er hätte mich gefreſſen.“ „Komm,“ ſagte die Großmutter, „wir wollen die Thüre verſchließen, daß er nicht herein kann.“ Bald darnach klopfte der Wolf an und rief „mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie ſchwiegen aber ſtill und machten die Thüre nicht auf: da ſchlich der Graukopf etlichemal um das Haus, ſprang endlich aufs Dach und wollte warten bis Rothkäppchen Abends nach Haus gienge, dann wollte er ihm nachſchleichen und wollts in der Dunkelheit freſſen. Aber die Großmutter merkte was er im Sinn hatte. Nun ſtand vor dem Haus ein großer Steintrog, da ſprach ſie zu dem Kind „nimm den Eimer, Rothkäppchen, geſtern hab ich Würſte gekocht, da trag das Waſſer, worin ſie gekocht ſind, in den Trog.“ Rothkäppchen trug ſo lange, bis der große große Trog ganz voll war. Da ſtieg der Geruch von den Würſten dem Wolf in die Naſe, er ſchnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals ſo lang, daß er ſich nicht mehr halten konnte, und aneng zu rutſchen: ſo rutſchte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rothkäppchen aber gieng fröhlich nach Haus, und that ihm niemand etwas zu Leid.
Fragen zum Text
Weiterüben
Mit Lesehilfe Wörter antippen – daraus entsteht eine Übung.
Lesezeit messen
Textgrundlage
- Brüder Grimm: Rothkäppchen. In: Kinder- und Haus-Märchen, 7. Aufl. (Ausgabe letzter Hand). Göttingen: Dieterich, 1857 (KHM 26). Link