Hänsel und Grethel
Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Nr. 15 (Ausgabe 1857) · Märchen · Kenner
Originale Rechtschreibung von 1857.
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Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhaer mit ſeiner Frau und ſeinen zwei Kindern; das Büben hieß Hänſel und das Mäden Grethel. Er hae wenig zu beißen und zu breen, und einmal, als große Theuerung ins Land kam, konnte er au das tägli Brot nit mehr affen. Wie er nun Abends im Bee Gedanken mate und vor Sorgen herum wälzte, ſeufzte er und ſpra zu ſeiner Frau „was ſo aus uns werden? wie können wir unſere armen Kinder ernähren, da wir für uns ſelbſt nits mehr haben?“ „Weißt du was, Mann,“ antwortete die Frau, „wir woen Morgen in aer Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am diſten iſt: da maen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem no ein Stüen Brot, dann gehen wir an unſere Arbeit und laen e aein. Sie finden den Weg nit wieder na Haus und wir nd e los.“ „Nein, Frau,“ ſagte der Mann, „das thue i nit; wie ſot is übers Herz bringen meine Kinder im Walde aein zu laen, die wilden Thiere würden bald kommen und e zerreißen.“ „O du Narr,“ ſagte e, „dann müen wir ae viere Hungers ſterben, du kannſt nur die Breer für die Särge hobelen,“ und ließ ihm keine Ruhe bis er einwiigte. „Aber die armen Kinder dauern mi do“ ſagte der Mann.
Die zwei Kinder haen vor Hunger au nit einlafen können und haen gehört was die Stiefmuer zum Vater geſagt hae. Grethel weinte biere Thränen und ſpra zu Hänſel „nun iſts um uns geehen.“ „Sti, Grethel,“ ſpra Hänſel, „gräme di nit, i wi uns on helfen.“ Und als die Alten eingelafen waren, ſtand er auf, zog ſein Rölein an, mate die Unterthüre auf und li hinaus. Da ien der Mond ganz hee, und die weißen Kieſelſteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Baen. Hänſel büte und ſtete ſo viel in ſein Rotälein, als nur hinein woten. Dann gieng er wieder zurü, ſpra zu Grethel „ſei getroſt, liebes Sweſteren und laf nur ruhig ein, Go wird uns nit verlaen,“ und legte wieder in ſein Be.
Als der Tag anbra, no ehe die Sonne aufgegangen war, kam on die Frau und wete die beiden Kinder, „ſteht auf, ihr Fauenzer, wir woen in den Wald gehen und Holz holen.“ Dann gab e jedem ein Stüen Brot und ſpra „da habt ihr etwas für den Miag, aber eßts nit vorher auf, weiter kriegt ihr nits.“ Grethel nahm das Brot unter die Sürze, weil Hänſel die Steine in der Tae hae. Dana maten e ae zuſammen auf den Weg na dem Wald. Als e ein Weilen gegangen waren, ſtand Hänſel ſti und gute na dem Haus zurü und that das wieder und immer wieder. Der Vater ſpra „Hänſel, was guſt du da und bleibſt zurü, hab At und vergiß deine Beine nit.“ „A, Vater,“ ſagte Hänſel, „i ſehe na meinem weißen Käen, das t oben auf dem Da und wi mir Ade ſagen.“ Die Frau ſpra „Narr, das iſt dein Käen nit, das iſt die Morgenſonne, die auf den Sornſtein eint.“ Hänſel aber hae nit na dem Käen geſehen, ſondern immer einen von den blanken Kieſelſteinen aus ſeiner Tae auf den Weg geworfen.
Als e mien in den Wald gekommen waren, ſpra der Vater „nun ſammelt Holz, ihr Kinder, i wi ein Feuer anmaen, damit ihr nit friert.“ Hänſel und Grethel trugen Reig zuſammen, einen kleinen Berg ho. Das Reig ward angezündet, und als die Flamme ret ho brannte, ſagte die Frau „nun legt eu ans Feuer, ihr Kinder und ruht eu aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig nd, kommen wir wieder und holen eu ab.“
Hänſel und Grethel ſaßen am Feuer, und als der Miag kam, aß jedes ſein Stülein Brot. Und weil e die Släge der Holzaxt hörten, ſo glaubten e ihr Vater wäre in der Nähe. Es war aber nit die Holzaxt, es war ein Aſt, den er an einen dürren Baum gebunden hae und den der Wind hin und her lug. Und als e ſo lange geſeen haen, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und e liefen feſt ein. Als e endli erwaten, war es on finſtere Nat. Grethel fieng an zu weinen und ſpra „wie ſoen wir nun aus dem Wald kommen!“ Hänſel aber tröſtete e, „wart nur ein Weilen, bis der Mond aufgegangen iſt, dann woen wir den Weg on finden.“ Und als der voe Mond aufgeſtiegen war, ſo nahm Hänſel ſein Sweſteren an der Hand und gieng den Kieſelſteinen na, die immerten wie neu gelagene Baen und zeigten ihnen den Weg. Sie giengen die ganze Nat hindur und kamen bei anbreendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopen an die Thür, und als die Frau aufmate und ſah daß es Hänſel und Grethel war, ſpra e „ihr böſen Kinder, was habt ihr ſo lange im Walde gelafen, wir haben geglaubt ihr wotet gar nit wieder kommen.“ Der Vater aber freute , denn es war ihm zu Herzen gegangen daß er e ſo aein zurü gelaen hae.
Nit lange dana war wieder Noth in aen Een, und die Kinder hörten wie die Muer Nats im Bee zu dem Vater ſpra „aes iſt wieder aufgezehrt, wir haben no einen halben Laib Brot, herna hat das Lied ein Ende. Die Kinder müen fort, wir woen e tiefer in den Wald hineinführen, damit e den Weg nit wieder heraus finden; es iſt ſonſt keine Reung für uns.“ Dem Mann fiels wer aufs Herz und er date „es wäre beer, daß du den leten Bien mit deinen Kindern theilteſt.“ Aber die Frau hörte auf nits, was er ſagte, alt ihn und mate ihm Vorwürfe. Wer A ſagt muß au B ſagen, und weil er das erſte Mal nagegeben hae, ſo mußte er es au zum zweiten Mal.
Die Kinder waren aber no wa geweſen und haen das Geſprä mit angehört. Als die Alten liefen, ſtand Hänſel wieder auf, wote hinaus und Kieſelſteine aufleſen, wie das vorigemal, aber die Frau hae die Thür verloen, und Hänſel konnte nit heraus. Aber er tröſtete ſein Sweſteren und ſpra „weine nit, Grethel, und laf nur ruhig, der liebe Go wird uns on helfen.“
Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bee. Sie erhielten ihr Stüen Brot, das war aber no kleiner als das vorigemal. Auf dem Wege na dem Wald bröelte es Hänſel in der Tae, ſtand o ſti und warf ein Brölein auf die Erde. „Hänſel, was ſtehſt du und guſt di um,“ ſagte der Vater, „geh deiner Wege.“ „I ſehe na meinem Täuben, das t auf dem Dae und wi mir Ade ſagen,“ antwortete Hänſel. „Narr,“ ſagte die Frau, „das iſt dein Täuben nit, das iſt die Morgenſonne, die auf den Sornſtein oben eint.“ Hänſel aber warf na und na ae Brölein auf den Weg.
Die Frau führte die Kinder no tiefer in den Wald, wo e ihr Lebtag no nit geweſen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemat, und die Muer ſagte „bleibt nur da en, ihr Kinder, und wenn ihr müde ſeid, könnt ihr ein wenig lafen: wir gehen in den Wald und hauen Holz, und Abends, wenn wir fertig nd, kommen wir und holen eu ab.“ Als es Miag war, theilte Grethel ihr Brot mit Hänſel, der ſein Stü auf den Weg geſtreut hae. Dann liefen e ein, und der Abend vergieng, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwaten erſt in der finſtern Nat, und Hänſel tröſtete ſein Sweſteren und ſagte, „wart nur, Grethel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbrölein ſehen, die i ausgeſtreut habe, die zeigen uns den Weg na Haus.“ Als der Mond kam, maten e auf, aber e fanden kein Brölein mehr, denn die viel tauſend Vögel, die im Walde und im Felde umher fliegen, die haen e weggepit. Hänſel ſagte zu Grethel „wir werden den Weg on finden,“ aber e fanden ihn nit. Sie giengen die ganze Nat und no einen Tag von Morgen bis Abend, aber e kamen aus dem Wald nit heraus, und waren ſo hungrig, denn e haen nits als die paar Beeren, die auf der Erde ſtanden. Und weil e ſo müde waren daß die Beine e nit mehr tragen woten, ſo legten e unter einen Baum und liefen ein.
Nun wars on der drie Morgen, daß e ihres Vaters Haus verlaen haen. Sie fiengen wieder an zu gehen, aber e geriethen immer tiefer in den Wald und wenn nit bald Hilfe kam, ſo mußten e vermaten. Als es Miag war, ſahen e ein önes neeweißes Vöglein auf einem Aſt en, das ſang ſo ön, daß e ſtehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, wang es ſeine Flügel und flog vor ihnen her, und e giengen ihm na, bis e zu einem Häuen gelangten, auf deen Da es ſete, und als e ganz nah heran kamen, ſo ſahen e daß das Häuslein aus Brot gebaut war, und mit Kuen gedet; aber die Fenſter waren von heem Zuer. „Da woen wir uns dran maen,“ ſpra Hänſel, „und eine geſegnete Mahlzeit halten. I wi ein Stü vom Da een, Grethel, du kannſt vom Fenſter een, das met ſüß.“ Hänſel reite in die Höhe und bra ein wenig vom Da ab, um zu verſuen wie es mete, und Grethel ſtete an die Seiben und knuperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus
„knuper, knuper, kneien, wer knupert an meinem Häuen?“
„der Wind, der Wind, das himmlie Kind,“
und aßen weiter, ohne irre maen zu laen. Hänſel, dem das Da ſehr gut mete, riß ein großes Stü davon herunter, und Grethel ſtieß eine ganze runde Fenſtereibe heraus, ſete nieder, und that wohl damit. Da gieng auf einmal die Thüre auf, und eine ſteinalte Frau, die auf eine Krüe ſtüte, kam heraus gelien. Hänſel und Grethel erraen ſo gewaltig, daß e faen ließen was e in den Händen hielten. Die Alte aber waelte mit dem Kopfe und ſpra „ei, ihr lieben Kinder, wer hat eu hierher gebrat? kommt nur herein und bleibt bei mir, es geieht eu kein Leid.“ Sie faßte beide an der Hand und führte e in ihr Häuen. Da ward gutes Een aufgetragen, Mil und Pfannekuen mit Zuer, Äpfel und Nüe. Herna wurden zwei öne Belein weiß gedet, und Hänſel und Grethel legten hinein und meinten e wären im Himmel.
Die Alte hae nur ſo freundli angeſtet, e war aber eine böſe Hexe, die den Kindern auflauerte, und hae das Brothäuslein bloß gebaut, um e herbeizuloen. Wenn eins in ihre Gewalt kam, ſo mate e es todt, kote es und aß es, und das war ihr ein Feſttag. Die Hexen haben rothe Augen und können nit weit ſehen, aber e haben eine feine Wierung, wie die Thiere, und merkens wenn Menen heran kommen. Als Hänſel und Grethel in ihre Nähe kamen, da late e bosha und ſpra höhni „die habe i, die ſoen mir nit wieder entwien.“ Früh Morgens ehe die Kinder erwat waren, ſtand e on auf, und als e beide ſo liebli ruhen ſah, mit den voen rothen Baen, ſo murmelte e vor hin „das wird ein guter Bien werden.“ Da pate e Hänſel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Sta und ſperrte ihn mit einer Gierthüre ein; er mote reien wie er wote, es half ihm nits. Dann gieng e zur Grethel, rüelte e wa und rief „ſteh auf, Fauenzerin, trag Waer und ko deinem Bruder etwas gutes, der t draußen im Sta und ſo fe werden. Wenn er fe iſt, ſo wi i ihn een.“ Grethel fieng an bierli zu weinen, aber es war aes vergebli, e mußte thun was die böſe Hexe verlangte.
Nun ward dem armen Hänſel das beſte Een gekot, aber Grethel bekam nits als Krebalen. Jeden Morgen li die Alte zu dem Stäen und rief „Hänſel, ſtre deine Finger heraus, damit i fühle ob du bald fe biſt.“ Hänſel ſtrete ihr aber ein Knölein heraus, und die Alte, die trübe Augen hae, konnte es nit ſehen, und meinte es wären Hänſels Finger, und verwunderte daß er gar nit fe werden wote. Als vier Woen herum waren und Hänſel immer mager blieb, da übernahm e die Ungeduld, und e wote nit länger warten. „Heda, Grethel,“ rief e dem Mäden zu, „ſei flink und trag Waer: Hänſel mag fe oder mager ſein, morgen wi i ihn laten und koen.“ A, wie jammerte das arme Sweſteren, als es das Waer tragen mußte, und wie floen ihm die Thränen über die Baen herunter! „Lieber Go, hilf uns do,“ rief e aus, „häen uns nur die wilden Thiere im Wald gefreen, ſo wären wir do zuſammen geſtorben.“ „Spar nur dein Geblärre,“ ſagte die Alte, „es hil dir aes nits.“
Früh Morgens mußte Grethel heraus, den Keel mit Waer aufhängen und Feuer anzünden. „Erſt woen wir baen“ ſagte die Alte, „i habe den Baofen on eingeheizt und den Teig geknätet.“ Sie ſtieß das arme Grethel hinaus zu dem Baofen, aus dem die Feuerflammen on heraus lugen. „Krie hinein,“ ſagte die Hexe, „und eh zu ob ret eingeheizt iſt, damit wir das Brot hineinießen können.“ Und wenn Grethel darin war, wote e den Ofen zumaen, und Grethel ſote darin braten, und dann wote es au aufeen. Aber Grethel merkte was e im Sinn hae und ſpra „i weiß nit wie is maen ſo; wie komm i da hinein?“ „Dumme Gans,“ ſagte die Alte, „die Öffnung iſt groß genug, ehſt du wohl, i könnte ſelbſt hinein,“ krappelte heran und ſtete den Kopf in den Baofen. Da gab ihr Grethel einen Stoß daß e weit hinein fuhr, mate die eiſerne Thür zu und ob den Riegel vor. Hu! da fieng e an zu heulen, ganz grauſeli; aber Grethel lief fort, und die goloſe Hexe mußte elendigli verbrennen.
Grethel aber lief nurſtras zum Hänſel, öffnete ſein Stäen und rief „Hänſel, wir nd erlöſt, die alte Hexe iſt todt.“ Da ſprang Hänſel heraus, wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Thüre aufgemat wird. Wie haben e gefreut, nd um den Hals gefaen, nd herumgeſprungen und haben geküßt! Und weil e nit mehr zu fürten brauten, ſo giengen e in das Haus der Hexe hinein, da ſtanden in aen Een Kaſten mit Perlen und Edelſteinen. „Die nd no beer als Kieſelſteine“ ſagte Hänſel und ſtete in ſeine Taen was hinein wote, und Grethel ſagte „i wi au etwas mit na Haus bringen“ und füte ſein Sürzen vo. „Aber jet woen wir fort,“ ſagte Hänſel, „damit wir aus dem Hexenwald herauommen.“ Als e aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten e an ein großes Waer. „Wir können nit hinüber,“ ſpra Hänſel, „i ſehe keinen Steg und keine Brüe.“ „Hier fährt au kein Siffen,“ antwortete Grethel, „aber da wimmt eine weiße Ente, wenn i die bie, ſo hil e uns hinüber.“ Da rief e
„Enten, Enten, da ſteht Grethel und Hänſel. Kein Steg und keine Brüe, nimm uns auf deinen weißen Rüen.“
Das Enten kam au heran, und Hänſel ſete auf und bat ſein Sweſteren zu ihm zu ſeen. „Nein,“ antwortete Grethel, „es wird dem Enten zu wer, es ſo uns na einander hinüber bringen.“ Das that das gute Thieren, und als e glüli drüben waren und ein Weilen fortgiengen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endli erbliten e von weitem ihres Vaters Haus. Da fiengen e an zu laufen, ſtürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hae keine frohe Stunde gehabt, ſeitdem er die Kinder im Walde gelaen hae, die Frau aber war geſtorben. Grethel üete ſein Sürzen aus daß die Perlen und Edelſteine in der Stube herumſprangen, und Hänſel warf eine Handvo na der andern aus ſeiner Tae dazu. Da haen ae Sorgen ein Ende, und e lebten in lauter Freude zuſammen. Mein Mären iſt aus, dort lau eine Maus, wer e fängt, darf eine große große Pelzkappe daraus maen.
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Textgrundlage
- Brüder Grimm: Hänsel und Grethel. In: Kinder- und Haus-Märchen, 7. Aufl. (Ausgabe letzter Hand). Göttingen: Dieterich, 1857 (KHM 15). Link