Die Wichtelmänner
Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Nr. 39 (Ausgabe 1857) · Märchen · Kenner
Originale Rechtschreibung von 1857.
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Es war ein Schuſter ohne ſeine Schuld ſo arm geworden, daß ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun ſchnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den nächſten Morgen in Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewiſſen hatte, ſo legte er ſich ruhig zu Bett, befahl ſich dem lieben Gott und ſchlief ein. Morgens, nachdem er ſein Gebet verrichtet hatte und ſich zur Arbeit niederſetzen wollte, ſo ſtanden die beiden Schuhe ganz fertig auf ſeinem Tiſch. Er verwunderte ſich und wußte nicht was er dazu ſagen ſollte. Er nahm die Schuhe in die Hand um ſie näher zu betrachten: ſie waren ſo ſauber gearbeitet, daß kein Stich daran falſch war, gerade als wenn es ein Meiſterſtück ſein ſollte. Bald darauf trat auch ſchon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe ſo gut geelen, ſo bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuſter konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln. Er ſchnitt ſie Abends zu und wollte den nächſten Morgen mit friſchem Muth an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufſtand waren ſie ſchon fertig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm ſo viel Geld gaben daß er Leder zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand früh Morgens auch die vier Paar fertig; und ſo giengs immer fort, was er Abends zuſchnitt, das war am Morgen verarbeitet, alſo daß er bald wieder ſein ehrliches Auſkommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward. Nun geſchah es eines Abends nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeſchnitten hatte, daß er vor Schlafengehen zu ſeiner Frau ſprach „wie wärs wenn wir dieſe Nacht aufblieben um zu ſehen wer uns ſolche hilfreiche Hand leiſtet?“ Die Frau wars zufrieden und ſteckte ein Licht an; darauf verbargen ſie ſich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren und gaben acht. Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine niedliche nackte Männlein, ſetzten ſich vor des Schuſters Tiſch, nahmen alle zugeſchnittene Arbeit zu ſich und engen an mit ihren Fingerlein ſo behend und ſchnell zu ſtechen, zu nähen, zu klopfen, daß der Schuſter vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tiſche ſtand, dann ſprangen ſie ſchnell fort.
Am andern Morgen ſprach die Frau „die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müßten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen ſo herum, haben nichts am Leib und müſſen frieren. Weißt du was? ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für ſie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe ſtricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.“ Der Mann ſprach „das bin ich wohl zufrieden,“ und Abends, wie ſie alles fertig hatten, legten ſie die Geſchenke ſtatt der zugeſchnittenen Arbeit zuſammen auf den Tiſch und verſteckten ſich dann, um mit anzuſehen wie ſich die Männlein dazu anſtellen würden. Um Mitternacht kamen ſie herangeſprungen und wollten ſich gleich an die Arbeit machen, als ſie aber kein zugeſchnittenes Leder, ſondern die niedlichen Kleidungſſtücke fanden, verwunderten ſie ſich erſt, dann aber bezeigten ſie eine gewaltige Freude. Mit der größten Geſchwindigkeit zogen ſie ſich an, ſtrichen die ſchönen Kleider am Leib und ſangen
„ſind wir nicht Knaben glatt und fein? was ſollen wir länger Schuſter ſein!“
Dann hüpften und tanzten ſie, und ſprangen über Stühle und Bänke. Endlich tanzten ſie zur Thüre hinaus. Von nun an kamen ſie nicht wieder, dem Schuſter aber gieng es wohl ſo lang er lebte, und es glückte ihm alles was er unternahm.
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Textgrundlage
- Brüder Grimm: Die Wichtelmänner. In: Kinder- und Haus-Märchen, 7. Aufl. (Ausgabe letzter Hand). Göttingen: Dieterich, 1857 (KHM 39). Link