Die Sternthaler
Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Nr. 153 (Ausgabe 1857) · Märchen · Fortgeschritten
Originale Rechtschreibung von 1857.
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Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter geſtorben, und es war ſo arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte darin zu wohnen und kein Bettchen mehr darin zu ſchlafen und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geſchenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es ſo von aller Welt verlaſſen war, gieng es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. Da begegnete ihm ein armer Mann, der ſprach „ach, gib mir etwas zu eſſen, ich bin ſo hungerig.“ Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und ſagte „Gott ſegne dirs“ und gieng weiter. Da kam ein Kind das jammerte und ſprach „es friert mich ſo an meinem Kopfe, ſchenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.“ Da that es ſeine Mütze ab und gab ſie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror: da gab es ihm ſeins: und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von ſich hin. Endlich gelangte es in einen Wald, und es war ſchon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte „es iſt dunkle Nacht, da ſieht dich niemand du kannſt wohl dein Hemd weg geben,“ und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin. Und wie es ſo ſtand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter harte blanke Thaler: und ob es gleich ſein Hemdlein weg gegeben, ſo hatte es ein neues an und das war vom allerfeinſten Linnen. Da ſammelte es ſich die Thaler hinein und war reich für ſein Lebtag.
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Textgrundlage
- Brüder Grimm: Die Sternthaler. In: Kinder- und Haus-Märchen, 7. Aufl. (Ausgabe letzter Hand). Göttingen: Dieterich, 1857 (KHM 153). Link